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Radrennen Mailand–San Remo : Vollgas nach 300 Kilometern

  • -Aktualisiert am

Bei allem Ehrgeiz bleibt das rechte Maß an Lockerheit: John Degenkolb Bild: Imago

Der Frühjahrsklassiker Mailand–San Remo an diesem Sonntag ist wie gemacht für John Degenkolb. Zwei Adjutanten sollen dem Kapitän beim Energiesparen helfen. Denn der Radprofi will den Sieg.

          3 Min.

          John Degenkolb ist 26 Jahre alt, kein Alter für einen Radprofi, aber wenn man mal in die Zukunft schaut und fragt, welche Rennen er dereinst gewonnen haben will am Ende seiner Karriere, dann ist die Antwort klar: die Weltmeisterschaft und, wichtiger noch: die drei Frühjahrsklassiker Mailand – San Remo, Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix, drei Monumente des Radsports. Dann könne er entspannt aufhören, sagt Degenkolb.

          An diesem Sonntag (Start 10.10 Uhr) jagt er einem seiner Träume in Italien nach, Mailand–San Remo steht auf dem Programm, „la Primavera“ – die Fahrt in den Frühling. Was sich so nett anhört wie eine gemütliche Landpartie, ist das längste Eintagesrennen im Profikalender, knapp 300 Kilometer lang. Eine enorme Distanz, und das schon im März, da muss die Frühform stimmen, das Wintertraining.

          Ein Rennen wie eine Wundertüte: Was passiert zwischen Mailand und San Remo?
          Ein Rennen wie eine Wundertüte: Was passiert zwischen Mailand und San Remo? : Bild: Imago

          Im Januar ist Degenkolb zum ersten Mal Vater geworden. Ein Einschnitt. Der Sohn, Leo, hält ihn und seine Frau seither auf Trab, „das kostet Energie“, sagt der Papa, „aber es gibt auch viel Kraft und Motivation“. Zum Trainingslager vor der Fernfahrt Paris–Nizza hat er die ganze Familie einfach mitgenommen. Degenkolb ist keiner, der manisch auf seinen Sport fixiert wäre, er hat sich bei allem Ehrgeiz das rechte Maß an Lockerheit bewahrt. Ja, er genieße auch das Leben um den Sport herum, sagt er, „das On und Off“ sei ihm wichtig, es lade die Akkus auf.

          Frühjahrsklassiker sind sein Terrain

          Derzeit lässt er sich ein Motorrad bauen, einen Café-Racer, das sind die Custom-Rennmaschinen, die im Ace-Café in London erfunden wurden, eine Kawasaki 650 wird es werden, nach Paris–Roubaix ist die Maschine fertig – der perfekte Moment, findet Degenkolb. Nach dem ersten Wettkampfblock, nach den Frühjahrsklassikern, könne er dann ein paar entspannte Runden mit dem Café-Racer drehen. Und wer weiß, vielleicht kann er sie ja auch als Belohnung verbuchen für eine erfolgreiche Frühjahrssaison.

          Aber jetzt erst einmal der Ernst des Rennfahrens. Ganz ohne Motor sind die 300 Kilometer zwischen Mailand und San Remo ein Problem, sie machen das Rennen so offen wie kein anderes. Es kann einen Massensprint geben, es kann eine kleine Gruppe ankommen, und auch Außenseiter können als Solisten die Musik machen. Während viele andere Rennen vorhersehbar sind, ist die Fahrt nach San Remo eine Wundertüte. Es ist ein Rennen wie gemacht für Degenkolb, der beides kann, er kann im Massensprint gewinnen, und er kann in einer Ausreißergruppe um den Sieg fahren, er ist schnell im Sprint und tempohart unterwegs, die Frühjahrsklassiker sind sein Terrain.

          Im Windschatten: Degenkolb (hinten) auf der Strecke Paris - Nizza
          Im Windschatten: Degenkolb (hinten) auf der Strecke Paris - Nizza : Bild: AFP

          „Es ist ein Riesenunterschied“, sagt er, „ob du auf der Via Roma in San Remo nach fast dreihundert Kilometern sprintest, oder auf den Champs-Élysées in Paris nach 130 Kilometern. In San Remo wird kurz vor dem Ziel verglichen: Wie viel Energie hast du noch im Tank, und wie viel haben deine Konkurrenten? Bei kurzen Rennen sind alle noch frisch, in San Remo ist es keiner mehr.“ Im Prinzip fahren dann alle auf Reserve. Und die entscheidenden Fragen sind: Wer kann mit fast leerem Tank noch einmal Vollgas geben. Wer hat unterwegs das wenigste Pulver verschossen?

          Degenkolb startet als Kapitän für Giant-Alpecin, das seit dieser Saison als deutsches Team firmiert. Bei keinem Rennen ist es wichtiger, eingespielte Helfer um sich zu haben und die Taktik durchzuziehen. Für einen Siegkandidaten wie Degenkolb bedeutet das: Er braucht ein Team, das ihn den ganzen, langen Tag aus dem Wind nimmt, das ihn über die Strecke trägt. „Es ist wahnsinnig wichtig“, sagt Degenkolb, „dass man nicht ein einziges Korn unnötig auf die Straße haut, dass man dreimal darüber nachdenkt, ob man den zusätzlichen Tritt macht oder nicht.“

          Den klassischen Sprint gibt es nicht

          Degenkolb hat vom ersten Kilometer an einen persönlichen Helfer, der sich nur um ihn kümmert, der vor ihm fährt, ihm Windschatten gibt, der ihm die Wasserflasche bringt, der anhält, wenn der Kapitän mal pinkeln muss, der ihn fünf, sechs Positionen nach vorne fährt, wenn das taktisch nötig ist. Der erfahrene Niederländer Roy Curvers ist Degenkolbs Edelhelfer, mit 35 Jahren hat er den Blick für die Situationen, für die Momente, in denen man mitfahren muss – oder zurückbleiben kann. Weitere sechs Teamfahrer versuchen, sich um Degenkolb und Curvers zu gruppieren und dabei so viel Energie wie möglich zu sparen, um bereit zu sein, wenn es darauf ankommt, gefährliche Ausreißergruppen einzufangen.

          Auf der Dubai Tour 2015 gewann Degenkolb eine Etappe - an diesem Wochenende will er wieder jubeln
          Auf der Dubai Tour 2015 gewann Degenkolb eine Etappe - an diesem Wochenende will er wieder jubeln : Bild: dpa

          Mit dem Franzosen Tom Dumoulin gibt es einen zweiten Topfahrer im Team, der einen Helfer zur Seite gestellt bekommt. Auch Dumoulin soll so lange wie möglich im Windschatten fahren und frisch bleiben, um am Ende Degenkolbs Edelhelfer Curvers abzulösen und den Sprint vorzubereiten – im Idealfall gibt es also zwei Adjutanten für den Kapitän. Einen klassischen Sprint, in dem sechs Mann gegen sechs Mann fahren, zwei Sprintzüge verschiedener Teams, gibt es auf der Via Roma nicht, selten kann ein Fahrer in San Remo auf mehr als einen verbliebenen Helfer setzen.

          Rund 25 Kilometer vor dem Ziel wartet der legendäre Anstieg Cipressa auf die Profis, da geht das Rennen richtig los, da wird drübergebrummt, und dann geht es zehn Kilometer vor San Remo über das letzte Hindernis, den Poggio. Wer es bis hier nicht geschafft hat wegzukommen, schafft es nicht mehr, die Abfahrt vom Poggio läutet das Finale ein. „Wenn ich in der Lage bin, mit den Ersten über den Poggio zu fahren“, sagt Degenkolb, „ist alles gut.“ Dann hat er eine Chance zu gewinnen. Dann heißt es, den letzten Tropfen aus dem Tank zu pressen.

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