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Radsport : Auf großem Fuß

  • Aktualisiert am

Tyler Farrar wiederholt seinen Sieg in Hamburg. Bild: dpa

Der internationale Radsport ist gehörig in Bewegung - mit bekannten Gesichtern und neuen Sponsoren. Der Amerikaner Tyler Farrar gewinnt wie im Vorjahr die Cyclassics in Hamburg, André Greipel wählt die falsche Seite.

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          Auch Fränk Schleck saß wieder im Sattel, er gab am Sonntag bei den Cyclassics in Hamburg sein Comeback nach seinem schweren Sturz bei der Tour de France. Schleck aber stieg vorzeitig aus bei dem deutschen ProTour-Rennen, das wie im Vorjahr der amerikanische Sprinter Tyler Farrar gewann, diesmal vor Edvald Boasson Hagen aus Norwegen und dem Hürther André Greipel, die von Farrar knapp geschlagen wurden. „Leider hatte ich den Spurt auf der falschen Straßenseite angezogen“, sagte Greipel, der 2011 für die belgische Formation Omega Pharma-Lotto fahren wird. Zumindest steht der Bund Deutscher Radfahrer dank Greipel in der Nationenwertung wieder so gut da, dass er im Herbst neun Profis zur Weltmeisterschaft nach Melbourne schicken kann.

          Von Schleck hatte auch nicht viel erwartet werden können, für ihn geht es darum, langsam wieder in Tritt zu kommen, schließlich will er demnächst an der Spanien-Rundfahrt teilnehmen. Der Luxemburger hatte sich bei der Tour einen dreifachen Schlüsselbeinbruch zugezogen. Immerhin muss der Radprofi sich wie der Kollege Greipel keine Sorgen um seine Zukunft machen, sie ist längst gesichert - in einem neuen Luxemburger Rennstall. Die Mannschaft nimmt Konturen an, der dänische Teamchef Brian Nygaard hat gerade bestätigt, dass mehr als die Hälfte der Fahrer bereits verpflichtet worden sei. Zu ihnen gehören die Brüder Fränk und Andy Schleck, vom Team Saxo-Bank werden ihnen vermutlich der Berliner Jens Voigt, der Australier Stuart O'Grady und der Däne Jakob Fuglsang folgen.

          Nygaard plant mit etwa 25 Profis, er will eine sehr schlagkräftige Equipe installieren. „Wir werden im nächsten Jahr auf dem höchsten Level fahren“, sagt der Mann, der einst bei Bjarne Riis angestellt war, dem Eigner des Teams Saxo-Bank. Die Luxemburger Stars sind offensichtlich von seinem Konzept überzeugt, Andy Schleck, Zweiter der Tour de France, spricht schon vom „neuen, großen Team“ des Radsports. Darin werden einige deutsche Profis einen Platz finden, neben Voigt sollen Linus Gerdemann und Fabian Wegmann vom Team Milram einen Vertrag erhalten.

          Tyler Farrer setzt sich im Sprint der Cyclassics in Hamburg gegen die Konkurrenz durch.
          Tyler Farrer setzt sich im Sprint der Cyclassics in Hamburg gegen die Konkurrenz durch. : Bild: REUTERS

          Auch Robert Wagner wird kommen, der Deutsche gehörte bisher der niederländischen Gemeinschaft Skil-Shimano an. Diese wiederum verpflichtete soeben ein anderes deutsche Talent, Marcel Kittel vom Thüringer Energie-Team. Es ist also Bewegung im Profiradsport, auch für deutsche Rennfahrer öffnet sich manche Tür - nur immer seltener im eigenen Land, wo es künftig angesichts des bevorstehenden Endes des Teams Milram nur noch wenige Beschäftigungsmöglichkeiten geben wird. Anderswo sind die Sponsoren wesentlich aktiver - keineswegs nur in Luxemburg.

          Neue Sponsoren, alte Fahrer

          Der italienische Schuhproduzent Geox und der spanische Mobiltelefonanbieter Movistar beispielsweise werden nun in den Radsport einsteigen. Geox wird vom kommenden Jahr an das Team Footon-Servetto finanzieren, Movistar wird Nachfolger von Caisse d'Epargne. Geox will nach Angaben der „Gazzetta dello Sport“ etwa sechs Millionen Euro in den Radsport investieren. Mauro Gianetti soll das Team neu aufbauen, ein sportlicher Schwerpunkt wird selbstredend der Giro d'Italia sein.

          Der Schweizer Gianetti hatte vor zwei Jahren noch für Saunier Duval gearbeitet - bis die Doping-Affäre um den Italiener Riccardo Ricco bei der Tour de France der Geschichte ein abruptes Ende setzte. Aber auch Ricco, damals des Dopings mit Cera überführt, ist wieder in den Elitekreis des Radsports zurückgekehrt, er verdient jetzt in Belgien bei Quick Step sein Geld. Der Italiener schien bei dem zweitklassigen Team Ceramica Flaminia nicht zufrieden zu sein, offenbar fühlte der Kletterspezialist sich dort unterfordert. Angeblich bezahlte er, um die Verbindung vorzeitig lösen zu können, sogar 75 000 Euro aus eigener Tasche. Dafür wird Ricco vermutlich schon bei der Vuelta auf die große Radsportbühne zurückkehren können.

          „In Spanien kann ich das Ergebnis der B-Probe kaufen.“

          Erfahrung zählt auch im Radsport einiges, das lässt sich nicht zuletzt an dem in die Jahre gekommenen Danilo Hondo erkennen, der für das Team Lampre die Tour bestreiten durfte. Die Italiener werden den Deutschen, der Alessandro Petacchi zu zwei Etappensiegen und zum Grünen Trikot bei der Tour verhalf, sogar zwei weitere Jahre behalten. Hondo möchte sich 2011 verstärkt den Klassikern im Frühjahr widmen. Er glaubt, dafür nun das passende Alter zu haben.

          Hondo, der wie Petacchi bei der 15. Auflage der Cyclassics startete und Platz 31 belegte, wird auch in dem Buch erwähnt, das Hans-Michael Holczer jüngst publizierte - der Schwabe, der einst das Team Gerolsteiner geleitet hatte, beschreibt darin unter anderem einen eigenartigen Umgang Hondos mit der Doping-Problematik. Der in der Schweiz lebende Profi soll während seiner Doping-Affäre 2005 auf den Rat seines Anwaltes, die B-Probe in Deutschland vornehmen zu lassen, erwidert haben: „Das will ich nicht, in Spanien kann ich das Ergebnis der B-Probe kaufen.“ Auf die Veröffentlichung, heißt es, habe Hondo nicht reagiert. Aber vermutlich hat er mit dem Radsport derzeit genug zu tun. Hondo wähnt sich ja gerade „im dritten Frühling“. Das muss natürlich weidlich genutzt werden.

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