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Der Kampf im Peloton : „Brutale Animalität“

  • -Aktualisiert am

Animalische Anmutung: Es geht eng zu im Peloton eines Radrennens Bild: dpa

Radprofi und Philosoph Guillaume Martin setzt sich mit der Notwendigkeit von Egoismus und Solidarität in seinem Sport auseinander. Lässt sich beides überhaupt gewinnbringend verknüpfen?

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          Was tun in einer Gesellschaft, die auf Solidarität angewiesen ist, in der aber genau das Gegenteil, also Egoismus, belohnt wird? Diese Frage, die so elementar für das gegenwärtige Zusammenleben zu sein scheint, da der (liberale) Staat sich eben nicht als vollumfänglicher Unterstützer erweist, seine Aufgaben vielmehr zuhauf von Ehrenämtern, Stiftungen oder anderen Institutionen wie der Kirche übernommen werden, diese Frage kann auch auf den Radsport übertragen werden, folgt man dem französischen Spitzenfahrer und Philosophen Guillaume Martin.

          Denn als Individualsport, der in Mannschaften ausgeübt wird, steht der Radrennfahrer vor einem Dilemma: Nur einer, der Sieger, erhält den Ruhm. Gewinnen kann der Einzelne aber nur dank der Unterstützung seiner Mitstreiter. Der Radprofi muss also zweierlei zugleich tun: zum Wohlergehen des Pelotons beitragen, ohne sich selbst zu opfern und seine persönlichen Ambitionen aufzugeben. Geht das?

          Martin stellt sich dieser Frage in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Essay „Die Gesellschaft des Pelotons – eine Philosophie des Einzelnen in der Gruppe“ auf zweierlei Weise. Er blickt zurück auf Erfahrungen seiner Karriere sowie auf die Historie des Radsports und verwebt dies mit anthropologischen und philosophischen Versatzstücken prominenter Denker.

          So wird beispielsweise der Tour-Sieg Greg LeMonds 1986 auf ein Versprechen seines Kapitäns Bernard Hinault zurückgeführt, der seinem langjährigen Adjutanten zusagte, diesmal ihm zum ersten Sieg zu verhelfen, statt die Frankreich-Rundfahrt zum sechsten Mal in Serie zu gewinnen. Ein klarer Fall von symbolischer Tauschbeziehung, resümiert Martin und führt die Gabentheorie von Marcel Mauss an. Zwischen dem Franzosen Hinault und dem Amerikaner LeMond entstand ein Schuldverhältnis, das den Kollegen verpflichtete, dem Helfenden bei nächster Gelegenheit noch mehr zu helfen.

          Der philosophierende Radrennfahrer: Guillaume Martin
          Der philosophierende Radrennfahrer: Guillaume Martin : Bild: picture alliance / Roth

          Martin selbst berichtet von einer in Führung liegenden gemeinsamen Zieleinfahrt mit einem Mannschaftskollegen, der ihm bewusst den Sieg überließ, dafür aber erwartete, dass Martin als Chef der Mannschaft für ihn sorgt: Der auslaufende Vertrag des aus freien Stücken vom Sieg zurückgetretenen Teamkollegen stand zur Verlängerung an.

          Auf solche Weisen bilden sich im Mikrokosmos Peloton Abhängigkeitsverhältnisse, es kommt zu Machtspielen und zu kurzzeitigen Koalitionen, die ausschließlich durch die heterogenen Interessen der Individuen geprägt sind. Ziel aller Protagonisten ist es, aus dem Leben in der Gemeinschaft den größtmöglichen Vorteil zu ziehen. Letztlich haben wir es demnach auch beim Radsport mit einem knallharten Business zu tun, in dem die Absichten Einzelner nach Nutzen abgewogen oder getauscht werden. Und in der sich beinahe soziale Klassen – also starke Hierarchien – bilden, die schließlich auch mit Hegels Dialektik von Herr und Knecht analogisiert werden können.

          Martin plädiert deswegen für einen „authentischen Egoismus“ und versteht darunter eine demütige, aber singuläre Verfolgung seiner persönlichen Interessen – man soll Akteur seiner selbst bleiben und sich nicht im Kollektiv auflösen. Zu Solidarität, von der Moral des Sports eingefordert, finden die Profis dagegen immer wieder. „Resolidarisierung“, wie Martin das nennt, bezeichnet einen fortlaufenden Prozess der Wiederverbindung mit anderen und sich selbst.

          Den Profi von Cofidis auf seiner bergigen und exkurslastigen Denketappe zu begleiten, macht Spaß, wirkt mitunter aber etwas verworren. Manchmal hat es den Anschein, als suche der philosophierende Radrennfahrer zwanghaft nach Parallelen zwischen Geistesgeschichte, Alltagsphänomenen und seinem Sport. So verwundert es nicht, dass er fast schon nebenbei versucht, solche Fragen von enormer politischer Tragkraft zu beantworten wie beispielsweise die nach der ausbleibenden Revolution der Unterdrückten oder der vermeintlichen Schwäche einer bloß auf Wahlen fokussierenden Demokratie.

          Spannender ist, wie man an seinen persönlichen Schilderungen seine Zerrissenheit mit Blick auf die Ausgangsfrage ablesen kann. Auf den ersten Seiten hängt er dem Sport allgemein (oder spricht er doch nur vom Radrennfahren?) eine Ideologie des Kollektivs an, schreibt von der „Unterwerfung des Individuums unter die Gruppe“ – und dass der Sport heute eine bestimmte Funktion erfülle: „die Kräfte des Kollektivs an erste Stelle zu setzen und das Streben nach individuellen Zielen zum Schweigen zu bringen“. Gewinnen, so Martin dagegen, sei ein großartiges Vergnügen – „mein Vergnügen“. Dabei hebt er hervor, als Rennfahrer ein anderer Mensch zu sein, „auf seine brutale Animalität“ zurückgeworfen.

          Es sind diese intimen Beobachtungen, die es letztlich erlauben, einen authentischen Eindruck über die Gesellschaft des Pelotons zu erhalten – und die uns womöglich mehr über das „große“ Peloton, das wir Gesellschaft nennen, verraten als die so zahlreich im Buch gezogenen philosophischen Analogien.

          Besprochenes Buch: Guillaume Martin, „Die Gesellschaft des Pelotons – Eine Philosophie des Einzelnen in der Gruppe“, aus dem Französischen von Christoph Sanders, Covadonga Verlag, 2022, 192 Seiten, 16,80 Euro.

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