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Radsport in Ruanda : Equipe der Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Am Start vereint: Ein Rad-Team als Symbol der Versöhnung und des Zukunftglaubens Bild: Blanken/Hollandse Hoogte/laif

Hutu und Tutsi Rad an Rad - das Team Ruanda ist eine Schicksalsgemeinschaft und bietet auch ihrem Trainer eine neue, eine letzte Chance. Das gemeinsame Ziel ist die Tour de France.

          5 Min.

          Draußen herrscht trockene Hitze. Drinnen, in einer dunklen, fensterlosen Holzhütte, sitzt Gasore Hategeka auf einem Holzhocker und träumt davon, die Tour der France zu gewinnen. Er möchte das Gelbe Trikot tragen, bis nach Paris fahren, vorbei an Hunderttausenden, die ihm zujubeln. Das wäre der Höhepunkt, das maximale Ziel. Aber er seufzt, zuckt die Schultern und drückt seine Schuhspitzen in den staubigen Boden: „So weit bin ich leider noch nicht.“

          Er ist 24 oder 25 Jahre alt, sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht. Kürzlich ließ er sich ein Haus aus Stein bauen, mit Strom und fließendem Wasser, in das er bald mit seiner Ehefrau Marceline einziehen wird. Er verdient 100 Dollar im Monat und hat einen festen Job. Und das ist in dem Dorf Sashwara in Ruanda sehr viel. Hategeka ist Radrennfahrer im Team Ruanda. Er trägt stolz das Trikot mit den Farben Azurblau, Knallgelb und Hellgrün; sein 3000 Dollar teures Rad der Marke Eddy Merckx und die 200 Dollar teuren Schuhe stehen glänzend in dem unmöblierten Raum.

          Sein Idol ist der Spanier Alberto Contador. Hategeka lächelt verlegen, wenn er von seinem Vorbild spricht. Er geht in eine Ecke und kramt ausländische Magazine hervor. Weil er weder schreiben noch lesen kann, dauert es, bis er die Artikel über sich gefunden hat. Der junge Mann kann es immer noch nicht glauben, dass sich Fremde für ihn interessieren. Ungläubig tippt er auf die Hochglanzfotos. „Hier, das bin ich.“

          Heute ist Ruanda ein Vorbild für den Kontinent

          Ob der Asphalt vor Hitze glüht oder ob es Bindfäden regnet, jeden Tag setzt sich Hategeka seinen Helm auf und fährt los. Radfahren ist für ihn mehr als nur ein Sport, es ist für ihn ein Versprechen, aus der Armut zu entkommen und die Vergangenheit abzuschütteln. Seine Mutter starb, als er noch ein Baby war. Der Hutu musste während des Genozids 1994 mit seiner Familie in den Kongo fliehen und später mitansehen, wie sein Vater von Tutsi-Soldaten ermordet wurde. Plötzlich war er Waise, ein „Maibobo“, so werden die Straßenkinder in Ruanda genannt. Um ein wenig Geld zu verdienen, baute Hategeka sich ein Holzrad und transportierte damit Kartoffeln. Sein erstes richtiges Rad kaufte er sich 2008, es hatte keine Gänge, keine Bremsen und keinen Stahlrahmen; er zahlte 60 Dollar dafür. Und dann, nur ein Jahr später, wurde er auf der Straße von seinem heutigen Trainer entdeckt, getestet und in das Team Ruanda aufgenommen.

          Unterwegs zum großen Traum: Adrien Niyonshuti

          Im Team Ruanda fahren zwölf Fahrer. Es sind Hutu und Tutsi, die zusammen trainieren und leiden, sich anspornen und eines gemeinsam haben: Sie haben alle während des Genozids Angehörige verloren. Der ostafrikanische Staat war vor 18 Jahren Schauplatz eines Völkermordes. Auslöser war der Abschuss eines Flugzeugs am Abend des 6. April 1994. Dabei kam der damalige Staatspräsident Juvénal Habyarimana ums Leben, der zur Volksgruppe der Hutu gehörte. Die seit Jahrzehnten schwelenden Spannungen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi eskalierten. In den hundert Tagen, die folgten, schlachteten extremistische Hutu etwa 800 000 Menschen ab, zumeist Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch moderate Hutu, die sich dem Wüten entgegenstellten. Eine vom heutigen Präsidenten Paul Kagame geführte Exilarmee beendete den Massenmord mit dem Einmarsch aus Uganda.

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