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Radprofi Vincenzo Nibali : Freibeuter auf dem Rad

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Vincenzo Nibali vorneweg: Zum ganz großen Liebling ist er trotzdem nie geworden. Bild: EPA

Ursprünglich war er nur als Nebendarsteller bei dieser 100. Italien-Rundfahrt aufgeboten. Doch Vincenzo Nibali setzt sich beim Giro d’Italia wieder in Szene – sogar mit einer akrobatischen Einlage.

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          Widerstand prägt den Charakter. Vincenzo Nibali ist so ein aus Strapazen geformter Mann. Am asketischen Körper ist kein Gramm zu viel. Selbst aus dem länglichen Gesicht scheint alles Gewebe, das nicht unbedingt nötig ist fürs pure Funktionieren, verschwunden. Nibalis Antlitz erinnert an von Wind, Wetter und Entbehrungen gegerbte Piraten des Mittelmeeres, die jeden Vorteil für sich auszunutzen wussten. Nibali hat auch die Mentalität eines solchen Beutemachers, selbst wenn er nicht wie einstmals „il pirata“ Marco Pantani im wild über dem Kopf geschlungenen Tuch auftritt, sondern im gewöhnlichen Helm.

          Aktuell hat der Sizilianer, der zugunsten einer Radsportkarriere das Elternhaus verließ und in die Toskana zog, mal wieder ein lohnendes Ziel: den Giro d’Italia. Ursprünglich war er nur als Nebendarsteller bei dieser 100. Italien-Rundfahrt aufgeboten. Die Hauptrollen sollten Italiens Jungstar Fabio Aru und der Double-Anwärter Nairo Quintana spielen. Aru fiel wegen Verletzung aus. Quintana ist dabei, allerdings durch einen Sturz gehandicapt. Ins Rampenlicht fuhr der Niederländer Tom Dumoulin – ein junger Bursche mit dem makellosen Antlitz eines Filmstars.

          Wieder schienen nur Brosamen von Erfolg, Ruhm und Ehre für Nibali übrig. Doch während die anderen Fehler machten, Quintana sich von einem Teamkollegen in eine Karambolage verwickeln ließ und Dumoulin vom falschen Energie-Gel auch noch zu viel nahm, blieb Nibali bislang fehlerfrei und hat sich hinter Dumoulin und Quintana auf den dritten Platz vorgearbeitet. Er lieferte ein solides Zeitfahren ab. Er managte in den Bergetappen der zweiten Woche seine Kraftdefizite mit großer Ruhe. Am Dienstag, am von Schneemassen gekrönten und an Legenden reichen Stilfser Joch, trat er dann erstmals richtig in Aktion. Beim unplanmäßigen Toilettengang von Dumoulin zögerte er erst noch. Er war sich nicht sicher, ob der Niederländer einen Platten hatte, gefallen war oder sonst wie aufgehalten wurde.

          Nibali kennt sich aus mit Niederlagen. Aber er weiß auch, wie man gewinnt.

          Als klar war, dass der Darm die Ursache des Stopps war, schickte der Bahrain-Kapitän seine Männer los. Vor allem Franco Pellizotti, der nach Doping-Verfahren seine Karriere längst beendet hatte, für den alten Kumpel aber zurückkam, sorgte für enormes Tempo.

          Nibali nutzte konsequent seine Chance

          Schließlich ging Nibali selbst voran. Er sprengte die Gruppe, setzte sich in der Abfahrt von Quintana ab, holte den letzten der Ausreißer, Sky-Kapitän Mikel Landa, ein und überspurtete Letzteren dann, indem er an der Innenseite der letzten Kurve durchschlüpfte. Das größte Kunststück dieser wilden Hatz war wohl, als Nibali auf der Abfahrt ein nasses Stück Straße einfach übersprang. Er befürchtete, dort auszurutschen und entschied sich für die akrobatische Einlage.

          Nibali nutzte konsequent seine Chance. Er scheint auf einem guten Weg, ein ähnliches Bravourstück wie im vergangenen Jahr zu schaffen. Da drehte er in der letzten Woche noch den Giro, holte die entscheidenden Minuten am letzten Berg. Erfahrung, Leidensfähigkeit und Erholungsvermögen sind seine Trümpfe. 15 dreiwöchige Rundfahrten hat der Italiener in zehn Jahren komplett absolviert. Er lernte dabei mit Enttäuschungen umzugehen wie bei den vergangenen beiden Frankreich-Rundfahrten.

          Nibali hat aber auch alle drei großen Rennen gewonnen, Tour und Vuelta je einmal, den Giro bereits zweimal. Nibali kennt sich aus mit Niederlagen. Aber er weiß auch, wie man gewinnt. Zum ganz großen Liebling ist er trotzdem nie geworden. Denn Nibali attackiert nicht in einer Hauruck-Manier wie einst Pantani. Er ist spröde, wirkt undurchsichtig. Dazu ist er von früheren Dopern umgeben. Wichtigster Mann neben Pellizotti ist Giovanni Visconti; der saß eine Sperre ab, weil er sich lange nach den großen Doping-Skandalen noch von Michele „Doktor Epo“ Ferrari coachen ließ.

          Sein Geld verdient Nibali im Rennstall Bahrain Merida. Das Königreich Bahrain steht wegen Folterung von Regimegegnern am Pranger. Nibali scheint das aber nicht zu stören. Er ergreift die Gelegenheit, auf seine alten Rennfahrer-Tage eine Mannschaft ganz für sich aufzubauen. Ein Freibeuter eben, der sich nicht um die Fahne auf dem Mast schert, unter der er segelt – und den nur interessiert, dass der Ertrag prächtig ist.

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