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Radprofi Simon Yates : Der andere Brite

  • -Aktualisiert am

Der britische Radprofi Simon Yates bei der Giro d’Italia. Bild: EPA

Simon Yates überzeugt beim Giro als Kletterer – und erhält Anerkennung von einem bekannten Landsmann. Nach ganz vorne gekommen ist er jedoch auf atypische Weise. Geholfen hat ihm dabei auch gerade das Pech seines Bewunderers.

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          Als Christopher Froome zu seinem bislang größten Sieg beim Giro d’Italia antrat, auf den extremen Kehren des Monte Zoncolan, schaute er noch einmal kurz auf sein Powermeter. Und dann stiefelte er los, dabei das hohe Tempo ausnutzend, das sein Helfer Wout Poels über die letzten vier Kilometer vorgelegt hatte. Froome strebte allein dem Ziel zu. Er strapazierte dabei so stark seine Reserven, dass er am Folgetag bezahlen musste und erst in der zweiten Verfolgergruppe ins Ziel kam. Dass Froome für seine Anstrengung so würde büßen müssen, ahnte man am Zoncolan noch nicht. Bezeichnend war aber, dass Froome sich – ganz gegen seine Gewohnheit – auf dem letzten Kilometer mehrmals umblickte.

          Er spürte hinter sich die Gefahr. Immer näher kam Simon Yates. Bis auf vier Sekunden näherte sich der Brite im Rosa Trikot seinem Landsmann, der – ganz ungewohnt für große Rundfahrten – im normalen Sky-Dress die Etappe bestritt. „Ich habe gefürchtet, dass Simon mich noch holt“, sagte Froome und bescheinigte seinem Gegner einen „tollen Giro“: „Was Simon hier vollbringt, ist außerordentlich. Und es ist schön, einen anderen Briten in Rosa zu sehen.“

          Als dieser andere Brite 24 Stunden später seine Attacke am Anstieg nach Sappada startete, blickte er kurz in die Gesichter seiner Konkurrenten. „Ich sah, dass sie müde waren. Ich war auch müde nach dem anstrengenden Tag auf dem Zoncolan. Aber ich wusste auch, dass ich noch mehr Zeit herausholen muss. Also habe ich angegriffen“, sagte Yates mit Blick auf den Moment, der ihm den nun schon dritten Etappensieg bei dieser Rundfahrt bringen sollte. Italiens Radsporthistoriker kramten hervor, dass dies in modernen Zeiten unter den Rundfahrern nur Gilberto Simoni und dem großen Eddy Merckx geglückt war. Auch nach der 17. Etappe am Lago d'Iseo, die sich der Italiener Elia Viviani nach 155 Kilometern im Massensprint sicherte, bleibt Yates Gesamtführender vor dem Vorjahressieger Tom Dumoulin vom deutschen Sunweb-Team.

          „Wenn es nach mir ginge, würde eine Rundfahrt keine Zeitfahrkilometer haben“

          Nach vorn gekommen ist Yates auf eine atypische Weise. Er ist kein Zeitfahrer, der sich in den Bergen gut zu verteidigen weiß – wie etwa der erste britische Toursieger Bradley Wiggins oder der Titelverteidiger Dumoulin. Er ist auch kein Kletterer, der zugleich im Zeitfahren brillieren kann, wie früher Alberto Contador und zuletzt Froome. Nein, Yates ist Kletterer. „Zeitfahren? Wenn es nach mir ginge, würde eine große Rundfahrt gar keine Zeitfahrkilometer haben“, sagte er scherzend vor der Zeitfahrprüfung beim Giro am vergangenen Dienstag. Dort schlug er sich wacker und verteidigte mit Rang 22 die Führung. Der Sieg im Kampf gegen die Uhr ging an den Australier Rohan Dennis, der sich knapp gegen den Deutschen Tony Martin und Dumoulin durchsetzte.

          Simon Yates ist ein Mann für das alpine Gelände, vergleichbar mit dem Kolumbianer Nairo Quintana. Dem hatte man zuletzt zugetraut, Froome in den Bergen so einschüchtern zu können, dass dessen Klasse im Zeitfahren nicht für das oberste Treppchen ausreichen würde. Im Gegensatz zu Quintana, der lange zögert, bevor er angreift, und deshalb oft den entscheidenden Moment verpasst, macht Yates den Eindruck, keine Gelegenheit zum Vorstoß auslassen zu wollen. „Das ist mein Modus. Ich liebe es, Radrennen zu fahren. Und ich liebe es, sie aggressiv zu fahren“, sagte er. Diese Einstellung holte Yates sich auf der Bahn. Er war dort auch Weltmeister im Punktefahren. Als er sich diesen Titel im bitterkalten Minsk im Februar 2013 sicherte, hatte sich Froome gerade mit einem Rundfahrtsieg im angenehm temperierten Oman für seinen ersten Tour-Sieg vorbereitet – noch so ein Gegensatz. Yates kommt von der Bahn, dem Velodrom in Manchester im Übrigen, der Herzkammer des britischen Radsports. Froome, in Kenia geboren, lernte das Pedalieren in der Savanne.

          Dass Yates bei früheren Rundfahrten – er errang bereits Top-10-Resultate bei der Vuelta 2016 und der Tour 2017 – nicht als besonders forscher Rennfahrer aufgefallen ist, hat zwei Gründe. „Ich habe mich Schritt für Schritt entwickelt. Ich hatte diese Angriffslust schon immer. Aber jetzt habe ich auch die Beine, meinen Willen umzusetzen“, sagte er beim Ruhetag in Trient. „Und bei der letzten Tour hat das Team Sky ein so mörderisches Tempo in den Bergen vorgelegt, dass man einfach keine Lücken reißen konnte“, nennt Yates als zweite Ursache. Ist das Team Sky beim Giro womöglich weniger stark als bei der Tour? „Ja, ganz eindeutig“, lautete die lakonische Antwort.

          Yates profitiert sicher vom Sturzpech Froomes und auch von dem Motivationsloch, in das offenbar die gesamte Sky-Mannschaft gefallen ist. Er nutzt diese Schwäche aber mit einer Konsequenz aus, die selten ist im modernen Radsport. Er fordert zugleich den Sky-Kapitän, der zudem durch eine Salbutamol-Affäre belastet ist und deswegen vielleicht nicht zur Tour zugelassen wird, zu besonderen Taten heraus. Hätte sich Yates in den ersten zwei Giro-Wochen nicht so dominant gezeigt, hätte Froome weiter darauf hoffen können, in der dritten Woche noch die Rivalen zermürben zu können. Gegen Yates traut er sich das offenbar nicht zu. Und weil er nicht mit ganz leeren Händen vom Giro zurückkommen will, mobilisierte Froome all seine Kräfte für den Coup am Zoncolan. Das war wohl bereits ein Vorgeschmack auf den Karriereherbst. Im Hurrastil, als gäbe es kein Morgen, hatte auch der alternde Contador seine letzten Jahre bestritten. Yates sorgt bereits jetzt für neue Konstellationen in der Branche der Rundfahrer.

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