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Deutsche Radprofis : Effektiver Härtetest in der Kälte

  • -Aktualisiert am

Die Radprofis treten aus dem Schatten – jetzt beginnt die Zeit der prestigeträchtigen Frühjahrsrennen. Bild: AFP

Bei Paris–Nizza haben sich die deutschen Radprofis auf den ersten großen Klassiker eingestimmt. Zwar gelingt André Greipel ein Etappensieg – den besseren Eindruck vor Mailand–Sanremo macht aber ein anderer.

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          „Puh, das ist viel zu kalt hier für März“, klagte der irische Radprofi Dan Martin auf dem Gipfel des Col de Couillole – und griff sich mit bebendem Oberkörper eine Jacke. Der 1678 Meter hohe Gipfel im Mercantour-Massiv gehörte erstmals zum Parcours der Fernfahrt Paris–Nizza, die der Kolumbianer Sergio Henao für sich entschied. Hohe Berge, tiefe Temperaturen, Regenschauer und Seitenwind machten das Rennen zu einem harten, aber perfekten Test für den ersten großen Klassiker der Saison, Mailand–San Remo. Er findet am kommenden Samstag statt.

          Rennfahrer, die gewissermaßen aus der Kälte kommen – und teilweise auch noch nicht wirklich in Tritt sind. Die Deutschen zum Beispiel müssen noch ein bisschen an Tempo zulegen. Nur Sprinter André Greipel erreichte einen Etappensieg bei Paris–Nizza. Marcel Kittel, eigentlich der explosivste unter den ganz schnellen Männern, ging leer aus. Ebenso John Degenkolb. In den Fokus rückten andere, etwa der Franzose Arnaud Demare, Titelverteidiger von San Remo, der Ire Sam Bennett vom Team Bora-hansgrohe, sowie der wetterfeste Italiener Sonny Colbrelli. Der tönte gleich: „Perfekte Vorbereitung für San Remo. Ich bin bereit.“

          „Die Spritzigkeit für den Sprint ist da“

          Degenkolb gab sich dennoch zufrieden. „Die Form stimmt, die Spritzigkeit für den Sprint ist da.“ Er stellte sogar eine Verbesserung fest: „Am dritten Tag, als Bennett gewann, bin ich einen Supersprint gefahren und war im Endeffekt auf Augenhöhe mit den Topsprintern. Das ist das, was zählt. Früher war ich immer etwas dahinter.“ Früher war aber auch kein Bennett vor ihm – Boras zweiter Mann sozusagen hinter dem zweimaligen Weltmeister Peter Sagan aus der Slowakei, der am Sonntag zum zweiten Mal Schnellster bei Tirreno-Adriatico war. Das Team Trek, der neue Rennstall des Frankfurters Degenkolb, zeigt sich trotzdem nicht beunruhigt. „Gut, das waren schwere Etappen. Aber sie waren keine 250 Kilometer lang. Da wird Johns Stärke noch ganz anders zur Geltung kommen“, behauptete Manager Luca Guercilena.

          Degenkolb selbst zieht einen Vergleich zu einem früheren Jahr. „2015 war es vor Mailand–San Remo doch ähnlich“, sagte er. Einem weitgehend sieglosen Frühjahr – mit nur einem Etappenerfolg in Dubai – folgte der Doppelschlag in San Remo und Roubaix. Ob sich das wiederholen lässt? Auch 2017 war der einzige Erfolg bislang ein Etappensieg bei der Dubai Tour; wie 2015 handelte es sich um die dritte Etappe. Während Degenkolb gefasst optimistisch von der französischen zur italienischen Riviera reist, bleibt Marcel Kittel dieser Tripp versagt. Sein Team Quick Step nominierte ihn gar nicht für das Rennen. Eine herbe Enttäuschung für den Thüringer.

          Ist bereit für die Klassiker: Frühjahrs-Spezialist John Degenkolb

          „Ich hätte gern ausprobiert, was ich bei diesem Rennen leisten kann. Nun muss ich auf die nächste Saison warten.“ Die Aussage von Teamchef Patrick Lefevere war kategorisch. „Er fährt nicht. Cipressa und Poggio sind zu schwer für ihn.“ Der Belgier verwies dabei auf Greipel. „Auch Greipel fährt ja nicht.“ Der Rostocker hatte nach seinem Coup bei Paris–Nizza überraschend erklärt, dass er auf Mailand–San Remo verzichte. „Ich habe es schon so oft dort versucht. Es gibt immer eine Selektion an der Cipressa und am Poggio, und ich bin ein bisschen zu schwer dafür.“

          So fährt – neben Degenkolb – nur noch ein deutscher Sprinter mit Vorfreude zum ersten der Frühjahrsklassiker: Sunweb-Profi Nikias Arndt. Der Sprinter, der schon zu einem Saisonerfolg in Australien kam, war von seiner eigenen Berg-Performance bei Paris–Nizza angetan. „Seit dem Zeitfahren läuft es richtig gut. Ich bin selbst überrascht, wie gut ich in den Bergen war. Noch mit den besten 20 Mann am Berg hoch zu fahren – das gibt Selbstvertrauen, auch für San Remo“, sagte Arndt. Er ist optimistisch, dass er in der ersten Gruppe über Cipressa und Poggio kommt.

          Denn Arndt hat ein Ziel: den Sprint anzufahren für Michael Matthews. Der Australier, Neuzugang bei der deutschen Equipe, mischte bei Paris–Nizza ebenfalls vorne mit, ohne sich allerdings einmal durchsetzen zu können. Matthews und Arndt waren so überzeugt von ihren Bergfähigkeiten, dass sie sogar probierten, ganz vorn über die Mauer von Fayence, einen 1,3 Kilometer langen Berg mit 9,8-prozentiger Steigung, zu kommen. Da spielten ihre Beine jedoch nicht mit. Aber die Aussicht auf Mailand–San Remo verleiht manchen Sprintern Flügel – in jedem Fall denen, die dabei sein dürfen. Oder noch nicht so viele negative Erfahrungen gemacht haben wie Greipel.

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