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Radsport : Die stillen Doper

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Radsport: Der Doping-Verdacht fährt auch bei den Amateuren mit Bild: dpa

600 Rennen, 20.000 Rennlizenzen - aber von Kontrollen wird die Basis des deutschen Radsports kaum gestört. „Bei fast 90 Prozent der Rennen wird nicht oder nur sporadisch kontrolliert“, sagt der Kölner Achim Schmid, der 17 Jahre lang Radrennen gefahren ist.

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          Schrill läutet die Glocke am Zielrichterwagen. „Nächste Runde Wertungsrunde. Einhundert, fünfzig, zwanzig“, tönt es aus den Lautsprechern. Gemeint sind Bar-Beträge in Euro, die von den ersten drei, die in dieser Runde über den Zielstrich fahren, gewonnen werden. Vier Runden später läutet es wieder: „Nächste Runde Einkaufsgutschein im Wert von 100 Euro der Firma Elektro Schmidt“.

          Die Sprint-Ansagen gehören zur gewohnten Geräuschkulisse bei Rad-Amateurrennen. Amateure? Es gibt viele dieser Wertungsrunden und viele dieser Geldverdiener-Rennen, besonders in der Radsporthochburg Nordrhein-Westfalen. Teilweise sind die Prämien erheblich. Dazu kommt, je nach Bekanntheitsgrad des Sportlers, ein Antrittsgeld. So kann an einem Wochenende mit zwei Rennen schon ein Betrag von etlichen hundert Euro zusammenkommen. Es könnte sich also lohnen, Spritzigkeit und Ausdauer ein bißchen nachzuhelfen. Von Dopingskandalen wird die Basis des deutschen Radsports trotzdem nicht gestört. Positive Fälle oder sogar, wie nun während der Tour, ein alles in Frage stellender Skandal sind nicht zu erwarten. Die Rad-Amateure, die bis zu 30.000 Kilometer pro Jahr im Rennsattel absolvieren, gelten als die stillen Doper im Land. Getestet wird hier so gut wie gar nicht.

          Noch schnell mal „frisch“ machen

          „Bei fast 90 Prozent der Rennen wird nicht oder nur sporadisch kontrolliert“, sagt der Kölner Achim Schmid, der 17 Jahre lang in der höchsten deutschen Amateurklasse Radrennen gefahren ist. Mittlerweile ist der promovierte Sportwissenschaftler mit der Radsportausbildung angehender Sportpädagogen an der deutschen Sporthochschule Köln befaßt. „Es gibt knapp 600 Radrennen pro Jahr in Deutschland, davon sind nur etwas mehr als zehn Prozent Straßenrennen, die im internationalen Rennkalender stehen“, sagt er. Wenigstens dort werde kontrolliert.

          In den übrigen Wettbewerben schaffen höchstens unkonventionelle Methoden Abhilfe. So konnte der Teilnehmer eines Amateurradrennens in Nordrhein-Westfalen beobachten, wie sich ein Konkurrent zur Hälfte des Rennens mit einer entsprechenden Tablette noch schnell „frisch“ machte. Scherzend warnte er ihn vor den anstehenden Kontrollen des Radsport-Weltverbandes (UCI). Das hatte Folgen: Drei Runden später stieg der Angesprochene mit „Materialschaden“ aus.

          Prinzip Vorbeugung, weil es keine Kontrolle gibt

          Trainingskontrollen müssen Amateur-Rennfahrer kaum fürchten. Rund 20.000 Rennlizenzen gibt es in Deutschland. Davon sind aber nur rund 420 Radsportler bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) gemeldet und müssen mit unangemeldeten Tests rechnen. Alle anderen können im kontrollfreien Raum trainieren und Radrennen bestreiten. Der aktuelle deutsche Meister im Straßenradsport, Dirk Müller, hat zum Beispiel in der Zeit vor seinem spektakulären Sieg nicht mit einer Trainingskontrolle rechnen müssen. Er fuhr für ein Amateurteam. Ein striktes Kontrollprogramm wäre auch hier dringend erforderlich. Doch den dafür zuständigen Institutionen, besonders der Nada, fehlt die finanzielle und personelle Ausstattung, damit sie ihre Hausaufgaben machen kann.

          Ein effektives Kontrollprogramm ist also ohne deutlich höheren Aufwand an Steuermitteln nicht zu leisten. Ein anderer Ansatz, der auf die noch „unverdorbenen“ Radsportler abzielt, ist die Vorbeugung. Nach Schmidts Erfahrung aber wird dem Dopingthema innerhalb der Trainerausbildung seitens des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) lange nicht die Bedeutung beigemessen, die dringend notwendig ist. Eine Besserung ist seiner Meinung nach erst in Sicht, wenn „es gelingt, die alten Strukturen aufzubrechen“.

          Anti-Doping-Engagement beruht auf privaten Initiativen

          Speziell der Rolle des Trainers müsse innerhalb der Doping-Prävention eine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden. Doch die Praxis sieht anders aus: Rund 40 Radsport-Trainer, die im vorigen Jahr für die Verlängerung ihrer A-Lizenz eine Fortbildung in Leipzig absolvieren mußten, erhielten zum Beispiel bei dieser Gelegenheit wertvolle Tips. Doping mit Wachstumshormon hGH, dem Wachstumsfaktor IGF1 und dem Nierenmedikament Epo solle man tunlichst unterlassen, denn es sei mittlerweile nachweisbar, erklang es aus dem Mund eines fachkundigen Referenten. Doping-Prävention, Aufklärung über Gefahren und Risiken von Dopingpraktiken? Das hält der für die Fürsorge seiner Mitglieder verantwortliche BDR in seiner Trainerausbildung bislang nicht für nötig. In einigen wenigen Fällen, wie im Radsportverband Rheinland-Pfalz oder beim Radsport-Team Lübeck, beruht das Anti-Doping-Engagement auf privaten Initiativen.

          Gert Hillringhaus, in Lübeck für die Radsportjugend verantwortlich, ist Diplom-Ingenieur und als solcher Seiteneinsteiger in den Radsport. Er ist niemals Radrennen gefahren, trainiert aber seit sieben Jahren eine der heute erfolgreichsten Keimzellen im radsportlichen Nachwuchs. „Bislang wurde unser Konzept zur Doping-Prävention nur milde belächelt. Erst jetzt, nach dem Super-GAU im Radsport, wird man auf uns aufmerksam“, sagt Hillringhaus.

          Keine Daten zum Doping im Radsport gesammelt

          Daß anderswo dem Thema Doping wenig Bedeutung beigemessen wird, verdeutlicht auch der erste entdeckte Epo-Fall im deutschen Sport. Dem Nienburger Radprofi Holger Sievers wurde im Jahr 2002 kurz vor dem Start der Deutschland-Tour, an der er teilnahm, durch eine Trainingskontrolle der Mißbrauch des Nierenmedikaments Epo nachgewiesen. Kein Problem sah man aber offenbar darin, daß er im Jahr darauf, als aktiver Radsportler gesperrt, dennoch als Teamchef einer drittklassigen Mannschaft fungierte, dessen erklärte Absicht es war, Talente aus der Region und junge Rennfahrer an den Profisport heranzuführen.

          Ein Überblick über die Verhältnisse im Amateursport ist kaum möglich. Dagegen steht schon die deutsche Gesetzeslage. Im europäischen Ausland hingegen waren zahlreiche Nachwuchs- und Amateurfahrer von Strafverfahren betroffen. So in Italien in den Jahren 2003 und 2004, als unter dem Decknamen „Oil for drug“ die Fahnder in 29 Provinzen fündig wurden. In Frankreich waren es die Städte Reims und Poitiers 1998, Perpignan 2000, noch einmal Reims 2002 und Bordeaux 2005, die den Affären ihre Namen gaben. In allen Fällen wurde die ganze Palette an Medikamenten gefunden, die heute im Profi-Radsport üblich zu sein scheint. In Italien soll im Bereich der Junioren (unter 23 Jahren) verschiedenen Quellen zufolge ein erheblicher Epo-Mißbrauch nachgewiesen worden sein.

          Für Deutschland werden keinerlei Daten zum Doping im Radsport gesammelt. Ebenso gibt es keine Erhebung, die unterscheidet, ob positive Dopingproben von Amateuren, Junioren oder Profis stammen. Zudem ist das derzeit aktuelle und in großem Umfang eingesetzte Eigenblut-Doping zwar sportrechtlich verboten, aber nicht nachweisbar. Es ist seit den siebziger Jahren bekannt, verstößt aber in Deutschland gegen kein geltendes Gesetz. Ein Eingreifen der staatlichen Behörden ist somit nicht möglich.

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