https://www.faz.net/-gtl-7rf6z

Radprofi Marcel Kittel : Dynamit in den Beinen

  • -Aktualisiert am

Moment des Triumphs: Marcel Kittel dominiert die Sprints bei der Tour de France. Bild: REUTERS

Der Thüringer Marcel Kittel ist der überragende Sprinter bei der Tour de France. Das verdankt er seiner Urgewalt - und dem perfekten Zusammenspiel seiner Equipe. Auch am Donnerstag in Reims könnten die Qualitäten wieder gefragt sein.

          3 Min.

          Tempo, Tempo, die Beine müssen wirbeln, unermüdlich, im Takt einer Nähmaschine. Nur nicht mehr nach links schauen oder nach rechts, volle Konzentration auf das Rad, die Geschwindigkeit, das Ziel. Eine Raserei wie in einem Tunnel, alle Gedanken kreisen nur um das Ankommen, möglichst heil, möglichst als Sieger. Sprints im Radsport sind Kamikaze-Fahrten, und die Sprinter sind Männer ohne Angst, kräftige Kerle, mit Oberschenkeln manchmal so dick wie Baumstämme.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Deutschland ist ein Land solcher Männer, seit langem schon, immer wieder traten diese Radrennfahrer in Erscheinung, schnell und wagemutig. In der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel Olaf Ludwig, Erik Zabel oder André Greipel, Spezialisten ihrer Zunft, allerdings ging dabei - etwa bei Zabel - nicht immer alles mit rechten Dingen zu. Nun aber scheint eine neue Dimension erreicht worden zu sein, durch einen Thüringer, der wie eine Urgewalt über die Straßen fegt. Und der sich nun auch beim härtesten Radrennen der Welt, der Tour de France, schadlos hält. Marcel Kittel tritt auf, als würde er sich in einer eigenen Welt bewegen, als wäre er unantastbar. Kittel dreht auf im Spurt, mit 60 Kilometern in der Stunde und mehr, keine Chance für die Konkurrenz, bisher jedenfalls.

          Kittel, 26 Jahre alt, ist mit drei Etappensiegen schon jetzt eine herausragende Figur bei der 101. Tour. Er hatte schon im vergangenen Jahr, als er vier Etappen gewann, eine exponierte Rolle bei diesem Rennen eingenommen. Seine Show könnte in diesem Sommer weiter gehen; die Tour, auf die er sich in der Höhe der Sierra Nevada eingestimmt hatte, bietet auf dem Weg nach Paris noch einige Gelegenheiten für ihn, seine außergewöhnlichen Qualitäten auszuspielen, vielleicht auch schon am Donnerstag bei der Etappe von Arras - Reims (auf Eurosport und im F.A.Z.-Liveticker). Kittel, schon reich belohnt, mag sich mit solchen Dingen jedoch nicht befassen: „Ich bin nicht der Typ, der langfristige Pläne macht.“

          Sein Team bereitet das Highspeed-Finale perfekt vor

          Sprinter sind Einzelkämpfer, zum Schluss einer Etappe wenigstens, wenn sie auf sich allein gestellt sind im Duell mit ihren Rivalen. Radprofis wie Kittel, der bei der niederländischen Equipe Giant-Shimano unter Vertrag steht, können trotzdem nicht erfolgreich sein ohne die Unterstützung ihrer Mannschaft. Sie baut auf den letzten Kilometern vor dem Ziel einen „Zug“ auf, der das Highspeed-Finale vorbereiten muss. Kittel verfügt offenbar über ein Team, das diese Aufgabe exzellent beherrscht. Es geht dabei darum, mit hoher Trittfrequenz Ausreißversuche zu verhindern. Sich vor seinen Sprintstar zu spannen, um seine Kräfte zu schonen für den letzten, den entscheidenden Akt.

          Das deutsche Gesicht der Tour de France: Marcel Kittel

          Das Team Giant-Shimano, das ohne einen wirklichen Klassementfahrer nicht auf die Gesamtwertung der Tour achtet, stellt sich auf flachem Terrain ganz in den Dienst von Kittel. Jeder strampelt sich für ihn ab, auch sein Landsmann John Degenkolb. Der Niederländer Tom Veelers ist in der Regel sein letzter Helfer, und so sehr vertraut Kittel ihm, dass er sagt: „Ich könnte mit geschlossenen Augen sprinten.“ Manchmal, wie zuletzt am Dienstag in Lille, in einem hektischen Treiben, muss Kittel sich letztlich allein durchboxen; er schafft auch das, mit Instinkt, vor allem mit ungeheurer Energie.

          Der Dolph Lundgren des Radsports

          Die Zukunft des Teams Giant-Shimano über diese Saison hinaus ist zwar nicht garantiert, doch Kittel muss sich deswegen wohl nicht sorgen. Er gilt, mit seinen Gelben Trikots und seinen insgesamt sieben Streichen bei der Tour, als einer der begehrtesten Rennfahrer im Peloton. Die Tour hat ihm Star-Status verliehen, weniger in seiner Heimat wegen der Doping-Diskussionen, eher im Ausland, wo sich die Debatten vorwiegend um den Rennfahrer und dessen Künste drehen. Sie winden ihm Kränze, gelegentlich auch wegen seines Aussehens. So schwärmte man in Italien während des Giro, dass Kittel dem schwedischen Schauspieler Dolph Lundgren gleiche.

          Kittel genießt diese Zuwendung - und moniert, dass es dem Radsport in Deutschland immer noch an Akzeptanz fehle. Sein Manager Jörg Werner weigert sich wegen der weiterhin angespannten Situation beharrlich, Leistungsdaten von Kittel zu veröffentlichen. Er glaubt, dass sie falsch interpretiert und den Rennfahrer somit ins Gerede bringen könnten. Kittel, der einst ein passabler Zeitfahrer war, positioniert sich, wie Degenkolb, immer wieder als Vertreter einer neuen Generation von Radprofis. Er betont, glaubwürdig zu sein. „Wir sind keine Hochstapler.“

          „Wir sind keine Hochstapler“

          Immerhin, in seinem Gewerbe findet Kittel in jedem Fall große Anerkennung. Auch bei den Altmeistern. „Er hat die Kaltschnäuzigkeit und die Ruhe. Er bricht auch nicht in Panik aus, wenn der Sprintzug mal nicht so klappt wie in Lille. In der Form müssen sich die anderen schon etwas einfallen lassen“, beschrieb Olaf Ludwig die Vorzüge Kittels. Und Erik Zabel, der wegen Dopings alle Ämter im Radsport verloren hat, sagte, Kittel habe frischen Wind in den Sprint gebracht: „Ich bin ein großer Fan von ihm geworden.“ Am Mittwoch meldete sich sogar Rudolf Scharping zu Wort: „Marcel Kittel hat zu Beginn der Tour de France gezeigt, dass er der derzeit beste Sprinter im Peloton ist“, sagte der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) und wertete das auch als „ein Indiz für die gute Nachwuchsarbeit im BDR“. Kittels Wucht reißt mit - nur jene, die sich ihm entgegenstellen, scheinen von ihr erdrückt zu werden.

          Weitere Themen

          Happy End in Südtirol

          Biathlet Erik Lesser : Happy End in Südtirol

          Aufgetaucht aus der Versenkung: Nach einer missratenen Saison steht Erik Lesser bei der Biathlon-WM plötzlich als großer Gewinner da. Doch alte Verletzungen bereiten ihm Probleme.

          Razzia bei Biathlet Alexander Loginow

          Biathlon-WM : Razzia bei Biathlet Alexander Loginow

          2014 war Alexander Loginow des Epo-Dopings überführt und für zwei Jahre gesperrt worden. Nachdem der Biathlet nun bei der diesjährigen WM im Sprint überraschend Gold gewann, hat die Polizei sein Hotelzimmer durchsucht.

          Topmeldungen

          Gerne im Rollkragenpullover wie im Silicon Valley: Markus Braun, Vorstandsvorsitzender und Großaktionär von Wirecard, der einzigen jungen Tech-Firma im Dax

          Wirecard-Chef Braun : Allein gegen die Spekulanten

          Markus Braun hat Wirecard aufgebaut und damit ein Vermögen gemacht. Allerdings wird der Firma Geldwäsche und Bilanzfälschung vorgeworfen. Der Milliardär zieht jetzt in die entscheidende Schlacht um sein Lebenswerk.
          Ein Graffito des mutmaßlichen Täters von Hanau, bevor es am Donnerstag von der Polizei übermalt wurde.

          Begegnungen in Hanau : Link zur Tat

          Sie konnten es sehen. Oder doch nicht? Was ein altes Graffito in einem Tunnel in Hanau über das verriet, was später geschah.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.