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Radsport : Der Freispruch - ein nationales Anliegen

Weder schuldig noch fahrlässig gehandelt: Alberto Contador Bild: dpa

Der des Dopings verdächtige Tour-Sieger Alberto Contador ist vom spanischen Radsportverband freigesprochen worden, obwohl er positiv auf Clenbuterol getestet worden war. Seine Sperre wurde aufgehoben. Welche Rolle spielten dabei die Politiker?

          3 Min.

          Radprofi Alberto Contador, der Sieger der Tour de France des vergangenen Jahres, ist vom Vorwurf des Dopings freigesprochen worden. Das erklärte sein Anwalt Andy Ramos am Dienstagabend. Das Wettbewerbskomitee des spanischen Radsportverbands (RFEC) habe damit die vorläufige einjährige Sperre aufgehoben, die der RFEC selbst Ende Januar ausgesprochen hatte. „Die Gerechtigkeit hat gesiegt“, sagte Ramos. Und Contador gab sich selbstbewusst: „Ich war davon überzeugt, dass es eine Wende geben könnte“.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Laut spanischen Medienberichten seien nach dem Einspruch Contadors Zweifel an dessen Schuld aufgekommen. Das jetzt ergangene Urteil beruft sich auf Artikel 296 des Anti-Doping-Reglements des Internationalen Radsportverbandes (UCI). Danach kann ein Sportler freigesprochen werden, wenn sich bei der Einnahme verbotener Substanzen weder Schuld noch Fahrlässigkeit nachweisen lassen. Eine Rolle soll auch der Freispruch des deutschen Tischtennisspielers Dimitrij Ovtcharov durch die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gespielt haben. Bei Ovtcharov waren im vergangenen Jahr ebenfalls Spuren des Kälbermastmittels Clenbuterol festgestellt worden, doch stammte das von ihm verzehrte Fleisch aus chinesischer Herstellung.

          Spanier rechnen mit Einspruch

          Contador, der dreimalige Sieger der Tour de France, war im Juli 2010 positiv auf Clenbuterol getestet worden und hatte das Ergebnis mit dem Verzehr eines kontaminierten Steaks aus spanischer Produktion erklärt. Er sagte: „Ich bin das Musterbeispiel eines sauberen Sportlers.“ Nach dem Freispruch darf Contador in allen Wettbewerben wieder dabei sein - er könnte schon bei der Algarve-Rundfahrt an diesem Mittwoch an den Start gehen. Hätte die Sperre Bestand gehabt, wäre ihm der Titel des Tour-Siegers 2010 aberkannt und nachträglich der Luxemburger Andy Schleck zum Sieger ernannt worden.

          Mann mit zwei Gesichtern? Alberto Contador beteuert seine Unschuld
          Mann mit zwei Gesichtern? Alberto Contador beteuert seine Unschuld : Bild: REUTERS

          UCI und Wada haben jetzt einen Monat Zeit, um gegen den Spruch des spanischen Radsportverbandes vor dem Internationalen Sportgerichtshof Berufung einzulegen. Die UCI teilte mit, sie wolle den spanischen Spruch in Sachen Contador zunächst prüfen. Die Spanier rechnen mit einem Einspruch der UCI. „Ich glaube, wir befinden uns erst in der ersten Halbzeit des Spiels“, sagte Juan Carlos Castaño, Präsident des Radsportverbandes.

          In den vergangenen Tagen hat eine Medienkampagne die spanische Öffentlichkeit aufgerüttelt und eine starke Stimmung zugunsten des 28 Jahre alten Contador entfacht. Dass es sich hier um einen gewonnenen Meinungskampf, ja um die nationale Ehre handele, daran ließen die spanischen Medien keinen Zweifel. Die Tageszeitung „El Mundo“ und das Sportblatt „Marca“, die demselben Medienkonzern angehören, feierten den Urteilsspruch einhellig und verwiesen stolz auf ihre eigene Berichterstattung. „El Mundo“-Chefredakteur Pedro J. Ramírez schreibt das Urteil sogar direkt dem Live-Auftritt Contadors im konzerneigenen Privatsender Veo7 in der vergangenen Woche zu. Die dort geäußerten Argumente für die Unschuld des Radprofis hätten sich als so überzeugend erwiesen, dass nicht nur Ministerpräsident Zapatero und der konservative Oppositionschef Rajoy, sondern auch „bedeutende Juristen und Mediziner“ zugunsten Contadors mobilisiert worden seien.

          Die Geschichte vom verseuchten Steak

          „Alle haben unseren Champion verteidigt“, sagte Ramírez. Angesichts des „herrschenden Zynismus“ habe „der Journalismus der Gesellschaft einen Dienst erwiesen“. Schon weniger tönend klangen die Motive bei „Marca“. Er freue sich auch für das eigene Blatt, schrieb der Chefredakteur im Editorial, denn Doping „hilft nicht gerade, Zeitungen zu verkaufen“. Vergangene Woche hatte Ministerpräsident Zapatero behauptet, für eine Sperre Contadors gebe es keine ausreichenden juristischen Gründe. Aus dem spanischen Radsportverband war gegen diese Einmischung der Politik Protest laut geworden. Der Verdacht, die Regierung habe Druck ausgeübt, könne sich bei einem Einspruch durch die Wada nachteilig auswirken, hieß es.

          Bei seinem Auftritt vergangene Woche sagte Contador, für ihn zählten Prinzipien „mehr als erste, zweite oder dritte Plätze“. Er habe niemals gedopt, sei nie zum Doping angehalten worden und absolut unschuldig. Viele Facetten seines Falles bleiben aber rätselhaft und lassen sich nachträglich wohl nur noch deuten, aber nicht mehr aufklären. Die Wada betrachtet die Geschichte vom verseuchten Steak als nicht stichhaltig und hat ihre Zweifel im November in einem Bericht dargelegt. Es sei unwahrscheinlich, dass in der Europäischen Union clenbuterolverseuchtes Fleisch in den Handel komme. Selbst spanische Medien geraten ins Grübeln, wenn sie berichten, dass bei einer zufälligen Fleischverseuchung des Radprofis nicht nur fünfzig, sondern leicht 80.000 Pikogramm Clenbuterol pro Milliliter in Contadors Urin hätten landen müssen. Genau dieses Argument benutzen Contadors Anwälte zu seiner Verteidigung: Die Spuren, sagen sie, seien so geringfügig, dass Contador sich die Substanz niemals bewusst hätte zuführen können.

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