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Radsport : Auch Milram will aussteigen

Zabel hat sein letztes Trikot schon ausgezogen, Milram könnte nuin folgen Bild: AP

Der nächste sucht den Ausgang: Auch das Team Milram will sein Engagement im Radsport beenden - offenkundig am liebsten sofort. Auch wenn sich der Abschied verzögern sollte steht der gesamte deutsche Radsport vor einer ungewissen Zukunft.

          Linus Gerdemann hält sich gerade in den Alpen auf. Er versucht, sich wieder in Form zu bringen. Im Dezember wird er nach Mallorca reisen, der Münsteraner soll sich auf der Insel mit seinen Kollegen vom Team Milram auf die nächste Saison einstimmen. Gerdemann hat ja viel vor im kommenden Jahr, er verließ deswegen – wie der Sprinter Gerald Ciolek – das Team Columbia. (siehe: Gerdemann zu Milram: Linus, der Dreizehnte)

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der Sieger der Deutschland-Tour wähnt sich besser aufgehoben bei der deutschen Mannschaft, die für ihn eine Ablösesumme bezahlen musste. Gerdemann glaubt, sich als nationale Radsport-Hoffnung in heimischen Gefilden gut vermarkten zu können. Doch seine Pläne könnten durchkreuzt werden, just aus den eigenen Reihen droht offenbar Ungemach: Die Zukunft des Teams Milram, das personell mächtig aufrüstete und dabei auch mehrere Rennfahrer vom untergegangenen Team Gerolsteiner verpflichtete, soll plötzlich ungewiss sein. Der Hauptsponsor, die Nordmilch AG, würde sich nach Informationen dieser Zeitung am liebsten sofort vom krisengeplagten Radsport abwenden.

          Teammanager van Gerwen: „Ich habe davon nichts mitbekommen“

          Der Ausstieg sollte angeblich bereits jetzt vollzogen werden. Allerdings seien, wie es heißt, die Nordmilch-Manager dann doch ein bisschen erschrocken gewesen, als ihnen die Tragweite eines solchen Vorgehens deutlich gemacht wurde: Es wäre das abrupte Ende des deutschen Profiradsports. Das Team Milram ist die einzige deutsche Equipe der ersten Kategorie, nachdem T-Mobile und das Team Gerolsteiner ihren Betrieb einstellten.

          Ist die Vertragsunterschrift null und nichtig? Linus Gerdemann hat Teammanager Gerry van Gerwen (l.) erst vor einem Monat die Zusage für die kommende Saison gegeben

          So oder so steht der deutsche Radsport offensichtlich vor neuen schweren Turbulenzen. Denn Nordmilch will sein Engagement dem Vernehmen nach auf keinen Fall in der bisher vorgesehenen Form fortsetzen. Es könnte statt bis 2010 nur bis Ende 2009 dauern, außerdem sollen die finanziellen Leistungen drastisch gekürzt werden – um 50 Prozent. Mit dieser Angelegenheit würden sich, so ist zu hören, derzeit Rechtsanwälte beschäftigen. Schließlich gibt es Verträge mit dem niederländischen Teamchef Gerry van Gerwen, die so einfach vermutlich nicht zu ändern sein werden. Ein Radrennstall wie das Team Milram kostet pro Saison mindestens acht Millionen Euro, schätzungsweise. Van Gerwen zeigte sich am Mittwoch überrascht von der aktuellen Tendenz: „Ich habe davon nichts mitbekommen.“

          Abgang von Mischel war erstes Indiz

          Auf eine Neuordnung mit möglicherweise gravierenden Folgen für den Radsport deutet auch ein Wechsel in der Führung von Nordmilch hin: Die Milchmänner aus Bremen trennten sich unlängst von Martin Mischel, der sich als Vorstand für Marketing und Vertrieb stark um die Sparte Radsport gekümmert hatte. Mischel, der Nordmilch bis Ende des Jahres nur noch beratend zur Seite stehen wird, hatte im vergangenen Juli die Tour de France besucht, und er war im September nach Varese geeilt, als Milram-Profi Erik Zabel während der Weltmeisterschaften seinen Abschied vom Radsport bekanntgab. Mischels Abgang bei Nordmilch hat, so die offizielle Erklärung, mit „unterschiedlichen Auffassungen über die weitere Geschäftspolitik des Unternehmens“ zu tun.

          Zu jenen, die ihm am Ende für eine „überaus erfolgreiche Arbeit“ dankten, gehört Otto Lattwesen, der Aufsichtsratsvorsitzende der Nordmilch AG, die 2007 einen Jahresumsatz von 2,3 Milliarden Euro erwirtschaftete. Lattwesen wies am Mittwoch gegenüber dieser Zeitung jedoch auch darauf hin, dass es in seinem Gremium stets Vorbehalte gegen den Radsport gegeben habe. Ein Drittel der zwölf Mitglieder habe Missfallen geäußert, „der Rest ist Mischel gefolgt“.

          Die Fälle Kohl und Schumacher haben für Unsicherheit gesorgt

          Lattwesen mag nicht verhehlen, dass die Doping-Affären im Radsport, nicht zuletzt die Fälle Bernhard Kohl (siehe: Doping im Radsport: Kohl outet sich - Schumacher schweigt weiter) und Stefan Schumacher (siehe: Nach dem Dopingfall Schumacher: Zittern vor dem Großreinemachen), „für Unsicherheit bei uns gesorgt haben“. Es habe einen „gewissen Knacks“ gegeben im Konzern, der eigentlich den Radsport mit „unverbrauchten und unbelasteten Personen“ weiter betreiben wollte. Dazu schürt die Ankündigung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF, nicht mehr live von der Tour zu berichten, Zweifel an der Rentabilität des künftigen Radsport-Sponsorings.

          Lattwesen formuliert seine Bedenken so: „Wir sind das einzige deutsche Radteam, aber keiner schaut mehr hin.“ Mischel hatte vor Wochen zum Entschluss von ARD und ZDF gesagt: „Einigen Unverbesserlichen ist es nun gelungen, eine Einschränkung der medialen Berichterstattung zu erzwingen. Millionen Radsportfans haben darunter zu leiden. Der Radsport steht erneut vor einer Wende. Wir werden uns aktiv an der Diskussion über einen neuen Radsport in Deutschland beteiligen.“ An der Debatte wird er nun nicht mehr teilnehmen.

          Lattwesen sagte am Mittwoch, dass die Spitze der Nordmilch AG, die mit 7000 Landwirten kooperiert, die nächsten Schritte vorbereite. „Wir brauchen eine saubere Vorlage.“ Er betonte: „Alle Möglichkeiten werden geprüft.“ Einschränkend sagte er aber auch: „Ich würde nicht raten, sofort zu sagen, wir springen da raus.“ Jedoch soll bei Nordmilch die Überzeugung herrschen, dass der Aufwand für den Radsport und die öffentliche Wirkung „in keiner Relation mehr stehen“. Gerdemann, der für die Glaubwürdigkeit des Radsports kämpfen möchte, und seine neuen Mitstreiter scheinen sich auf sehr harte Zeiten einstellen zu müssen. Am 7. Januar sollen sie in einem Dortmunder Hotel erscheinen – zur offiziellen Teampräsentation. Es könnte ein beklemmender Auftritt werden.

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