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Flandern-Rundfahrt : Rick Zabels Fahrt aus dem Schatten

  • -Aktualisiert am

Rick Zabel (links, weißes Oberteil) bei der Rad-WM 2017 in Bergen. Bild: Picture-Alliance

Rick Zabel ist nicht nur der Sohn seines bekannten Vaters Erik. Er hat eigene Ambitionen, auch wenn er kein Wunderkind ist. Im Sattel hat er sich eine Lockerheit bewahrt, die selten ist im sonst so verbissenen Radsport.

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          Er weiß, dass er kein Wunderkind ist. Er weiß, dass er kein Seriensieger sein wird wie sein Vater. „Bei 80 Renntagen im Jahr kann ich an zehn etwas reißen, an 70 nicht. Sich realistisch einschätzen können ist das Wichtigste im Profisport“, sagt Rick Zabel: „Es kann nicht jeder Peter Sagan sein.“ Der 24-Jährige ist nun im fünften Jahr Berufsradfahrer, hat sich als verlässlicher Domestik im Peloton etabliert. Natürlich strebt er nach Höherem, nach Siegen und Meriten. Aber er baut keinen Berg an Erwartungen vor sich auf, die er auf dem Rad nicht bezwingen kann.

          Zabel hat sich ein Maß an Lockerheit bewahrt, das selten ist in einer Branche, in der verbissen um jeden Meter Asphalt gekämpft wird. Zabel fährt nicht gegen seinen großen (Familien-)Namen an, sondern entspannt mit ihm.

          Die Sportgeschichte ist voll von Belegen, in denen die Kinder der Stars von der Last ihres Namens schier erdrückt und von den ewigen Vergleichen entnervt worden sind. Der Profi des Teams Katjuscha-Alpecin hat seinen Umgang und Frieden damit gefunden, Sohn des sechsmaligen Gewinners des Grünen Trikots bei der Tour de France Erik Zabel zu sein. „Für viele Leute werde ich, so lange ich Rad fahre, der Sohn von Erik bleiben. Das ist in Ordnung und mir egal. Sportlich werde ich nie die großen Fußstapfen ausfüllen können. Auch das ist völlig okay“, sagt Zabel junior. Einst hielt ihn Erik auf den Champs-Élysées in Paris bei den Siegerehrungen als Kleinkind auf dem Arm. Bei der ersten halbgaren Doping-Beichte des Vaters war er 13 und musste als Grund herhalten, dass Erik seinen Sohn nicht mehr habe belügen wollen. Als Erik Jahre später seine jahrelangen Doping-Praktiken zugab, hatte der 19-jährige Rick gerade seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Das muss man alles erst mal verkraften.

          27. Juli 1997: Vater Erik Zabel jubelt im Grünen Trikot des schnellsten Sprinters zum Abschluss der Tour de France. Im Arm hält er Sohn Rick.
          27. Juli 1997: Vater Erik Zabel jubelt im Grünen Trikot des schnellsten Sprinters zum Abschluss der Tour de France. Im Arm hält er Sohn Rick. : Bild: dpa

          Hat er. Und ist als Typ und Rennfahrer ein Stück weit aus dem langen Schatten geradelt. Zabels liebstes Terrain sind die Frühjahrsklassiker, „die Königsdisziplin“, wie er die langen, hart gefahrenen, an Pflasterpassagen reichen Eintagesrennen nennt. Im Vorjahr machte er mit Platz zwei beim Frankfurter Radklassiker am 1. Mai von sich reden. An diesem Sonntag (Start 10.45 Uhr) steht mit der Flandern-Rundfahrt ein bedeutendes Monument auf dem Programm. Zabels Equipe geht ohne klassischen Kapitän in die emotional hochtourigen belgischen Radsportfeiertage. Das eröffnet auch dem 24-Jährigen Chancen. „Diese Rennen verlangen einem alles ab – technisch, taktisch und von der Leistung, die man aufs Rad bringen muss. Es kann von einem Moment auf den anderen vorbei sein. Aber wenn man im richtigen Moment auf den richtigen Zug aufspringt, fährt man plötzlich im Finale um eine Plazierung“, sagt Zabel. Sein prominenter Teamkollege Tony Martin sagt: „Rick hat sich in den letzten Jahre super entwickelt. Er macht im Team einen super Job.“

          Zabel ist zudem auf dem Weg, sich als Adjutant von Marcel Kittel unverzichtbar zu machen. Als schneller Mann vermag er die Spurts des sprintstarken Mannschaftsgefährten Kittel anzufahren. Was ihm wiederum in dieser Rolle abermals den Weg zur Tour de France in diesem Sommer ebnen könnte. Zwei Teilnahmen beim Giro d’Italia und eine Frankreich-Rundfahrt hat Zabel in jungen Jahren schon in den Beinen. Und seine erste Tour-Teilnahme im Vorjahr bot schon reichlich Stoff für Anekdoten, die er eines Tages seinen Enkeln erzählen könnte. „Im Nachhinein habe ich gedacht: Was war ich für ein Vollidiot, auf regennassem Parcours so total übermotiviert in die Kurve reinzuhacken“, erzählt Zabel schmunzelnd.

          Was war passiert? Beim Tour-Auftakt in Düsseldorf, wenige Kilometer von seiner Heimatstadt Unna entfernt, steht er, versonnen auf die offiziellen Banner schauend, am Start – „Es erschien mir alles etwas surreal“ – und rast los, was das Zeug hält, obwohl Zeitfahren überhaupt nicht zu seinen Spezialitäten gehört. Er stürzt und zieht sich eine Schulterverletzung zu. Am nächsten Tag stürzt er gleich wieder. Da ist die Tour nach Jahrzehnten mal wieder auf deutschem Boden – und Rick Zabel machte gleich zweimal unliebsam und schmerzhaft Bekanntschaft mit diesem.

          „Heute kann ich schon drüber lachen“, sagt er. Während der folgenden knapp drei Wochen hat er dann mitunter arg gelitten im Sattel. „Ich habe mir im Rennen häufiger gesagt, dass die erste auch meine letzte Tour sein wird. Aber dann kam ich auf den Champs-Élysées an. Das war so ergreifend, dass ich die Schmerzen wirklich vergessen habe. Und im selben Moment fand ich: Die Tour ist das schönste Rennen, das es gibt.“

          Rick Zabel ist ein leidenschaftlicher Radrennfahrer, ein schneller Mann. Als Ausreißer betätigt er sich auch, wenn er keinen Helm auf dem Kopf hat. „Ich muss zwischendurch immer mal wieder ausbrechen aus der Radsportwelt“, erzählt er. Obwohl er schon beruflich ein Vagabundenleben führt, reist Zabel gerne und bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Im Peloton komme man „zwar viel rum, aber man sieht nicht viel. Denn wir fahren so schnell, dass man kaum rechts und links schauen kann, Aussicht oder Architektur genießen kann“, so der Westfale. Freie Tage nutzt er gerne, um die Umgebung zu erkunden. Der April hält noch eine einwöchige Pause bereit für ihn – Skandinavien steht wohl auf dem Reiseplan. Land und Leute haben ihn fasziniert bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr in der norwegischen Stadt Bergen. Vielleicht mache er aber einfach eine kleine Deutschland-Tour mit Kumpels. Und Mitte Mai steht die Kalifornien-Tour auf dem Rennplan. Ideal, um noch ein paar (Trainings-)Tage vorne- oder hintendran zu stellen. Rick Zabel ist kein Wunderkind, aber ein cooler Typ.

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