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Radsport : Harte Kritik am Tour-Ausstieg von ARD und ZDF

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In Zukunft wird der Radsport in Deutschland wohl nur noch ein Schattendasein fristen Bild: picture-alliance/ dpa

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen springt ab, Rennen sterben, Sponsoren fliehen - Deutschland wird zum weißen Fleck auf der Landkarte des Profi-Radsports. Im Ausland hingegen wird heftige Kritik am deutschen Krisen-Management geübt.

          Deutschland wird zum weißen Fleck auf der Landkarte des Profi-Radsports. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen springt ab, Rennen sterben, Sponsoren fliehen, Politiker drohen mit Mittel-Streichungen. Milram wird 2009 das einzige deutsche ProTour-Team sein und stellt sein weiteres Engagement auch mit dem zukünftig zu erzielenden Werbeeffekt in Zusammenhang.

          „Radsport in Deutschland wird auf die Bedeutung vor Jan Ullrich zurückfallen“, vermutet Jochen Hahn, Sportlicher Leiter bei Milram. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) erwägt bei zukünftigen Titelkämpfen und Olympischen Spielen als Konsequenz des Dopingfalles Schumacher auf die Nominierung von Profis zu verzichten und plant für 2009 mit einem Alternativ-Haushalt.

          „Deutschland sagt dem Radsport Addio“

          In den traditionellen Radsport-Hochburgen Frankreich und Italien gehen Medien und Öffentlichkeit anders mit den nicht endenden Doping- Affären um. Es sollte wohl „gesucht und nichts gefunden werden“ umschrieb der Tour-de-France-Veranstalter ASO die Forderung von ARD und ZDF nach knallharten Doping-Konsequenzen und ihrem Rückzug aus der Live-Berichterstattung von der Tour. „Deutschland sagt dem Radsport Addio“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“ am Freitag und feiert weiter seitenlang die 2009 bevorstehende Giro-Premiere der „Problem-Personalie“ Lance Armstrong.

          Beim Landgericht Hamburg wurde der von Ullrich gegen den Molekular-Biologen Werner Franke angestrengte Prozess auf den 28. November vertagt. Franke hatte behauptet, der ehemalige Profi habe 35.000 Euro an Eufemiano Fuentes für Doping gezahlt. Franke-Anwalt Michael Lehner, der auch den in der A-Probe des Dopings überführten Radprofi Stefan Schumacher vertritt, will wie sein Mandant vorerst schweigen. An ein Geständnis wie bei seinem Team-Kollegen Bernhard Kohl ist im Moment nicht zu denken. „Bevor wir nicht die Analyse-Ergebnisse schriftlich vorliegen haben, äußern wir uns nicht“, sagte Lehner am Freitag der Deutschen Presse-Agentur dpa.

          „Einst stand Ullrich auf einer Stufe mit Schumacher“

          Die ASO, Veranstalter der Tour und zahlreicher anderer Profi- Rennen, zeigte kein Verständnis für den Ausstieg der öffentlich rechtlichen Sender in Deutschland. Schließlich dürften dadurch rund sieben Millionen Euro im Tour-Budget fehlen. „Die ARD hat einen Anti- Doping-Kampf verlangt und empört sich, wenn gedopte Fahrer entlarvt werden“, hieß es in einer Stellungnahme der Pariser Verlagsgruppe, die sich „seit einigen Jahren einen Kampf gegen Doping ohne Pardon“ attestierte. „Einst stand Jan Ullrich auf einer Stufe mit Michael Schumacher, aber jetzt geht es dem Radsport in Deutschland wirklich mies“, schrieb die „Gazzetta“.

          Die Amaury Sports Organisation (ASO) zitierte den Vorsitzenden der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD, Pierre Bordry, der in diesem Jahr die Kontrollen bei der Tour leitete und sieben Doper entlarvt hatte - darunter in einem nachträglichen Test Schumacher und Kohl: „Die große Mehrheit der Fahrer dopt nicht.“ Neben den Namen der beiden Gerolsteiner-Profis kursierten während der WM in Varese Ende September noch andere Namen prominenter Fahrer, denen ebenfalls das Blut-Doping-Mittel Cera nachgewiesen worden sein soll.

          „Existenzkampf bis an die Todesgrenze verschärft“

          Nach dem Fall Kohl hatte Bordry die Nach-Untersuchungen von insgesamt rund 30 Proben allerdings für abgeschlossen erklärt. Rudolf Scharping sieht den nationalen Radsport nach dem TV- Ausstieg sowie der Absage der Deutschland-Tour in seiner Existenz bedroht. „Der schon länger anhaltende Existenzkampf hat sich dadurch bis an die Todesgrenze verschärft. Es wird im kommenden Jahr finanzielle Einbußen geben, weil die Einnahmen aus mehreren Rennen wegfallen“, sagte der BDR-Präsident.

          Der Verband wird daher einen Nothaushalt für 2009 aufstellen, „um den möglichen Verlust von Partnern abfedern zu können“. Der BDR habe 2007 als einziger deutscher Spitzensportverband ein Präventivprogramm im Anti-Doping-Kampf begonnen und gehöre zu den acht Fachverbänden, die in diesem Jahr auf eigene Kosten mehr als die mit öffentlichen Mitteln finanzierten Kontrollen durchgeführt haben.

          „Das ist ein unverantwortlicher Populismus“

          Unverständnis äußerte der frühere Verteidigungsminister über die Politiker-Forderung, dem BDR im kommenden Jahr die Mittel zu sperren oder zu streichen: „Das ist ein unverantwortlicher Populismus und würde diejenigen treffen, die damit nichts zu tun haben.“

          Milram-Vorstands-Mitglied Martin Mischel behält sich einen Ausstieg aus dem Vertrag vor dem Ablauf 2010 vor - allein aus Marketing-Gesichtspunkten: „Für uns als Sponsor des einzigen deutschen Teams ergibt sich die Notwendigkeit, den Wert unseres Engagements neu zu beurteilen. Das können wir erst nach Ablauf des kommenden Jahres, wenn wir die Auswirkungen auf den tatsächlichen Werbeeffekt 2009 für unsere Marke bewertet haben.“

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