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Radsport : Auch umsonst will keiner Phonak haben

  • -Aktualisiert am

Andy Rihs zieht sein Phonak-Team zurück Bild: AFP

Der Schweizer Radrennstall Phonak zog Konsequenzen aus dem Dopingskandal um Floyd Landis und gab die Auflösung seiner Mannschaft nach Saisonende bekannt. „Das ist das Ende. Ich gebe auf“, sagte Phonak-Eigner Andy Rihs.

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          „Ich widme diesen Sieg dem Mann, der alles möglich gemacht hat: Andy Rihs. Er ist heute der glücklichste Mensch der Welt.“ Drei Wochen sind vergangen, seit der Amerikaner Floyd Landis auf den Champs-Elysees von Paris auf dem Siegerpodest der Tour de France stand, den Triumphbogen im Hintergrund, das Mikrophon ergriff, das ihm der Zeremonienmeister Bernard Hinault überreichte, und diese Worte sprach.

          Nur drei Tage später wurde aus dem „glücklichsten Menschen“ dieser Welt ein Häufchen Elend. Rihs, der erfolgreiche Unternehmer, der aus der Hörgerätefabrik Phonak einen Schweizer Vorzeigebetrieb gemacht hat, kehrte von einer Trainingsfahrt auf dem Rennrad in seine Urlaubsresidenz im Luberon in der südfranzösischen Provence zurück, als er die Meldung vom positiven Dopingbefund von Landis auf seinem Handy hatte. In diesem Augenblick war für ihn klar: „Das ist das Ende. Ich mache den Laden sofort zu. Dieses Team verdient es nicht, weiter zu fahren.“

          Keine Lösung parat

          Auch ein paar unruhige Nächte änderten nichts. Der Ausstieg von Rihs stand fest, am Dienstag gab er in Zürich die endgültige Auflösung von Phonak bekannt - nach vergeblichen Versuchen, zu retten, was noch zu retten ist, und eine erträgliche Lösung für all jene Betroffenen zu finden, die versucht hatten, auf ehrliche Weise ihr Geld zu verdienen.

          Weiter im Mittelpunkt: Floyd Landis
          Weiter im Mittelpunkt: Floyd Landis : Bild: AFP

          Zusammen mit Manager John Lelangue, Freunden, Beratern und Anwälten war nach Lösungen gesucht worden. Rihs hätte seine ARCycling, die den Rennstall besitzt und Inhaberin der Pro-Tour-Lizenz ist, seinem Nachfolger geschenkt. Doch sehr bald war klar, daß niemand dieses Geschenk, für das ein Etat von angeblich zehn Millionen Euro aufgebracht werden muß, annehmen wollte. Zu bewegt war die Vergangenheit dieses Teams, zu beschmutzt der Name. Und es durfte bezweifelt werden, daß es für die nächste Saison die Pro-Tour-Lizenz erhalten hätte.

          „Ich gebe auf“

          Auch wenn iShares, die amerikanische Investmentfirma, die vor zwei Monaten als Nachfolger von Phonak als neuer Hauptsponsor vorgestellt werden konnte, ihre Verpflichtungen erfüllt hätte, hätte es nicht gereicht. Rihs steckte in all den Jahren immer noch eigenes Geld in seine Mannschaft. Die Firma Phonak kam nur für die Hälfte des Budgets auf. Der Rest kam von kleineren Sponsoren, der Fahrradfirma BMC (die Rihs gehört) etwa und von Rihs selbst. Er war stets der größte Fan seines Teams. So blieb nur noch die Kapitulation. Und die vorzeitige Auflösung des Vertrages mit iShares - im gegenseitigen Einvernehmen natürlich. „Ich sehe mich zu etwas gezwungen, das ich in meinem Leben nie tat“, sagte Rihs, „ich gebe auf.“ Was bedeutet: 25 Fahrer und ebenso viele Betreuer stehen auf der Straße. „Es ist meine wichtigste Aufgabe, für sie in den nächsten Monaten eine Lösung zu finden“, sagt Manager Lelangue. Deshalb werde das Team auch die Saison zu Ende fahren.

          Während sieben Jahren hatte sich Rihs, der bärtige Bonvivant, im Radsport engagiert. Schon 1999 hatte er - nach langen und genauen Abklärungen auf dem Markt - einsteigen wollen, als Nachfolger von Motorola, das sich zurückgezogen hatte. Der Festina-Skandal kam dazwischen, und US Postal übernahm das Team. Weil Rihs merkte, wie schnell die Leute einen Skandal vergessen und wie gut sich der Uhrenhersteller Festina aus der Affäre gezogen hatte, stieg er dann trotzdem ein. Mit anderthalb Millionen Euro und einem kleinen Team. Nach zwei erfolglosen Jahren begann er von der Tour de France zu träumen, die in seinen Augen die beste und billigste Werbeplattform der Welt ist. Und weil er ein Mann ist, für den nur das Beste gut genug ist, engagierte er mit Alvaro Pino einen der renommiertesten Sportdirektoren im Feld. Pino, der mit dem Kelme-Team erfolgreich war, hatte sich nach dem Festina-Skandal zurückgezogen. Jetzt wollte er es noch einmal versuchen.

          Ein Pakt mit dem Teufel

          Was Rihs nicht wußte: Es war ein Pakt mit dem Teufel. Denn Pino war auch einer der engsten Vertrauten des Gynäkologen Eufemiano Fuentes, der in diesem Frühjahr als mutmaßlicher Kopf eines Dopingnetzes verhaftet wurde. Damals wußte das doch niemand, doch die Folgen waren verheerend. Durch Pinos enge Zusammenarbeit mit Fuentes geriet das Phonak-Team in den Dopingsumpf. Eine ganze Reihe von Rennfahrern wurde entlarvt, der Amerikaner Tyler Hamilton etwa, der frühere Schweizer Weltmeister Oscar Camenzind wurde mit Epo erwischt.

          Nach dem Dopingjahr 2004 wagte Rihs einen Neuanfang. Mit Pino mußte auch Manager Urs Freuler gehen. An ihre Stelle trat ein Manager mit dem Ruf eines Saubermannes, der als Mitglied der Tour-Direktion an vorderster Front gegen Doping gekämpft hatte: John Lelangue. Der Belgier führte den striktesten Ethik-Code ein, der weiter ging als bei allen anderen Rennställen Teams, mit den schärfsten internen Kontrollen. Santos Gonzalez etwa lag auf dem fünften Platz der Vuelta, als er bei einem Test von Phonak mit ungewöhnlichen Blutwerten auffiel. Er mußte nach Hause reisen - noch immer ein einmaliger Vorfall in der Pro-Tour. Statt daß es Lob für diese Tat gab, wurde der Fall von Gonzalez in die lange Liste der Phonak-Dopingvergehen aufgenommen - die jetzt für das Ende der Equipe sorgt.

          Doping-Fälle bei Phonak seit 2001

          2. November 2001: Der Italiener Massimo Strazzer wird bei der Bahn-WM in Antwerpen positiv auf EPO getestet. Die B-Probe ergibt einen Wert unter der kritischen Marke - Freispruch.

          16. Oktober 2002: Der Österreicher Matthias Buxhofer wird nach einem positiven Norandrosteron-Befund vom 15. August während der Dänemark-Rundfahrt entlassen.

          3. Februar 2003: Reto Bergmann (Schweiz) gibt den Besitz des Dopingmittels Andriol (Testosteron) während eines Trainingslagers in Spanien zu.

          9. August 2004: Ex-Weltmeister Oscar Camenzind (Schweiz) wird durch eine Kontrolle vom 22. Juli der EPO-Einnahme überführt, bekennt sich schuldig und verzichtet auf die B-Probe.

          21. September 2004: Zeitfahr-Olympiasieger Tyler Hamilton (USA) wird des Fremdblut-Dopings überführt und suspendiert.

          5. Oktober 2004: Auch dem spanischen Vuelta-Zweiten Santiago Perez wird Fremdblut-Doping nachgewiesen.

          15. Juni 2005: Der Slowene Tomasz Nose wird nach interner Teamkontrolle suspendiert.

          31. Juli 2005: Der Italiener Fabrizio Guidi wird am Vorabend des Weltcup-Rennens in Hamburg positiv auf EPO gestestet, die B-Probe bestätigt jedoch die erste Analyse nicht.

          17. September 2005: Wegen auffälliger Werte bei internen Kontrollen gibt Phonak die Entlassung des Spaniers Santos Gonzalez bekannt.

          13. März 2006: Der Schweizer Sascha Urweider wird bei einer Trainingskontrolle am 14. Februar positiv auf Testosteron getestet.

          2. Juni 2006: Das Phonak-Team nimmt den kolumbianischen Zeitfahr-Exweltmeister Santiago Botero, den spanischen Giro-Zweiten Jose Enrique Gutierrez und später auch dessen Bruder Jose Ignacio Gutierrez aus dem Rennbetrieb. Das Trio wird mit der Dopingaffäre in Spanien in Verbindung gebracht.

          27. Juli 2006: Phonak gibt bekannt, daß Tour-Sieger Floyd Landis (USA) nach der 17. Tour-Etappe am 20. Juli positiv auf Testosteron getestet wurde. Die B-Probe am 5. August bestätigt das Ergebnis.

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