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Radprofi Jens Voigt : Spritzfahrt durch die Hölle

Mit neuem Rekord in die Rente: Der Berliner Jens Voigt schafft in der Schweiz 204 Runden Bild: pixathlon / EQ Images

Die Hatz um den einst mythischen Stundenweltrekord war eingeschlafen, weil Hightech verboten war. Jetzt eröffnet Jens Voigt die neue Jagd und nutzt als Erster die Gunst der Stunde.

          5 Min.

          Von der Tribüne, von oben herab betrachtet, ist es eigentlich wahnsinnig langweilig. Eine Radrennbahn, ein Oval, 250 Meter lang, und drum rum fährt wie aufgezogen ein Männchen auf seinem Rad. Von innen betrachtet, sieht es anders aus. „I’m On The Highway To Hell“ – das ist die Musik, die durch das Suisse Velodrome im schweizerischen Grenchen dröhnt. 204 Runden strampelt sich dort Jens Voigt ab, eine Stunde lang, mehr als 380 Watt im Durchschnitt tritt er, 17 Sekunden pro Runde – das könnte schon eine kleine Spritzfahrt durch die Hölle sein, wenn man jenen glaubt, die es je versucht haben. Chris Boardman, der Engländer, der mal den Stundenweltrekord hielt, hat das so formuliert: „Die Frage unterwegs lautet: Kannst du deine Durchschnittsgeschwindigkeit halten? Lautet die Antwort ja, leidest du nicht genug. Lautet sie nein, ist es zu spät. Die richtige Antwort ist: Vielleicht!“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Der Berliner Jens Voigt ist ein Meister der Selbstinszenierung. Seit 18 Jahren ist er Radprofi, 17 Mal war er bei der Tour de France dabei. Er hat alles überstanden und ausgesessen in diesen harten Jahren, in diesem harten Sattel, die schwersten Etappen, die wildesten Ausreißversuche, die ganze dunkle Doping-Zeit. Er ist keiner, der jetzt, mit 43 Jahren, leise Servus sagt. Eigentlich hatte er schon aufgehört, bei einem Rennen in Amerika. Doch so sollte die Party nicht enden. Voigt hatte noch etwas in petto, den Angriff auf den Stundenweltrekord. Es war eine schlaue Aktion, denn der Rekord lag auf der Straße, auf der Bahn, man musste nur den Mumm haben, ihn aufzuheben. Und das konnte Voigt schon immer: nicht lange zögern, sein Herz in die Hand nehmen, seine Chance nutzen.

          Die Jagd nach dem Stundenweltrekord

          Die Hatz um den einst mythischen Stundenweltrekord war seit Jahren eingeschlafen, weil der Internationale Radverband (UCI) altertümliche Technik vorschrieb. Aber im Mai hat die UCI plötzlich das Reglement geändert. Wer es nun versucht, darf mit schnellerem Material fahren. Voigt wusste: Da würde auch er, ein guter, aber kein überragender Zeitfahrer, eine Chance haben. Ein Chance, die er nutzte. 51,115 Kilometer – das ist die neue Bestmarke, die er am Donnerstag unter dem Jubel von 1600 Zuschauern in Grenchen aufstellte. Den alten Rekord hielt mit 49,700 Kilometern der Tscheche Ondrej Sosenka, der – im Gegensatz zu Voigt – im Jahr 2005 ein normales Bahnrad ohne Scheibenräder und Triathlonlenker fuhr. Deshalb, sagt der frühere Profi Rolf Aldag, seien Voigts und Sosenkas Zeiten auch nur zu vergleichen wie Äpfel und Birnen.

          Es ist eine komische Geschichte mit diesem Stundenweltrekord. Er war einmal eine magische Marke des Radsports. So wie die Zeit hinauf nach Alpe d’Huez oder zum Gipfel des Mont Ventoux. Den ersten offiziellen Rekord fuhr 1893 Henri Desgrange, der spätere Gründer der Tour de France, er schaffte 35,325 Kilometer. In den folgenden 120 Jahren wurde der Rekord 26 Mal verbessert, das ist nicht die Welt, und das hat viele Gründe. Einer ist: Eine Stunde gegen die Uhr, das ist so ziemlich das Grässlichste, was man sich auf zwei Rädern vorstellen kann. Ein normales Einzelzeitfahren bei der Tour de France ist kaum halb so lang, und auch das ist nichts für empfindsame Gemüter. Es gibt viele Profis, die fahren lieber den Galibier hinauf als eine halbe Stunde am Anschlag gegen die Uhr. Zu viel Herzblut, zu viele Schmerzen. Trotzdem: Es gab Jahre, da wagten sich auch die Besten auf die Bahn und ließen die Uhr laufen. 1942 fuhr Fausto Coppi 45,798 Kilometer, 1956 Jacques Anquetil 46,159, 1972 schraubte Eddy Merckx, der Größte von allen, den Rekord auf 49,431 Kilometer. Aber dann: 1984 fuhr Francesco Moser 51,151 Kilometer, 1996 Chris Boardman 56,375. Hört sich an, als wären die modernen Rennfahrer in einer anderen Liga gefahren als Merckx, sogar der Schotte Graeme Obree, der 1994 den Rekord mit 52,713 Kilometern hielt. Aber natürlich war das nicht so. Obree war gegen Merckx ein Dilettant, aber über eine Stunde war er schneller, weil er am Material und an der Aerodynamik tüftelte bis zum Exzess.

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