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Radsport in der Krise : Mit Schwung an die Wand

  • -Aktualisiert am

Hundert Jahre lang gab es den Thüringer Klassiker „Rund um die Hainleite” Bild: picture-alliance/ dpa

Die Selbstzerstörung des Radsports hat in Deutschland eine enorme Dynamik erreicht. Die Dopingproblematik trifft die Veranstalter nun mit voller Wucht, die Sponsoren steigen reihenweise aus. Eine Rundfahrt nach der anderen muss aufgeben.

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          „Broken bicycles, old busted chains
          With rusted handle bars, out in the rain
          Somebody must have an orphanage for
          All these things that nobody wants
          any more.“



          Das traurigste Lied über Räder, die sich nicht mehr drehen, hat Tom Waits schon 1982 geschrieben. Es ist ein Lied, das der deutsche Radsport zu seiner aktuellen Hymne erklären sollte. Allein in dieser Woche haben sich drei wichtige Veranstaltungen aus dem Terminkalender verabschiedet. Die Niedersachsen-Rundfahrt ist am Ende, ebenso die Drei-Länder-Tour, die früher einmal Hessen-Rundfahrt hieß, außerdem das hundert Jahre alte Eintagesrennen „Rund um die Hainleite“, ein Thüringer Klassiker. Die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt hatte bereits im vergangenen Jahr aufgegeben, und das Sterben wird weitergehen, daran gibt es keinen Zweifel.

          „Die Termine, die es jetzt erwischt hat, liegen früh in der Saison“, sagt Otto Pätzold, der bisherige Geschäftsführer der Niedersachsen-Rundfahrt. „Ich fürchte, dass noch andere Veranstalter die Reißleine ziehen müssen, dass noch andere Veranstaltungen wegbrechen.“ Die Niedersachsen-Rundfahrt, sagt er, sei „unter dem Damoklesschwert der Dopingprobleme“ nicht mehr realisierbar gewesen.

          Die Geduld der Sponsoren ist zu Ende

          Das nächste Opfer könnte die Regio-Tour sein, die durch Südbaden führt. Organisator Rudi Renz wartet noch auf Nachricht vom Hauptsponsor, der staatlichen Rothaus-Brauerei. „Wenn Rothaus aussteigt, sieht es schlecht aus“, sagt er. Nach Fastnacht hat der Sponsor eine Presseerklärung angekündigt; folgt er dem Trend und verabschiedet sich vom Radsport wie Volkswagen bei der Niedersachsen-Rundfahrt und die Sparkassenversicherung bei der Drei-Länder-Tour, dann wird auch das Kapitel Regio-Tour beendet sein.

          Die Selbstzerstörung des Radsports hat in Deutschland eine enorme Dynamik erreicht. Die Dopingproblematik, auch von Veranstaltern lange Zeit als vorübergehend angesehen, hat sie nun mit Wucht getroffen, die Geduld der Sponsoren ist zu Ende, die Unternehmen steigen reihenweise und fluchtartig aus, T-Mobile und Gerolsteiner haben es vorgemacht. Zurück bleibt eine von Ratlosigkeit geprägte Szene.

          Auch Frankfurt und Köln in Nöten

          Dem Radsport ergehe es wie dem Boxen in den Sechzigern, findet Pätzold. Die Faustkämpfer seien seriöse, anerkannte Sportler gewesen, bis Jupp Elze, vollgepumpt mit Drogen, 1968 im EM-Kampf gegen Juan Duran ins Koma fiel und starb. Danach sei Boxen ewig lange im Schmutz versunken, bis Kämpfer wie Henry Maske ihn wieder halbwegs salonfähig gemacht hätten. Ob der Radsport dies jemals wieder schafft?

          „Wenn diese Saison nicht absolut sauber über die Runden geht“, sagt Pätzold, „dann sehe ich schwarz.“ Auch für die wenigen Veranstaltungen, die noch übrig bleiben. Ein Problemfall ist bereits „Rund um Köln“, das nach dem Ausfall von Hauptsponsor DEVK hofft, die Finanzierung durch rigide Sparmaßnahmen noch einmal hinzubekommen. Auch der Halbklassiker „Rund um den Henninger Turm“ in Frankfurt ist in Nöten.

          „Jetzt sind wieder 10.000 Euro weg“

          Der Hauptsponsor verabschiedet sich nach diesem Jahr, ein Nachfolger ist trotz verzweifelter Suche nicht in Sicht. Die Frankfurter haben zusätzlich das Problem, dass im vergangenen Mai ausgerechnet der notorische Doper Patrik Sinkewitz vor der Henninger-Brauerei gewann und damals als hessischer Lokalheld ausgiebig gefeiert wurde. Den Sieg kann man ihm nicht nehmen, weil er, obwohl sonst geständig, angibt, genau bei diesem Rennen, dem einzigen, das er 2007 gewann, nicht gedopt gewesen zu sein. Solche Erklärungen jedoch sind Sponsoren nicht mehr länger zu vermitteln. In Frankfurt hoffen sie nun auf politische Hilfestellung der Stadt und des Landes, doch auch darauf können die Veranstalter nicht mehr bauen. Bei der Niedersachsen-Rundfahrt zum Beispiel hatte das Land schon 2006 jede Förderung gestrichen. Und nach dem Desaster der Rad-WM in Stuttgart im vergangenen Jahr ist Radsport als Mittel zum Standortmarketing ohnehin unten durch.

          Was bleibt an Großveranstaltungen, an Profiradsport in Deutschland? Als halbwegs gesichert kann die Deutschland-Tour gelten, aber auch nur, wenn das Fernsehen mitspielt. Sollte der Radsport im Frühjahr und Sommer wieder mit Dopingskandalen Schlagzeilen machen, würde die ARD kaum in großem Stil von der Deutschland-Tour berichten. Deshalb ergeht es den Veranstaltern der Deutschland-Rundfahrt wie allen ihren Kollegen: Sie schauen sich die kommenden Rennen mit gemischten Gefühlen an. Pätzold erinnert sich noch mit Grauen an das vergangene Jahr: „Immer wenn ich im Videotext von einem neuen Dopingfall gelesen habe, wusste ich: Jetzt ist wieder ein Sponsor weg, jetzt sind wieder 10.000 Euro weg.“

          Basis ist also da, Zuschauer auch

          Gesichert ist für dieses Jahr noch die Bayern-Rundfahrt. Die Volks- und Raiffeisenbanken als Hauptsponsor bleiben im Boot, doch auch Organisator Ewald Strohmeier weiß: „ Wenn 2008 wieder so wird wie 2007, was die Dopingproblematik betrifft, dann wird es auch für uns eng.“

          Als kerngesund und zukunftstauglich kann im Prinzip nur noch ein einziges Straßen-Profiradrennen in Deutschland gelten: die Vattenfall Cyclassics in Hamburg. Das liegt nicht am Weltcup-Status der Veranstaltung, sondern am Rahmenprogramm. Den Hamburgern ist es nämlich gelungen, mit einem Jedermann-Rennen mehr als eine Million Euro einzunehmen, das ist etwa so viel, wie Drei-Länder-Tour, Niedersachsen-Rundfahrt und Regio-Tour zusammen gekostet haben. Als am Dienstag die Liste für das diesjährige Hamburger Jedermann-Rennen im Internet geöffnet wurde, hatten sich nach einer Stunde mehr als 10.000 Hobbyfahrer angemeldet, bei 22.000 ist Schluss. Die Basis ist also da, Zuschauer auch. Aber die Sponsoren haben die Flucht ergriffen, und ohne sie fährt der Radsport mit Schwung an die Wand.

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