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Radsport : Die sauberste WM - oder nur Volksverdummung?

Verfolgungsjagd? Nein, diese Polizisten sind keine Dopingfahnder Bild: AFP

In diesem Jahr findet die Rad-WM unter bemerkenswerten Begleitumständen statt. „Es geht um einen Neuanfang“, sagte UCI-Präsident Pat McQuaid. Ob dieser Anspruch in Stuttgart allerdings erfüllt werden kann, ist zweifelhaft.

          Stefan Schumacher hat dieser Tage das Gelände in Stuttgart erkundet, er gewann dabei offensichtlich wichtige Erkenntnisse. „Ich weiß jetzt schon mal“, sagte er, „wo das Ziel ist.“ Das ist natürlich von großem Vorteil, wenn man Weltmeister werden will wie Schumacher. Der Nürtinger, der zusammen mit Erik Zabel die deutsche Mannschaft anführt, formulierte seinen Wunsch sehr forsch. Er behauptete auch, dass ihm die anspruchsvolle WM-Strecke besser liege als Zabel – allerdings dürfte auch der gebürtige Berliner gewisse Ambitionen haben.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die deutschen Radprofis gehen auf alle Fälle in die Offensive bei der WM, die am Dienstag eröffnet wurde. Seit langem schon jagen sie dem Regenbogentrikot hinterher: Deutschland brachte erst zwei Straßen-Weltmeister hervor, Heinz Müller im Jahr 1952 und Rudi Altig, der 1966 auf dem Nürburgring triumphierte.

          „Substanzen, die nicht erkannt werden“

          Der Elan der Deutschen beschränkt sich in diesen Tagen jedoch nicht allein auf den Sport, sie wollen überdies für ein Großreinemachen in einer von Dopingskandalen gebeutelten Branche sorgen. So rigide sind angeblich die Anti-Doping-Maßnahmen, dass ein Fachmann wie Hans-Michael Holczer glaubt: „Das wird die sauberste WM aller Zeiten.“ Holczer ist der Macher des Teams Gerolsteiner und in Stuttgart gemeinsam mit Jan Schaffrath von T-Mobile für die Betreuung der deutschen Profis zuständig.

          Seine Aussage klingt verwegen, aber Holczer ist überzeugt, sie begründen zu können. Das Eingangsraster, sagte er, sei so engmaschig wie noch bei keiner WM. Das bezieht sich auf die verstärkten Dopingtests des Internationalen Radsportverbandes (UCI), der schon vor der WM vermeintlich intensiv kontrollierte – und auch während des Championats auf schwäbischem Terrain sehr präsent sein will mit seinen Dopingfahndern. Nicht jeder aber hält solche Einsätze für wirklich effektiv. Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke, der sich gerne zu Wort meldete, sprach am Dienstag drastisch von einer „erhöhten Stufe der Volksverdummung“. Es gebe schließlich „genug Substanzen, die nicht erkannt werden“.

          Unterstützung vom BKA

          Immerhin ist für die WM eine Anti-Doping-Regelung getroffen worden, die weite Bereiche umfasst. So können bei Verdachtsmomenten auch die Hotelzimmer der Profis untersucht werden – eine neue Gesetzeslage lässt solche Eingriffe zu. Ebenso besteht die Möglichkeit, die Getränke und Nahrungsmittel zu überprüfen, die während eines Rennens an die Fahrer verteilt werden. „Auch da können wir einschreiten“, sagen die Stuttgarter WM-Organisatoren.

          Als würde sich Stuttgart während der WM in einem Ausnahmezustand befinden, hat die Staatsanwaltschaft für die Dauer der Wettbewerbe einen 24-Stunden-Bereitschaftsdienst eingerichtet – auf dass sich die Behörden notfalls permanent mit dem Räderwerk befassen können. Zudem soll als Hilfe für die örtliche Polizei ein Beamter des Bundeskriminalamtes (BKA) in die schwäbische Metropole geschickt worden sein; es heißt, er gehöre dem Arbeitskreis Doping beim BKA an.

          Wird Valverde doch zugelassen?

          Mithin findet in diesem Jahr eine Rad-WM unter bemerkenswerten Begleitumständen statt. „Es geht um einen Neuanfang“, sagte UCI-Präsident Pat McQuaid. Ob dieser Anspruch allerdings erfüllt werden kann, ist zweifelhaft. Schon an diesem Mittwoch könnte es wieder einen Rückschlag für die UCI geben. Da wird der Internationale Sportgerichtshof (Cas) darüber entscheiden, ob der Spanier Alejandro Valverde zur WM zugelassen werden muss. Die Spanier schalteten das Gremium ein, nachdem die UCI Valverde von der WM ausgeschlossen hatte.

          Er gilt als unerwünschte Person, weil er in die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt sein soll. Die UCI, sagte McQuaid, habe berechtigten Grund zu der Annahme, dass Valverde Kunde von Fuentes gewesen sei. Das soll aus den Akten über die „Operacion puerto“ hervorgehen. Der spanische Radsportverband beharrt jedoch darauf, dass diese Papiere juristisch nicht verwertet werden dürften. Manchem in Stuttgart schwant nun, dass Valverde somit doch werde starten dürfen.

          Unter besonderer Beobachtung

          McQuaid klagt ohnehin immer wieder über die Spanier, die im Kampf gegen Doping angeblich kein besonderes Engagement zeigen. „Die Spanier“, sagte er unlängst, „unterstützen uns in keinster Weise. Ihr Argument ist fast immer das Gleiche. Sie sagen: Wenn wir das so machen, bekommen wir Ärger mit den Zivilgerichten.“ Die UCI steht den Spaniern äußerst skeptisch gegenüber. Und wohl nicht von ungefähr ist Spanien in einem speziellen UCI-Pool am stärksten von allen Nationen vertreten. Es geht dabei um Fahrer, die von den Anti-Doping-Inspektoren besonders beobachtet werden. Sei es wegen ihres reinen Leistungsvermögens, also ihrer Zugehörigkeit zur Weltklasse – oder wegen Informationen über Auffälligkeiten bei Blutwerten.

          Eine entsprechende Liste ist unlängst von der UCI veröffentlicht worden. Sie beinhaltet auch die Namen von Schumacher und Zabel, der sich nach seinem Dopinggeständnis freilich der Anerkennung von McQuaid sicher sein kann. Den „Stuttgarter Nachrichten“ sagte der Ire: „Wir brauchen Fahrer wie ihn, die für einen Wechsel des Systems stehen.“ Zabel, sagte McQuaid, meine es ernst. Er scheint vor einer ungewöhnlichen WM über sehr viel Optimismus zu verfügen.

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