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Radsport-Team Data : Wie ein hungriger Teenager

  • -Aktualisiert am

Im neuen Gewand: Mark Cavendish erhält in Qatar als Etappensieger direkt das Goldtrikot Bild: dpa

Das südafrikanische Radteam Dimension Data hat aufgerüstet – der Druck ist damit gestiegen. In Qatar sorgt nun zumindest Sprintstar Mark Cavendish für Aufatmen. Doch der Weg an die Spitze ist weit.

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          „Am besten wäre, ich würde jetzt aufhören“, sagte Roger Hammond, sportlicher Leiter des Teams Dimension Data, scherzhaft beim Abendessen in Qatar. Denn dann wäre der Brite, mit einer hundertprozentigen Siegesbilanz, statistisch der erfolgreichste Sportliche Leiter überhaupt. Bei seinem allerersten Renntag in dieser Funktion bei der südafrikanischen Equipe gab es prompt einen ersten Platz. Der Sportler, der ihn einfuhr, brauchte dafür etwas länger: Mark Cavendish hatte, sozusagen als Anlauf, noch die Dubai-Tour bestritten.

          Dort kaufte ihm der deutsche Sprinter Marcel Kittel den Schneid ab. Fragen danach, was er falsch gemacht habe und ob er in Sachen Explosivität nun endgültig hinter dem blonden Thüringer liege, wischte der Brite unwirsch beiseite. Er wisse nicht, ob er auf gleichem Level wie Kittel sei, grummelte er in Doha.

          „Platz zwei ist bereits eine Niederlage“

          In Qatar, in Abwesenheit Kittels, ließ Cavendish die Konkurrenz zunächst aber hinter sich – er entschied die erste Etappe der Rundfahrt für sich. Am Dienstag wurde er Zweiter hinter dem Norweger Alexander Kristoff. Das sorgte erst mal für Aufatmen bei seinem neuen Rennstall. Denn mit der Verpflichtung des britischen Stars wuchs auch der Druck. „Im letzten Jahr war es für uns schon ein großer Erfolg, dass wir bei der Tour de France und der Vuelta jeweils eine Etappe gewannen. Jetzt ist Platz zwei bereits eine Niederlage“, sagte Jean-Pierre Heynderickx, ebenfalls Sportlicher Leiter bei Dimension Data und im vergangenen Jahr auch beim Vorgängerteam MTN-Qhubeka mit dabei.

          War MTN-Qhubeka im letzten Jahr noch der sympathische Außenseiter, der mit der Geschichte des Benefizprojekts für arme Kinder im ländlichen Südafrika punktete und sich durch beherzte Rennen und gelegentliche Siege Respekt verschaffte, so muss Nachfolger Dimension Data nun Siege liefern. „Das ist ein enormer Schritt. Das Team hat in der Vergangenheit schon einige Fortschritte gemacht, ist von einem kleinen, familiengeführten Rennstall zu einem guten Continental Team geworden. Aber die Pro Tour ist noch einmal etwas anderes“, sagte Hammond. Er heuerte in dieser Saison an, wie auch Rolf Aldag, der mit Cavendish vom belgischen Team Etixx-Quick Step kam, in dem jetzt Kittel unter Vertrag steht. „Als neues großes Abenteuer“ bezeichnete Hammond die Aufgabe. „Es ist immer schöner, etwas aufzubauen, als in fertige Strukturen einzusteigen, wo dein Anteil nicht so sichtbar ist“, sagte er.

          Und er denkt, dass für Aldag, der ihn wie auch Cavendish einst als Fahrer beim Team Highroad betreute und der von der Dubai-Tour nach Hause fuhr, der gleiche Grund den Ausschlag gegeben habe. Etwas nach vorne bringen also, statt unter den Arrivierten zu sein, das ist die afrikanische Devise. Hammond verglich das Team mit einem „19-jährigen Burschen, der schon einige Erfahrung gesammelt, aber auch noch viel vor sich hat und in der Pro Tour mit 35-Jährigen konkurriert“. Dieses Jugendgefühl spricht auch den mittlerweile 30 Jahre alten Cavendish an. „Es ist eine großartige Atmosphäre hier. Die Mentalität der Südafrikaner ist eine ganz andere als die der Belgier“, sagte er in Qatar – und sein Gesichtsausdruck machte klar, was ihm mehr liegt.

          Auch die Aussicht auf mehr Freiraum bei der Trainingsgestaltung sprach für den Wechsel. Dimension Data erlaubt ihm die Vorbereitung auf die Bahnwettbewerbe bei Olympia. „Ich will unbedingt nach Olympia. Auf der Straße kann ich das nicht. Also bleibt mir nur die Bahn“, betonte der zweimalige Madison-Weltmeister in Doha. Zur Not würde er sogar Synchronschwimmen lernen, nur um an Olympischen Spielen teilnehmen zu können, hatte Cavendish gesagt.

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          Beim Team Dimension Data kann er seiner angestammten Sportart treu bleiben und Rio anpeilen. Der Rennstall gerät mit Cavendish gewissermaßen auf eine neue Umlaufbahn. „Wir wollen in einigen Jahren zu den führenden Teams gehören“, sagte Hammond. Diese Ambitionen produzieren aber auch Verlierer. Das World Cycling Center in Südafrika, das sich um viele der afrikanischen Fahrer in den Reihen von Dimension Data gekümmert hatte, wendet sich nun stärker dem Frauenradsport zu, weil das Pro-Tour-Team diese Ressourcen in der Heimat weniger nutzen und damit weniger bezahlen will.

          Im Basislager in der italienischen Stadt Lucca halten sich zu Lernzwecken nun auch oft die zehn afrikanischen Fahrer des frisch gegründeten Farmteams auf. Vor wenigen Jahren selbst noch der Continental-Klasse zugehörig, unterhält Dimension Data jetzt eine solche Sparte zur Nachwuchsentwicklung. Dieser Fokus zumindest bleibt erhalten. Nur gut mitzufahren und Talente herauszubringen reicht aber nicht mehr. Jetzt muss es hoch hinaus gehen. Und der „Radsport-Teenager“ aus Südafrika ist hungrig.

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