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Entwicklung im Radsport : Giro-Sieger Hart und die neue Strategie des Teams Ineos

  • -Aktualisiert am

„Eigentlich auch egal“: Tao Geoghegan Hart in Mailand Bild: Reuters

Jetzt soll es Spaß machen: Radprofi Tao Geoghegan Hart gewinnt überraschend den Giro d’Italia und steht vor einer verheißungsvollen Zukunft. Das liegt nicht nur an seinen persönlichen Fähigkeiten.

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          „Ich weiß es nicht und es mir eigentlich auch egal.“ Antwortete Tao Geoghegan Hart vor der prachtvollen Kulisse der Piazza del Duomo auf die Frage, was in seiner Karriere noch alles zu erwarten sei. Der Brite war am Sonntagnachmittag ganz verhaftet im Hier und Jetzt des unvorhergesehen und größten Triumphs seiner Karriere. Gestartet war Hart vor drei Wochen in Sizilien als klassischer Domestike, als Zuarbeiter in seinem Rennstall Ineos. Beendet hat er den Giro d’Italia nach rund 3300 Kilometern im Sattel in Mailand als Gesamtsieger.

          Die 103. Ausgabe der Italien-Rundfahrt war eine ganz und gar außergewöhnliche. Nicht nur, dass einige Etappen durch herbstlichen Regen, Wind und auf Passstraßen durch die teilweise schneebedeckten Alpen führten in einem Land mit stetig steigenden Infektionszahlen. Auch die Blase, in der sich Fahrer und Teams einfanden, hielt nicht: Corona-Fälle führten zu dem Ausstieg aus dem laufenden Rennbetrieb von mehreren Fahrern und zwei ganzen Mannschaften.

          Wer gewinnt die großen Rundfahrten?

          Ein paar Tage lang schien der Abbruch des Giro wahrscheinlicher als seine Ankunft in Mailand. Und dass mit Hart und dem Australier Jai Hindley von Equipe Sunweb zwei Profis zeitgleich in das finale Zeitfahren am Sonntag gingen, war auch ein Novum. Und so passte es zu den wendungsreichen drei Wochen, dass einer gewinnt, auf den die Bezeichnung Überraschungssieger noch untertrieben erscheint. Der 25-Jährige reiht sich ein in eine Entwicklung im Radsport: Junge Profis gewinnen die großen Rundfahrten.

          Hart war vor drei Wochen ein talentierter, ein aufstrebender Profi. Ein Fahrer aus der zweiten Reihe, für die Buchmacher Quoten oft nur auf Anfrage herausgeben. „Es ist unglaublich, wirklich unglaublich“, sagte Hart, der in Andorra wohnt. Und weiter: „Ich bleibe dieselbe Person, bleibe so professionell, wie ich immer war, engagiert, wache jeden Tag auf und freue mich darauf, Fahrrad zu fahren und mein Leben zu lieben.“

          Schmerzhafter Crashkurs

          Auf der Bahn daheim entdeckte der Mann aus Hackney im Osten Londons seine Leidenschaft für den Straßenrennsport. Im Jahr 2017 schloss er sich dem erfolgsverwöhnten Team Sky (heute Ineos) an. Seine erste Grand Tour im Jahr darauf, die Vuelta a Espana, beendete er auf Rang 20. Für den Giro 2019 war schon eine Rolle mit mehr Freiheiten für das Talent vorgesehen, doch Hart bekam einen schmerzhaften Crashkurs über die Härten einer dreiwöchigen Rundfahrt: Er musste mit Sturzverletzungen aufgeben.

          Die Freude ist auch bei den Teamkollegen groß: Tao Geoghegan Hart (Dritter von links) gewinnt den Giro d’Italia.
          Die Freude ist auch bei den Teamkollegen groß: Tao Geoghegan Hart (Dritter von links) gewinnt den Giro d’Italia. : Bild: EPA

          Zwei Bergetappen in der finalen Rennwoche vermochte Hart in Italien für sich entscheiden, aber so richtig ließ er es nicht an sich heran, die Chance, das „Maglia Rosa“, das rosafarbene Trikot des Gesamtführenden auf einem Podest in Mailand tragen zu können. Bis zum Sonntagvormittag. Vor dem Start des entscheidenden 15,7 Kilometer langen Zeitfahrens. „Ich hatte diese seltsamen zwei Stunden allein in einem Raum“, erzählte Hart. Dies seien die Momente gewesen, in dem er sich der historischen Chance gewahr wurde. Als Ratgeber fungierten Bradley Wiggins, Tour-Sieger 2012, und Geraint Thomas, Tour-Sieger von 2018. „Jungs“, so Hart, „zu denen ich fast mein halbes Leben lang aufgeschaut habe. Sie sind diejenigen, die mich inspiriert haben, hierher zu kommen.“ Zum elften Grand-Tour-Triumph eines britischen Profis seit Wiggins 2012 die Ära der schnellen Männer von der Insel lostrat.

          Angeleitet worden sind sie alle von Sir David Brailsford, Gehirn der mit reichlich Geld alimentierten Radsportunternehmung Ineos. Zum Giro-Start in Sizilien war Ineos angetreten, um so Rad zu fahren wie Ineos immer Rad fährt: Defensiv, alles kontrollierend, alles auf die Gesamtwertung setzend mit hochbezahlten wie hochdisziplinierten Profis. Doch als Kapitän Thomas bei der dritten Etappe mit gebrochenem Becken ausschied, eröffnete Brailsford das Rennen intern neu. Hart fiel die Aufgabe zu, sich an die Favoriten zu hängen und zu schauen, wie lange er mithalten könne. Enorme sieben Etappensiege für seine Farben und dem „Maglia Rosa“ für Hart später zeigte sich Brailsford selig wie nie. Mit unserem defensiven Fahrstil „haben wir viel gewonnen“, aber es habe im Vergleich zu diesen drei Giro-Wochen „nicht so viel Spaß gemacht“, sagte er bei „Eurosport“.

          Weil der Teammanager als kühler, bisweilen eiskalter Kalkulator gilt, steht er nicht in Verdacht, im Überschwang unbedachte Dinge zu erzählen. So horchte die Radsportwelt auf, als Brailsford einen Paradigmenwechsel bei Ineos ankündigte. „Letztendlich geht es um Rennsport, es geht um Emotionen und die aufregenden Momente, und genau das wollen wir sein“, sagte Brailsford. „Das ist eine ganz neue, andere Geschichte.“ Mit einem jungen Briten namens Tao Geoghegan Hart, der das erste Kapitel geprägt hat.

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