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Radsport : Die beschmutzte Sauberfrau Jeannie Longo

  • -Aktualisiert am

Unter Verdacht: Die französische Radlegende Jeannie Longo soll gedopt haben Bild: dpa

Jeannie Longo ist die dienstälteste Ikone des französischen Sports, eine Verfechterin des natürlichen Lebens. Nun droht ihr wegen eines Doping-Verstoßes das Karriere-Ende.

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          Frankreichs ewiger Sauberfrau droht ein beschämendes Karriere-Ende. Sollten sich die Dopingvorwürfe gegen die Radrennfahrerin Jeannie Longo und ihren Mann erhärten, würde eine der dienstältesten Sportikonen Frankreichs vom Sockel gestürzt. Die Karriere der 52 Jahre alten Dauerleisterin schien unendlich - doch beim "Chrono des Nations" am kommenden Wochenende wird sie fehlen. Das Zeitfahren in der westfranzösischen Vendée ist ein Klassiker und beendet die Saison im Nachbarland.

          Noch im vergangenen Jahr gewann Longo das Rennen souverän zum sechsten Mal. Heute aber befindet sie sich in der sicherlich schwierigsten Situation ihrer Karriere: Beim französischen Radsport-Verband (FFC) ist ein Disziplinarverfahren anhängig, weil sie drei Mal versäumte, den Doping-Kontrolleuren ihren genauen Aufenthaltsort mitzuteilen. Nun droht ihr eine Sperre bis zu zwei Jahren - und damit das wahrscheinliche Ende ihrer beispiellos langen und erfolgreichen Karriere.

          „Ich bin seine Puppe, die er kreiert hat“, sagte Jeannie Longo einmal schonungslos. Ihr Mann Patrice Ciprelli (r.) hat ihre Karriere von Anfang an begleitet

          Noch schwerer wiegen allerdings die Vorwürfe gegen Patrice Ciprelli. Die französische Sportzeitung "L'Equipe" veröffentlichte eine E-Mail des Longo-Gatten und -Trainers an den inzwischen überführten einstigen Sportler und amerikanischen Doping-Händler Joe Papp aus dem Jahr 2007. Darin soll eine Lieferung des Blutdopingmittels Epo ausgehandelt worden sein.

          „Ich bin seine Puppe, die er kreiert hat“

          Diese Substanz gilt als das wahrscheinlich am häufigsten genommene unerlaubte Mittel von Radrennfahrern. Der französische Radsportverband FFC hat Patrice Ciprelli inzwischen vorläufig suspendiert. Ciprelli aber bestreitet die Anschuldigungen. Er lässt über seinen Anwalt ausrichten, die E-Mails seien "betrügerisch" und "unwahr".

          Longo aber wird unter den Vorwürfen gegen ihren Mann ebenso leiden wie unter denen gegen sie selbst: Das Ehepaar Longo-Ciprelli ist ein unauflösbares Tandem. "Ich bin seine Puppe, die er kreiert hat", sagte Jeannie Longo einmal schonungslos. Ihr Mann hat ihre Karriere von Anfang an begleitet, bei jedem Rennen steht er an der Ziellinie. "Ohne ihn hätte ich längst alles aufgegeben", sagt sie.

          Schwaches Alibi

          Die gegen sie gerichteten Vorwürfe weist Jeannie Longo kategorisch zurück. "Ich bin die meist getestete Sportlerin Frankreichs", sagt sie. Da könne bei der Meldung ihres Aufenthaltsortes auch mal ein Fehler passieren. Tatsächlich ist die Meldepflicht für viele Spitzensportler ein Ärgernis. In Frankreich müssen sie der Anti-Doping-Agentur (AFLD) vor jedem Quartal ihren Aufenthaltsort der kommenden Monate bis auf die Stunde genau mitteilen, um unangekündigte Blut- und Urintests zu ermöglichen. 97 Prozent aller überprüften Sportler taten dies laut dem Jahresbericht 2010 der AFLD anstandslos.

          Jeannie Longo gibt zu ihrer Entschuldigung an, sie habe ihren todkranken und inzwischen verstorbenen Vater besucht und sei deswegen unvorhersehbar abwesend gewesen. Ein Mobiltelefon und einen Computer, um die AFLD zu benachrichtigen, hat Longo nach eigenen Angaben nie besessen. Sie lehne den Big-Brother-Staat ab, sagte sie einmal. Dass sie nach den zahlreichen Doping-Skandalen im Radsport selbst zum gläsernen Menschen werden musste, scheint sie nie akzeptiert zu haben.

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