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Bahnrad-WM : Radprofis sind hart, Kluge ist härter

  • -Aktualisiert am

Immer vorneweg: Roger Kluge bei der Bahnrad-WM. Bild: EPA

Roger Kluge fährt auch schon mal aus dem Flugzeug direkt zu einem Weltmeistertitel. Der Radprofi aus Steglitz ist bei seinem Heimspiel bei der Bahnrad-WM besonders motiviert. Das lässt ihn das Hin und Her zwischen Straße und Bahn verkraften.

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          Wenn Roger Kluge von seinem Weltmeister-Coup vor einem Jahr erzählt, klingt es nach klassischem Freizeitsport am Sonntagvormittag: treffen, umziehen, bisschen warmmachen und los geht’s. Nur dass der Berliner seinen Sport seit zehn Jahren professionell betreibt und vor ziemlich genau zwölf Monaten Bahnrad-Weltmeister im Madison (Zweier-Mannschaftsfahren) geworden ist. Und das ging so: Kluges Flugzeug, aus Dubai kommend, - er war bis zum letzten Drücker noch beim Straßenrennen UAE Tour aktiv - landete an jenem Sonntagvormittag um 11.20 Uhr in Warschau. Vier Stunden später gewann er auf der Bahn von Pruszków mit seinem Partner Theo Reinhardt Gold. „Für so einen Spaß bin ich immer zu haben“, sagt Kluge schmunzelnd.

          Radprofis sind hart, Kluge ist härter. Der 34-Jährige ist ein Weltenwechsler in Radlerhosen, ein Mann, der ein athletisches Doppelleben führt. Einer, der draußen auf dem Asphalt und drinnen auf der Holzpiste gleichermaßen mächtig in die Pedalen tritt. Kluge gehört zum kleinen Kreis jener, die auf der Straße und der Bahn gleichermaßen Weltklasse ist. Dass er nur einem Fachpublikum ein Begriff ist, liegt daran, dass er seine Erfolge im hierzulande darbenden Bahnsport erringt, im weitaus mehr ausgeleuchteten Peloton auf der Straße beim World-Tour-Team Lotto-Soudal aber ausschließlich Helferdienste verrichtet.

          Aus dem eigenen Bett auf die Bahn

          An diesem Wochenende hat Kluge WM-Heimspiel. Während der erstmals seit 16 Jahren wieder im  Velodrom am Prenzlauer Berg stattfindenden Titelkämpfe kann er im eigenen Bett in Steglitz schlafen. Am Samstag erreichte er im Omnium den undankbaren vierten Platz, der aber die Olympia-Qualifikation bedeutete. An diesem Sonntagnachmittag nun peilt Kluge mit Reinhardt ein historisches Triple an: Drei WM-Titel in Serie im Madison hat noch nie zuvor jemand geschafft. „Es ist schon etwas Besonderes“, sagt Kluge, „nach dem Rennen, Familie und Freunde in den Arm nehmen zu können.“ Etwas, was ihm bei seiner Hatz rund um den Globus sonst fast nie vergönnt ist.

          Der Profi hat sich ein enormes Programm auferlegt, um das Beste aus seinen beiden Radsport-Welten verknüpfen zu können. Seit Anfang November war er kaum daheim in Berlin. Weil er sich in der olympischen Saison erst in die Bahn-Weltcups zwischen Neuseeland, Hongkong und Europa gestürzt hat. Weil er an zwei Sechs-Tage-Rennen teilgenommen hat. Weil er Trainingslager absolviert hat. Und weil er auch den Beginn der Straßenradsaison in Australien nicht verpasst hat. Als tempofester, 1,93 Meter großer Koloss auf dem Rad geht er seit Jahren eine gedeihliche Arbeitsgemeinschaft mit dem australischen Rad-Star Caleb Ewan ein. Bei dessen Sprint-Siegen Kluge „als Lotse im Sturm der wirbelnden Beine“, wie er sagt, als Anfahrer fungiert.

          Auch in diesem Jahr werden der kleine Australier und der riesenhafte Deutsche sich dem Mammut-Programm aus Frühjahrsklassikern, Giro d’Italia und Tour de France aussetzen. Kluge hat seinem Kompagnon allein 2019 zu zwei Tagessiegen beim Giro und drei bei der Tour verholfen. Viele Tage im Jahr konfrontiert mit Kluges Entspanntheit abseits der Rennpiste und seiner Verlässlichkeit im Sattel, ist Ewan schon mit 25 Jahren in den Kreis der Topsprinter aufgestiegen. Der Lohn für den Helfer: Der bestdotierteste Vertrag seiner Karriere, zumal für weitere drei Jahre bis Ende 2022 unterzeichnet. Ein Vertrauensbeweis der belgischen Equipe Lotto-Soudal dafür, dass der eisenharte, in Eisenhüttenstadt geborene Athlet auch bis ins 37. Lebensjahr keine Verschleißerscheinungen zeigen wird.

          Ständiges Hin und Her

          Der Straßenradsport, das ist klar, nährt den Familienvater. Den Bahnsport liebt er dafür „ein klein bisschen mehr“, obwohl dieser ihm, wie er sagt, nur „Taschen-, Weihnachts- und Urlaubsgeld“ beschert. Dazu hat er seinen Arbeitgebern noch immer beweisen können, dass das Kreiseln zwischen den Steilkurven einen Trainingseffekt für die Straßenrennen bereithält.

          Aber wie bewältigt Kluge das ständige Hin und Her zwischen Ausdauerleistung auf der Straße und Vollgas-Ritt auf der Bahn? Zwischen den ultraleichten Straßen-Rennmaschinen und den Bahnrädern mit starrer Nabe und ohne Bremse. Noch bis zum vergangenen Sonntag hat er sich für Lotto-Soudal bei der Algarve-Rundfahrt in Portugal abgestrampelt, wo er ausnahmsweise selbst auf Ergebnis fahren durfte und zwei Top-10-Ränge erreichte. „Es ist nicht so schwer, wie viele denken. Ich brauche keine speziellen Vorbereitung auf der Bahn“, erzählt er. „Die Umstellung fällt mir leicht“. Warum? „Weil ich weiß, wie es geht.“

          Seit knapp zwanzig Jahren hält er diesen Spagat. Kluges letzter Einsatz auf der Bahn beim Rotterdamer Sechstagerennen liegt sieben Wochen zurück. Bisschen die Beine bewegen und eine gemeinsame Einheit mit Reinhardt auf der Berliner Heimbahn in dieser Woche – und fertig. Alles Roger also für den Griff nach dem historischen dritten WM-Titel in Serie. Danach sah es vor zwei Jahren nicht aus, für einen kurzen Moment geriet Kluges Welt aus den Angeln. Als er die Nase seiner Tochter putzen wollte, fiel sein Arm langsam runter und er konnte diesen eine halbe Minute lang nicht mehr bewegen. Kluge erlitt einen leichten Schlaganfall. Die Ärzte ließen ihn aber zügig wieder aufs Rad steigen. Im vergangenen Oktober unterzog er sich aber doch einem kleinen operativen Eingriff am Herzen. Es sei nur „ein kleines Loch gestopft“ worden, sagt Kluge in seiner lockeren Art, mit der er auch im Sport Siege und Niederlagen im Nu abzuhaken pflegt. Sein Ritt durch diese Saison begann also mit einer Herz-Operation, führt über die Heim-WM, macht Halt bei der Tour de France und geht dann über in die Olympischen Spiele. Als 22-Jähriger holte er schon 2008 in Peking eine Silbermedaille im Punktefahren. In Tokio als 34-Jähriger will Kluge zum großen Wurf ansetzen. Und auch Paris 2024, es wären seine fünften Spiele,  hat er schon im Blick. „Mit dann 38 Jahren würde ich zu den Oldies gehören“, sagt er schmunzelnd. „Aber das mache ich dann mit Erfahrung und Cleverness wett.“

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