https://www.faz.net/-gtl-a3r51

Radprofi Simon Geschke : Mit Standgas aus der Tour zur WM

  • -Aktualisiert am

Formstark: Allrounder Simon Geschke Bild: Reuters

Gemeinsam mit Maximilian Schachmann führt Simon Geschke bei der Rad-WM das deutsche Team an. Mehr als eine Top-Ten-Plazierung hält er nicht für realistisch. Aber zeigen muss er sich auch für einen neuen Job.

          3 Min.

          In dieser von der Pandemie demontierten und anschließend wild neu zusammengefügten Radsport-Saison ist zumindest ein Termin auf seinem angestammten Platz verblieben: die Weltmeisterschaften Ende September. Was sonst ein spätes Highlight im Kalender darstellt, liegt nun mitten im Strom all der noch nachzuholenden Rennen. Der übliche Saisonzyklus der Profis mit der gängigen Abfolge aus Wettfahrten und Erholungsphasen ist außer Kraft gesetzt. Und so geht es genau eine Woche nach dem Ende der Tour de France schon um Weltmeisterehren, um den Gewinn des regenbogenfarbenen Trikots, das der Sieger ein Jahr lang tragen wird, sobald er ein Rad besteigt.

          „Wenn ich nach der Tour nach Hause komme, bin immer ganz schön im Eimer“, sagt Simon Geschke. Drei Tage nach Ankunft auf den Champs-Élysées nach drei Wochen und 3484 Kilometern Frankreich-Rundfahrt hat er sich im heimischen Freiburg wieder auf den Sattel geschwungen. Es muss ja sein. „Wenn ein bisschen Luft drankommt, dann geht es wieder“, sagt er schmunzelnd. „Aber das hat mehr mit Erholung als mit Feintuning zu tun. Der Körper erinnert sich dann, was zu tun ist. Und man hat noch viel Standgas von der Tour.“ Dort hatte sich Geschke in den knallorangen Trikots seines Teams CCC stark präsentiert. Gleich vier Mal schaffte es der 34-Jährige in eine aussichtsreiche Ausreißergruppe, mit Rang sieben auf der 13. Etappe und Platz fünf auf dem 16. Teilstück sprangen zwei hochklassige Resultate heraus.

          In der zweiten und dritten Rennwoche im Kampf Mann gegen Mann seine Zähigkeit und Erfahrung auszuspielen ist das, was Geschke liegt. So erreichte der Allrounder, der sonst meist knapp unter dem Radar der breiten öffentlichen Wahrnehmung radelt, auch einst seine Sternstunde auf dem Rad: Im Sommer 2015 gewann Geschke eine Tour-Etappe im Hochgebirge nach knapp 50 Kilometern Solofahrt.

          In einer dezimierten deutschen Mannschaft ist der formstarke Geschke an diesem Sonntag beim WM-Straßenrennen in Imola Teil einer Berliner Doppelspitze. Er und Maximilian Schachmann führen das Aufgebot des Bundes Deutscher Radfahrer bei den kurzfristig aus der Schweiz nach Italien verlegten Titelkämpfen an. Auf einem Rundkurs – gefahren wird ein 258 Kilometer langes, mit rund 5000 Höhenmetern gewürztes Rennen mit Start und Ziel auf der Formel-1-Rennstrecke von Imola. Der Plan ist, dass beide deutschen Kapitäne im Rennfinale eine Rolle spielen und eine Top-10- Plazierung herausspringt. Mehr ist in den Augen Geschkes angesichts der Schlagkraft anderer Nationen „nicht realistisch“.

          Der zweite Teil der deutschen Doppelspitze: Maximilian Schachmann
          Der zweite Teil der deutschen Doppelspitze: Maximilian Schachmann : Bild: dpa

          Favorisiert sind die Belgier mit Wout van Aert an der Spitze und die Franzosen mit Julian Alaphilippe. Interessant wird sein, wie die beiden Tour-Dominatoren Tadej Pogacar und Primoz Roglic auftreten, wenn sie für Slowenien gemeinsame Sache machen. Deren Niveau und überhaupt das Level bei der diesjährigen Tour sei „sehr hoch“ gewesen, sagt Geschke nach seiner achten „Grande Boucle“. Er könne verstehen, dass Rennfahrer frustriert gewesen seien, die trotz Topform und Topwerten nicht in der Lage gewesen seien, vorne reinzufahren. „Aber es waren keine übermenschlichen, total verdächtigen Leistungen“, so der Routinier.

          Indes: Die Werte (6,5 Watt pro Kilogramm), die Pogacar mitten in der Tour knapp 25 Minuten lang den Pyrenäen-Anstieg Col de Peyresourde hinauf erreichte, „könnte ich maximal zehn Minuten lang treten“, so Geschke. „Ich will daran glauben, dass die Jungs sauber sind. Es ist schade, dass in unserem Sport der Schnellste immer sofort unter Verdacht gerät.“

          CCC muss den Betrieb einstellen

          Nach dieser Saison steht mal wieder eine sportliche Luftveränderung an. Geschkes polnische Equipe CCC ist aller Voraussicht nach das erste Team der ersten Kategorie, das pandemiebedingt den Betrieb zum Jahresende einstellen wird. Schon seit Frühjahr sind die Profis mit um 45 Prozent reduzierten Bezügen unterwegs. Wie es sich in einem dem Untergang geweihten Team fährt? „Es ist seltsam, wenn jeder weiß, dass die meisten im nächsten Jahr gegeneinander fahren werden. Selbst von den Masseuren haben viele schon ein neues Team gefunden“, sagt Geschke.

          Er selbst hat seinen Wert auf WorldTour-Niveau in diesem Jahr nachhaltig nachgewiesen. Nicht nur bei der Tour, sondern beispielsweise auch bei der Tour Down Under mit Rang drei im Gesamtklassement sowie Platz sechs bei der Algarve-Rundfahrt. „Ich werde auf jeden Fall für die nächsten zwei Jahre noch unterkommen“, sagt Geschke nach diversen Gesprächen mit Teamvertretern. Und wie lange er noch Teil der Tretmühle Peloton bleiben will? Nach zwölf Profijahren mit Höhen und Tiefen und zu Bruch gegangenen Schlüsselbeinen, Ellbogen und Rippen? Da wirkt Geschke ganz ehrlich: „Solange Leidenschaft und Gehalt noch stimmen. Wenn eins von beiden fehlt, ist es Zeit aufzuhören. Profi sein nur um des Profiseins willen, das werde ich mir nicht mehr geben.“

          Weitere Themen

          Götze im Glück – Blamage für Mourinho

          Europa League : Götze im Glück – Blamage für Mourinho

          Mario Götze und Eindhoven gewinnen nach einem peinlichen Gegentor in letzter Minute in der Europa League doch noch. Schlimm erwischt es die Tottenham Hotspur. Und Zlatan Ibrahimovic unterläuft ein Missgeschick.

          Topmeldungen

          Die schönen Blütenträume vom Sommer welken: Ein Kölner Theater verabschiedet sich in den neuen Lockdown.

          Folgen des Shutdowns : Von Montag an im Winterschlaf

          Wie viel Symbolpolitik verträgt Kultur? Wieso sind Theaterbühnen und Konzerthäuser auf einmal nur noch Freizeitunterhaltung? Und wo endet die Privatsache? Gedanken von Redakteuren des Feuilletons zu einer drastischen Entscheidung.
          Der amerikanische Rapper Lil Wayne

          Wahl in Amerika : Ein Rapper für Donald Trump

          Es gibt nur wenige berühmte, amerikanische Musiker, die sich offen hinter Präsident Donald Trump stellen. Nun bekommt der Republikaner Unterstützung von einem Rap-Star. Dieser lobt Trumps Pläne für Schwarze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.