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Radrennen in Frankfurt : Degenkolb meldet sich zurück

  • -Aktualisiert am

„Nach vier Stunden war wie erwartet Schicht im Schacht“: John Degenkolb. Bild: dpa

Radprofi John Degenkolb bestreitet in Frankfurt das erste Rennen nach seinem schweren Unfall. Auch wenn er vor dem Ziel aussteigt, ist das Signal klar: Ja, ich bin wieder da! Und ja, ich kann mithalten!

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          Teamplayer statt Sieganwärter, Mitfahrer statt Gestalter – John Degenkolb hatte vorher ja angekündigt, dass bei seinem Comeback-Rennen keine Wunderdinge von ihm zu erwarten seien. Der 27-jährige Radprofi sammelte am 1. Mai vor der Haustür seine ersten Rennkilometer des Jahres, arbeitete für seine Teamkollegen von Giant-Alpecin, zeigte sich noch im letzten Renndrittel vorne im Peloton und bewies vor allem sich selbst: Ja, ich bin wieder da! Und ja, ich kann mithalten!

          Für den souveränen Sprintsieger Alexander Kristoff (Team Katjusha) war der Triumph bei der 55. Auflage des bedeutendsten deutschen Eintagesrennens, das im Vorjahr wegen einer Terrordrohung kurzfristig ausgefallen war, eine Bestätigung seines Sieges von 2014. Für Degenkolb war „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ ein Schritt zurück zu alter Stärke, auch wenn er 50 Kilometer vor dem Ziel abreißen lassen musste und ausstieg.

          „Nach vier Stunden war wie erwartet Schicht im Schacht. Alles andere war ein Ding der Unmöglichkeit“, sagte Degenkolb nach getaner Kurzarbeit. Gesund werden, Angst überwinden, wieder Rennfahrer sein: Der Oberurseler hat nunmehr alle Schritte so gut wie bewältigt. Dass er keine Phobie entwickelt hat vor dem Pedalieren im Straßenverkehr war ihm besonders wichtig.

          Eine Strecke direkt vor der Haustür

          Ziemlich genau drei Monate ist der Horrorunfall im spanischen Wintertrainingslager her. Eine betagte Britin, auf der falschen Fahrbahnseite fahrend, räumte gleich sechs Giant-Alpecin-Fahrer frontal ab. Der Unterarmbruch und die tiefen Schnittwunden heilten, die Sorgen um seinen linken Zeigefinger blieben. Um den Trümmerbruch zu richten, mussten Knochenteile von seiner Hüfte transplantiert werden. Noch immer kann er mit dem Finger nicht bremsen und schalten.

          „Diese Aufgabe übernimmt jetzt eben der Mittelfinger. Man arrangiert sich mit der Zeit einfach damit und stellt sich um“, sagte Degenkolb. In Frankfurt gelang ihm 2011 der erste große Sieg seiner Karriere, die mit diesem Tag richtig Schwung aufnahm und Degenkolb zu einem der prominentesten und erfolgreichsten deutschen Radprofi der Nach-Ullrich-Ära machte. Seine Ehefrau Laura arbeitet schon lange im Organisationsteam des Veranstalters und die Strecke kennt Degenkolb nicht nur von Hunderten Trainingsfahrten, sondern sie führt sogar direkt an der Haustür seiner alten Frankfurter Wohnung und seiner neuen Heimat in Oberursel vorbei.

          Er ist wieder da: John Degenkolb, der Mann im schwarzen Trikot.
          Er ist wieder da: John Degenkolb, der Mann im schwarzen Trikot. : Bild: dpa

          Vier Mal müssen die Radprofis auf der 206 Kilometer langen Taunusschleife über den Mammolshainer Berg, einem giftig steilen Stich mit mehr als zwanzig Prozent Steigung. Dort stehen die Zuschauer dicht an dicht und sorgen für eine Atmosphäre, die an die großen Rundfahrten im Sommer erinnert. Bei der dritten Überquerung des Mammolshainer Berges ließ Degenkolb abreißen, das Feld rauschte vorbei und der Sieger von Mailand-San Remo und Paris-Roubaix 2015 hatte Renntag eins nach seinem schweren Unfall bewältigt.

          Als Degenkolb das Tempo drosselte, attackierte Tony Martin. Er ist in Eschborn aufgewachsen und kennt die Taunusstraßen ebenfalls zur Genüge. Doch ist der Radklassiker nicht das ideale Terrain für Ausreißer – zu lang und flach ist nach dem ewigen Auf und Ab des Taunus die Anfahrt in die Frankfurter City. So bogen wie in den vergangenen Jahren auch viele Dutzend Fahrer gleichzeitig in den drei Kilometer langen Rundkurs um die Alte Oper ein, der im spektakulär anzuschauenden Finale drei Mal bewältigt werden muss.

          „Ich bin fast zwei Monate nicht richtig Rad gefahren“

          Auch das Frankfurter Rennen wäre, wie so viele andere beinahe von den Dopingverwerfungen und dem damit einhergehenden Sponsorenmangel im deutschen Radsport ausgelöscht worden. Doch Organisator Bernd Moos-Achenbach, der die Großveranstaltung mit insgesamt 17 Rennen an einem Tag von seinem Vater und Onkel geerbt hatte, hat einen langen Atem bewiesen und die Tradition am 1. Mai nicht sterben lassen. Auch die Absage im vergangenen Jahr bedeutete einen harten Schlag, doch Moos-Achenbach ging wieder nicht K.o..

          „Ich bin fast zwei Monate nicht richtig Rad gefahren. Da sind neben 25 geplanten Renntagen auch extrem viele Trainingstage ausgefallen. Das muss ich jetzt versuchen zu kompensieren“, sagte Degenkolb. Für sein großes Ziel, einen Etappensieg bei der Tour de France, dem in den vergangenen Jahren stets vergebens nachjagte, hat er nun Zeit genug, um in Form zu kommen.

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