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Radsport : Der beste Verlierer der Welt

Zabel jubelt, Freire gewinnt Bild: dpa/dpaweb

Der Spanier Oscar Freire hat den Frühjahrs-Klassiker Mailand-San Remo gewonnen. Er setzte sich im Schlußspurt gegen Erik Zabel durch, der im Finale zu früh seinen vermeintlichen Sieg bejubelte.

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          So paradox kann es zugehen: Erik Zabels Freude über den vermeintlichen Sieg beim Radklassiker Mailand-San Remo war so groß, daß er am Ende lediglich beweisen durfte, daß er der wohl beste Verlierer der Welt ist. Nutznießer und Sieger war der Spanier Oscar Freire.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der 33 Jahre alte Deutsche vom T-Mobile-Team aber ertrug das Mißgeschick mit Haltung. Zabel fürchtet das Image eines grimmigen Ehrgeizlings. Angesprochen auf seine fast 180 Siege in zehn Jahren, weist er gern darauf hin, daß er mindestens ebenso oft auf den zweiten Platz gespurtet sei - ein Hinweis ebenso auf sein Kämpferherz wie auf seine Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen. Am Samstag hat der Berliner, der in Unna seine Heimat gefunden hat, in einem der vielen italienischen Momente seines Lebens immerhin bewiesen, daß er weiter zu den Besten der Welt gehört. Fast hätte er zum fünften Mal, wie 1997, 1998, 2000 und 2001, "la classicissima" gewonnen, die Fahrt in den Frühling.

          „Das darf doch nicht wahr sein!"

          "Ich war sicher: Wer Petacchi schlägt, hat gewonnen", erzählte Zabel nach dem Rennen. Wie in einem Lehrfilm hatte sich die Mannschaft Fassa Bortolo auf der Abfahrt vom Poggio di San Remo zu sechst aufgereiht, um ihren Kapitän Alessandro Petacchi, den angeblich schnellsten Straßenrennfahrer der Welt, in den Zielspurt zu führen. Zabel erkämpfte sich den Platz in Petacchis Windschatten, und als der Favorit, etwa 150 Meter vor dem Ziel in den Endspurt entlassen, das Tempo nicht weiter steigern konnte, schob sich Zabel scheinbar mühelos rechts an ihm vorbei.

          Seine Überraschung und seine Freude waren so groß, daß er sich kurz vor der Ziellinie aufrichtete und, wie nur bei einem einzigen seiner vier Siege an der ligurischen Küste zuvor, Arme und Zeigefinger hob zu einer Geste des Triumphes. "Da habe ich rechts neben mir plötzlich einen Schatten gesehen und gedacht: Das darf doch nicht wahr sein!" erinnert sich Zabel. "In so einer Situation kannst du nur lachen oder weinen." Zabel entschied sich, nach dem Bruchteil einer Schrecksekunde, noch auf der Ziellinie für das Lachen.

          Petacchis Niederlage überrascht

          194 Kilometer lang ist das Rennen an die Blumenriviera. Die Schnellsten brauchten am Samstag trotz Sturms und Regens auf halber Strecke nur 7:11,23 Stunden dafür; das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40,892 Kilometern pro Stunde. Verloren hat Zabel im Endspurt mit einem Tempo jenseits der sechzig mit kaum mehr als einer Handbreit Rückstand; in einem Wimpernschlag. Ein Anfängerfehler des alten Fuchses? "Es wird ein ewiges Rätsel bleiben, ob ich gewonnen hätte, wenn ich die Hände unten gelassen hätte", behauptet Zabel.

          Im Gegensatz zu Freire, der tief geduckt sein Rad auf der Ziellinie auch noch mit einem Ruck nach vorn schob, setzte sich der aufrechte Zabel dem Fahrtwind in voller Größe aus - mit der Wirkung eines Bremsfallschirms. "Freire ist auf den letzten dreißig Metern der Schnellste. Er hat einen unheimlichen Zug zur Linie", lobte Zabel den Spanier, der bereits zweimal Weltmeister war. "Sein Sieg ist keine Überraschung. Eine Überraschung ist die Niederlage von Petacchi."

          Vielstarter Zabel vor ruhigem April

          Zum siebten Mal Zweiter in dieser Saison - bei einem einzigen Sieg, in der Ruta del Sol - geht Zabel in einen ruhigen April. Kritik geht nicht spurlos an ihm vorbei, und vor allem seit seiner enttäuschenden Tour de France des vergangenen Jahres hatten auch Selbstzweifel an ihm genagt. Nun wird er, nach der Katalanischen Woche, von den Klassikern des Nordens lediglich das Amstel Gold Race bestreiten. Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix läßt der Vielstarter auf Wunsch seines Sportlichen Leiters Walter Godefroot aus und darf sich statt dessen bei Rund um Köln vom Publikum feiern lassen. Zabel soll ausgeruht in die Tour de France gehen. Wenn er dort Tag für Tag Zweiter werden würde, gewänne er nicht nur zum siebten Mal das Grüne Trikot des Punktbesten. Dann würde er, nur soviel zum Wert zweiter Plätze, vermutlich auch die Gesamtwertung der Tour für sich entscheiden.

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