https://www.faz.net/-gtl-8lay0

Sieg bei der Vuelta : Quintana ist Dirigent und Solist in einer Person

  • -Aktualisiert am

Verdiente Sektdusche: Nairo Quintana nach seinem Sieg bei der Vuelta Bild: dpa

Nairo Quintana bezwingt auf der Vuelta seinen härtesten Rivalen und beweist sich als Kämpfer und Kapitän. Jetzt muss er seine Kunst nur noch auf der wichtigsten Radsportbühne zur Aufführung bringen.

          3 Min.

          Nach getaner Arbeit hatten sich alle wieder gern. Noch auf der Ziellinie des Alto de Aitana spendete der geschlagene Chris Froome seinem Kontrahenten Beifall. Nairo Quintana war ein paar Meter vor ihm über den weißen Strich gefahren. „Ich habe es nicht gesehen, ich war ja vor ihm. Aber es erfüllt mich mit großem Stolz, hier gewonnen zu haben“, sagte Quintana. Und seinem Rivalen wand er ebenfalls Lobesgirlanden. „Er ist mein härtester Gegner. Wir haben uns jeden Tag intensiv bekämpft. Er verfügt über einen unglaublichen Antritt. Aber heute wollte ich nach den vielen Attacken von ihm unbedingt Erster sein“, sagte er am Samstag im Ziel.

          Quintana wurde zwar nur Tageszehnter. Den Etappensieg holte sich aus einer Fluchtgruppe heraus der Franzose Pierre Latour. Vor Quintana kam auch noch dessen kolumbianischer Landsmann Esteban Chaves an, der dank einer couragierten Alleinfahrt auf dem letzten Anstieg Alberto Contador vom „Treppchen“ stieß und als Gesamtdritter in die Schlussetappe nach Madrid ging. Aber im wichtigsten Duell war Quintana der Sieger. Er bezwang Froome. An diesem Tag und auch insgesamt bei der Vuelta a España.

          Lange auf einen wie ihn gewartet

          Lange hatte der moderne Radsport auf einen wie ihn gewartet: auf einen, der Rundfahrtsiege eben nicht im Zeitfahren holt und mit der Beinkraft eines starken Teams alle Attacken der Gegner im Keim erstickt, sondern auf einen Fahrer, der sich seinen Vorsprung im Offensivmodus selbst erarbeitet. Der Letzte dieses Typs war Marco Pantani, 1998 Sieger bei Giro und Tour. Quintana hat noch nicht das Charisma des glatzköpfigen Kopftuch-Trägers, der später an einem Drogencocktail starb. Aber er hat dessen Mut zur Attacke. Das bewies er am Alto de la Camperona, wo er Froome 33 Sekunden abnahm, und am Lagos de Covadonga, wo er im Kampf Mann gegen Mann 25 Sekunden gewann.

          Das waren zwar nicht die gigantischen Zeitabstände, die „il pirata“ zuweilen herausholte, dem im Nachhinein Blut-Doping nachgewiesen wurde. Aber anders als Pantani, der seine größten Erfolge im Alleingang errang und auf Helfer nur in der Anfangsphase der Etappen zurückgriff, entpuppte sich Quintana bei dieser Rundfahrt auch als echter Kapitän. Gewiss, nicht jede taktische Finesse bei dieser Rundfahrt wurde von ihm erdacht. Aber dass sein Movistar-Team den Branchenprimus Sky zermürben konnte, hatte seinen Grund darin, dass der Kolumbianer sehr offen für Neun-Mann-Strategien auf freiem Gelände ist. Das Glanzstück in dieser Disziplin lieferte die 15. Etappe, als Movistar mit tätiger Mithilfe Alberto Contadors erst eine Fluchtgruppe um Quintana bildete und dann die Verfolgergruppe um Froome sprengte, so dass der Brite von seinen Helfern getrennt war. Der komplette Helferzug Froomes war so schachmatt gesetzt und erreichte weit jenseits der Karenzzeit das Ziel.

          Aber auch bei der letzten Bergetappe am Samstag kam dem Teamplay große Bedeutung zu. Die Helfer von Sky und Movistar lieferten sich wahre Schlachten, um in die Fluchtgruppe des Tages zu kommen und damit ihren Kapitänen im finalen Showdown zur Seite zu stehen.

          Es war ein Taktikwechsel für Sky. Die schwarze Garde hatte erkannt, dass mit dem üblichen Kniff, als Acht-Mann-Zug im Hauptfeld für Druck zu sorgen, diese Rundfahrt nicht mehr zu gewinnen war. Also wurde auf das einst im spanischen Kelme-Team perfektionierte Verfahren zurückgegriffen, Helfer weiter vorn zu plazieren. Das zeigte, wie lernfähig Sky war. Es zeigte aber auch, wie sehr Froome & Co. unter Druck standen. Dass all diese Mittel nicht ausreichten, Quintana vom Thron fernzuhalten, unterstreicht wiederum dessen Stärke.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Das Salutieren des Kolumbianers vom Podium herunter darf man daher auch als Dank eines symbolischen Schulterklappenträgers an die eigenen Männer interpretieren. Quintana, in seiner Heimat als „Naironman“ mit eisernen Muskeln und eisernem Willen verehrt, ist eine Synthese aus dem Attackefahrer vergangener Radsportepochen und einem Dirigenten, der ein Orchester aus 18 Beinen zu führen versteht. Dazu ist er noch erster Solist - gewissermaßen eine Symbiose aus Herbert von Karajan und Anne-Sophie Mutter.

          Jetzt muss er seine Kunst nur noch auf der wichtigsten Radsportbühne, der Tour de France, zur Aufführung bringen. Für seinen lethargischen Auftritt bei der Tour 2016 machte Quintana allergische Reaktionen seines Körpers verantwortlich. Radsportfans dürfen sich auf neue Duelle zwischen ihm und Froome freuen. Dann wird wieder ausgehandelt, wer salutieren darf und wer applaudieren muss.

          Weitere Themen

          FC Bayern trifft auf Olympiakos Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern trifft auf Olympiakos

          Am dritten Spieltag müssen die Bayern nach Griechenland zu Olympiakos Piräus, dem Tabellen-Dritten in der Gruppe B. Trainer Niko Kovac warnte auf der letzten Pressekonferenz vor der Partie und vor dem Gegner.

          Topmeldungen

          Das britische Unterhaus am Dienstag Abend

          Johnson-Zeitplan abgelehnt : Brexit zum 31.Oktober nahezu ausgeschlossen

          Das britische Parlament hat den Gesetzesrahmen für den Brexit-Deal im Grundsatz gebilligt. Unmittelbar nach diesem Zwischenerfolg lehnte das Unterhaus jedoch den Zeitplan von Boris Johnson ab. EU-Ratspräsident Tust will eine Verlängerung der Brexit-Frist empfehlen.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.
          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.