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Radsport : Auf der Leopardenjagd

Die neue große Welle im Radsport: Die Profis von Team Leopard geben sich sehr schwungvoll bei der Teampräsentation Bild: dpa

Schleck, Cancellara, Gerdemann: Mit erlesenen Namen trumpft das Profi-Radteam des Luxemburgers Flavio Becca auf. Geplant ist ein Großangriff auf die Tour de France - eine erstaunliche Geschichte in einer von Dopingaffären gezeichneten Branche.

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          Mit Beutezügen hat der luxemburgische Unternehmer Flavio Becca reichlich Erfahrung, es geht dabei allerdings nicht nur um finanzielle Angelegenheiten. Becca greift gerne auch mal zum Jagdgewehr, zum Beispiel in einem Revier in der Nähe von Trier. Der Luxemburger mit italienischem Vater versucht dann, Wildschweine zu erlegen. Zu seinen Begleitern gehört manchmal Johny Schleck, der in Luxemburg ebenfalls einen Namen hat. Schleck war mal Radrennfahrer, und er ist der Vater von Andy und Fränk Schleck, Galionsfiguren des Luxemburger Sports. Die Verbindung zwischen Becca, der sein Geld unter anderem mit Immobiliengeschäften macht und sehr vermögend sein soll, und den Schlecks wird jetzt noch ein bisschen enger.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Becca gilt schließlich als der große Finanzier des Teams Leopard-Trek, das einen Großangriff im Profiradsport plant - mit Fränk und Andy Schleck als führenden sportlichen Köpfen. Dabei geht es, versteht sich, zuallererst um den Sieg bei der Tour de France. Dafür ist eine Equipe zusammenstellt worden, die ihresgleichen sucht im Peloton - und ganz Luxemburg schon jetzt in Verzückung versetzt zu haben scheint. Selbst die politische Klasse des Landes schmückt sich bereits mit den Radprofis von Leopard, in denen man - trotz der gravierenden Probleme des Radsports im Allgemeinen - offenbar erstklassige Luxemburger Botschafter zu erkennen glaubt. Am Donnerstag empfing Premierminister Jean-Claude Juncker die Schleck-Brüder und den Schweizer Fabian Cancellara. Und Sportminister Romain Schneider sagte bei der Vorstellung des Teams am gleichen Tag pathetisch, das jetzt die ganze Radsportwelt „auf das kleine Luxemburg“ schaue.

          „Ein großer Tag für Luxemburg und den Weltradsport“

          Auch Pat McQuaid, der Präsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI), war nach Luxemburg geeilt. Der Ire war ebenfalls sehr angetan von dem Luxemburger Projekt, das der Zunft frische Aufmerksamkeit bescheren soll. Der Radsport brauche so etwas, sagte McQuaid. „Heute ist ein großer Tag für Luxemburg und den Weltradsport.“ Passend dazu wirbt das Team Leopard mit dem Slogan „true racing“ für sich. Er soll als Hinweis auf die Ursprünge des Radsports verstanden werden, denen sich die Luxemburger angeblich wieder zuwenden wollen. Das klingt so, als hätten sie plötzlich das Reine, das Wahre des Radsports entdeckt; es ist eine erstaunliche Geschichte in einer von Dopingaffären gezeichneten Branche.

          Die Rennfahrer gaben jedenfalls erst mal ein schmuckes Bild ab. Sie traten bei der Präsentation am Nachmittag auf, als wären sie von einem Modedesigner auf den Laufsteg geschickt worden: weiße Hemden, graue Anzüge, dazu die passenden Schals. Erst abends, bei einer Show mit Publikum, zogen sie ihre Trikots an. Im feinen Zwirn waren auch Männer wie Brian Nygaard oder Kim Andersen erschienen, die das Team Leopard leiten werden - Nygaard als Manager und Andersen, der 1987 als erster Radprofi wegen Dopings lebenslang gesperrt worden war, als Sportdirektor. Beide arbeiteten früher bei Bjarne Riis in Dänemark, Nygaard fungierte dort als Pressesprecher.

          Fünf deutsche Profis unter Vertrag

          Überhaupt bediente sich das Team Leopard, bei dem es - wie Nygaard nun in einer sehr geläufigen Formulierung sagte - bei Doping „null Toleranz“ geben werde, kräftig bei Riis. Die Schleck-Brüder kamen ebenso wie Cancellara aus dem Rennstall des Dänen, auch der Sportliche Leiter Torsten Schmidt wechselte von Riis nach Luxemburg. Er hat es dort mit einigen Landsleuten zu tun, immerhin nahm das Team Leopard auch fünf deutsche Profis unter Vertrag - Fahrer wie Linus Gerdemann, Fabian Wegmann oder Jens Voigt. Gerdemann wird zwar nun nicht mehr Kapitän sein wie beim untergegangenen Team Milram, sondern sich in den Dienst der Schlecks stellen müssen, dennoch erweckt er den Eindruck, sich deutlich verbessert zu haben. Das sei so, sagte Gerdemann in einem Vergleich mit dem Fußball, „als wenn man von einer guten Bundesliga-Mannschaft zu einem spanischen Top-Klub geht“. Der Münsteraner erwähnte auch, dass er sich seit langem schon gut mit Andy Schleck verstehe, außerdem herrsche generell eine exzellente Stimmung im Team, da sei nichts zu spüren von Neid oder Missgunst.

          Wie viel Geld Becca in das Team pumpt, ist nicht bekannt. Die besten Rennställe sollen bisher mit Etats zwischen zehn und 15 Millionen Euro gewirtschaftet haben. Die ambitionierten Luxemburger dürften diesen Rahmen sprengen. „Das wird schon alles Hand und Fuß haben“, sagte Wegmann über die Kalkulationen bei Leopard. Er wähnt sich jetzt in einer höchst angenehmen Welt, da scheint kein Platz zu sein für große Sorgen: „So ein kleines Land, so ein großes Team, das ist etwas sehr Spezielles.“ Und Wegmann will auch schon festgestellt haben, dass der Gönner Becca wirklich ein Freund des Radsports sei. „Er hat auf jeden Fall Spaß daran.“

          Becca engagiert sich bereits im Fußball, beim F91 Düdelingen, der in Luxemburg noch dominierender ist als Borussia Dortmund in der Bundesliga. Größeres Aufsehen über Grenzen hinweg lässt sich damit aber kaum erheischen - mit dem Radsport verhält sich das ganz anders. Trotz der hohen Qualität des Luxemburger Teams gibt es aber auch mahnende Stimmen. So sagte der Deutsche Schmidt: „Wir gehen nicht an den Start und sagen: Jetzt tanzt alles nach unserer Pfeife. Das wäre der erste große Fehler.“ Auch auf Wildkatzen lauern einige Gefahren. Der Jäger Becca wird das wohl wissen.

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