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Radsport : Der große Illusionist auf dem Rennrad

Champagnerlaune: Mario Cipollini Bild: AP

Der Italiener Mario Cipollini schreibt beim Giro d'Italia Geschichte, aber die Tour de France läßt den Sprintstar leiden. Zum drittenmal nacheinander ist er in Frankreich nicht willkommen.

          2 Min.

          "Ich hätte Lust, meine Wut auf Jean-Marie Leblanc und die Societe du Tour de France zu spucken", schimpfte Mario Cipollini im Ziel der neunten Etappe des Giro d'Italia. "Sie behandeln uns wie Fleisch auf dem Markt." Am Start hatte er erfahren, daß er zum drittenmal hintereinander nicht willkommen ist bei der Tour, dem bedeutendsten Radrennen der Welt. 160 Kilometer später entlud sich sein Ärger in einem spektakulären Endspurt, der zu seinem zweiten Sieg bei diesem und zum 42. Etappensieg beim Giro d'Italia überhaupt führte. "Cipollini in der Geschichte, aber die Tour will ihn nicht", titelte der "Corriere della Sera" über den Weltmeister, der nun eine Etappe mehr gewonnen hat als der fünfmalige Giro-Sieger Alfredo Binda vor gut siebzig Jahren. Die "Gazzetta dello Sport" kommentierte die Ausladung indigniert: "mondiale Beleidigung".

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Weniger über die Reservierung der 22. und letzten Einladung für Jan Ullrich und sein Team in Gründung als über die Bevorzugung einer mittelmäßigen französischen Mannschaft mit ihrem Kapitän Patrick Halgand erregen sich der Star und die Öffentlichkeit. "Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien sie mir französische Fahrer vorziehen, die nicht einmal deren Publikum kennt", meinte Cipollini. "Alles, was ich sagen kann, ist, daß wir vor einer Diktatur stehen." "La Repubblica" lästerte, daß Halgand, während "Cipo" im Oktober Weltmeister wurde, epochale Erfolge bei den Kriterien in Camors, Monein und Dune La Palestel mit angeschlossenen Fois-gras-Feiern hätte einfahren können. Zudem habe er eine Vergangenheit im Team Festina, das wegen Kollektivdopings von der Tour 1998 ausgeschlossen wurde.

          Das kann man Cipollini nicht nachsagen, daß er je mit verbotenen Mitteln erwischt worden wäre oder sich in der Winterpause hätte gehen lassen. Dennoch - oder gerade deshalb? - ist er der große Illusionist des Profiradsports. Seine Spurtsiege, meisterhaft vorbereitet von einer nur auf ihn ausgerichteten Mannschaft, strahlen eine zauberhafte Leichtigkeit aus. Der 36 Jahre alte Riese aus der Toskana, mit 1,90 Meter Länge bei 74 Kilo Gewicht auch körperlich überragend, vermittelt beständig den Eindruck, Radrennen seien Kostümfeste und, wie das ganze Leben, Theater. Er war der erste, der Rennhosen passend gefärbt zum Gelben, Grünen und Rosa Trikot trug, und daran hinderten ihn auch Strafen nicht.

          Cipollini, als "König der Löwen" angehimmelt, schafft sich reichlich Gelegenheit zur Kostümierung. Er gewann nicht nur zwölf Etappen der Tour, sondern trug auch an sechs Tagen das Gelbe Trikot des Spitzenreiters. Als der Giro sich im vergangenen Jahr auf Europatournee machte, erschien "Super-Mario" zum Prolog in Groningen im Tigeranzug, dem nur ein angeklebtes Schwänzchen fehlte. Im Jahr zuvor war er zum Zeitfahren als Muskelmann gekommen, in einem Anzug, der wirkte, als sei der Rennfahrer für die Körperwelten eines von Hagen präpariert worden. Einen seiner letzten Tour-Auftritte hatte er in Toga und mit Lorbeerkranz; er kam als Cäsar zum Start. Und er reiste, wie immer, ab, bevor es in die Berge ging.

          Die Tour aber will Rennfahrer, die sichtbar leiden. Am Dienstag sagte Cipollini: "Wenn ich jetzt noch eingeladen würde, würde ich nicht mehr gehen. Bei der Tour im Regenbogentrikot zu gewinnen, wird ein unerfüllter Traum bleiben." So läßt die Tour ihn leiden.

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