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Radprofi Kittel im Gespräch : „Burnout? Das ist Quatsch“

Burnout? Von wegen! Marcel Kittel will in dieser Saison wieder richtig angreifen Bild: Getty

Marcel Kittel war einst Seriensieger bei der Tour de France – und kam dann in eine „Scheißphase“. Jetzt greift der Radprofi wieder an und spricht im FAZ.NET-Interview über gutes Essen, innere Entspannung und die Doping-Kultur.

          Sie leben seit Januar in Girona in Katalonien, das El Celler de Can Roca, das beste Restaurant der Welt, liegt gerade um die Ecke. Nichts für einen asketischen Radprofi, oder?

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Doch, doch, aber das ist gar nicht so einfach. Die Wartezeiten sind extrem, es dauert Monate, bis zu einem Jahr, ehe man einen Tisch bekommt.

          Grundsätzlich: Wie schwer ist das Leben eines Radprofis? Sie hatten große Probleme im vergangenen Jahr. Sie hatten stark angefangen und rutschten dann in eine tiefe Krise.

          Das Jahr hatte ganz gut begonnen, mit einem Sieg in Australien. Ich musste danach nach Taiwan zur Radfirma, es war viel Reisestress. Da habe ich schon bemerkt, dass ich gesundheitlich nicht hundert Prozent fit bin. Zu Hause hatte ich eine Erkältung, ich bin dann zur Qatar-Rundfahrt geflogen, und da ging gar nichts mehr. Hinterher hat sich herausgestellt, dass es ein Grippevirus war, der sich in den Symptomen nicht so schlimm geäußert hat, aber mich letztlich richtig runtergezogen hat, weil ich immer weitergefahren bin.

          Es gab Gerüchte in der Szene, Sie hätten ein Burnout.

          Es gab alle möglichen Gerüchte. Es wurde auch erzählt, dass ich keinen Bock mehr hätte aufs Radfahren. Der Grund, warum ich über das Jahr gesehen nicht mehr auf dem Level fahren konnte, das ich gewohnt war, war dieses Virus. Ich hatte das Frühjahr verloren und konnte das nicht mehr aufholen. Es war es eine schwierige Phase, weil ich meinen Zielen immer hinterherrannte, ohne Chance, sie zu erreichen. Wir haben auch Fehler gemacht, indem wir das Rennprogramm immer Stück für Stück abgesagt haben, statt konsequent den ersten Teil des Jahres abzusägen. So war ich immer konstant unter Spannung und unzufrieden. Am Ende war das in der Summe eine richtig beschissene Zeit.

          Gegen sich selbst und die Uhr: Kittel beim Zeitfahr-Prolog von Paris-Nizza Anfang März

          Kein Burnout?

          Nein, kein Burnout, das ist Quatsch. Ich fände nichts dabei zu sagen, dass man ein Burnout hat, wenn es so ist. Ich finde aber auch, dass man dieses Wort nicht leichtfertig verwenden sollte. Nur weil ich mal eine Scheißphase habe, habe ich nicht gleich ein Burnout. Die Mutter meiner Freundin sagt immer, wenn das Leben keine Ausschläge mehr hat, dann bist du tot. Wenn es aber Zacken nach oben und nach unten hat, dann lebst du. Das finde ich einen schönen Vergleich. Zum Leben gehören Höhen und Tiefen. Bei mir lief es einfach nicht, ich war krank, ich kenne die Gründe.

          Ist es so, dass sich ein Supersportler, ein Actionheld, keine Schwächen erlauben darf?

          Wenn die Öffentlichkeit einem Sportler keine Schwäche erlaubt, dann darf man das nicht so nah an sich heranlassen. Das ist für mich auch eine wichtige Erfahrung gewesen. Ich will mich jetzt nicht mehr, wie das in den vergangenen Jahren manchmal passiert ist, vor jeden Karren spannen lassen, immer noch einen Pressetermin und noch einen, das mache ich nicht mehr. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, dass ich es jetzt ruhiger angehen lasse. Das ist auch eine Art innere Entspannung, die man sich selbst ermöglicht.

          Als Seriensieger waren Sie das Verlieren ja auch nicht wirklich gewohnt.

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