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Radprofi Emanuel Buchmann : Ein Unvollendeter

  • -Aktualisiert am

Der harte Weg an die Spitze: Emanuel Buchmann Bild: dpa

Emanuel Buchmann ist die deutsche Rundfahrt-Hoffnung. Bei der Vuelta muss der Radprofi indes bittere Niederlagen hinnehmen.

          Der Mann, auf dem Deutschlands Rundfahrt-Hoffnungen derzeit ruhen, steigt wortlos in den im Tal geparkten Bus. Emotionen sind seinem Gesicht nicht abzulesen. Wieder einmal hat Emanuel Buchmann alles gegeben, auch am Aufstieg zu den Lagos de Covadonga. Lange blieb er an den Spitzenfahrern dran. Doch auf den letzten Kilometern rutschte Buchmann erst ans Ende der Gruppe zurück. Ein fragender Blick vom polnischen Teamkollegen Rafal Majka traf ihn noch – und dann wurde die Distanz zwischen Buchmann und den Besten der Vuelta immer größer. Anderthalb Minuten verlor er auf Tagessieger Thibaut Pinot aus Frankreich, gut eine halbe Minute auf den Briten Simon Yates, den Gesamtführenden. Der Brite ist wie Buchmann vom Jahrgang 1992, dem deutschen Radprofi in seiner Entwicklung aber wohl zwei bis drei Jahre voraus.

          Dass Buchmann ausgerechnet an diesem 11,7 Kilometer langen und – für spanische Verhältnisse – recht gleichmäßig ansteigenden Berg wieder Zeit einbüßte, war eine Enttäuschung. Denn solche Anstiege liegen ihm mehr als die kurzen steilen Rampen. Doch auch hier setzte sich das Muster dieser zweiten Vuelta-Woche für den Ravensburger Schreinersohn durch. Diese Zeitverluste bedeuten einen Rückfall. Denn in der ersten Woche hatte Buchmann den Eindruck erweckt, Fortschritte erzielt zu haben. Da hielt der Fahrer vom Team Bora-hansgrohe nicht nur mit, sondern setzte auch selbst Akzente.

          Die Vorbereitung schien sich auszuzahlen. „Wir haben in diesem Jahr mehr Höhentraining für Emu organisiert, weil wir gesehen haben, dass es bei ihm gut anschlägt. Wir haben auch mehr auf Explosivität hin trainiert“, sagte der sportliche Leiter der Raublinger Equipe, Enrico Poitschke. Doch den „neuen Buchmann“ gab es nur eine Woche. Dann bremste ihn erst ein Sturz, danach ein Defekt. Außerdem lagen Buchmann die meist steilen Anstiege in der zweiten Woche – Ausnahme waren die Seen von Covadonga – nicht so. „Das alles hat sicher eine Rolle gespielt, dass es nicht so lief“, sagte Buchmann.

          Umfeld ordnet Ergebnis positiv ein

          Niedergeschlagen wirkt er deswegen jedoch nicht. Er und sein unmittelbares Umfeld ordnen die Leistung anders ein als etwa die Radsport-Enthusiasten in Deutschland. Die sehnen sich schließlich nach jemandem, der in die vorderen Reihen bei einer Rundfahrt vordringt. Der Lausitzer Andreas Klöden war der letzte Deutsche, der unter die besten zehn Fahrer bei einer Grand Tour fuhr; das war bei der Tour de France 2009 der Fall. Von einem Grand-Tour-Podium ist Buchmann, der bei der Vuelta beweisen soll, Anführer eines Teams sein zu können, derzeit noch ein gutes Stück entfernt.

          „Man darf ihn jetzt auch nicht mit Yates oder Quintana, Lopez oder Valverde vergleichen. Das war ein bisschen ein Traumdenken von einigen, die die ersten Tage gesehen haben. Aber man muss realistisch sein“, sagte Poitschke. Immerhin ist Buchmann nach der 15. Etappe der Vuelta Zehnter in der Gesamtwertung. Beim bevorstehenden Zeitfahren könnte er den Rückstand auf einige der Kletterer vor ihm sogar verkürzen.

          „Wir dürfen nicht vergessen: So weit vorn, mit nur drei Minuten Rückstand auf die Spitze, hatten wir am Ende der zweiten Woche lange keinen Fahrer“, sagte Poitschke mit einem Anflug von Optimismus. Da muss der deutsche Radsport tatsächlich lange zurückblicken, bis zur Tour 2009. Klöden war damals nach zwei Wochen Gesamtvierter mit 2:15 Minuten Rückstand. Bezogen auf den eigenen Rennstall, setzt Buchmann sogar eine Rekordmarke. Der bislang beste Rundfahrer im Team, der Tscheche Leopold König, hatte bei seinem sechsten Gesamtplatz beim Giro d’Italia 2016 vor Beginn der dritten Woche mehr als sechs Minuten hinter der Spitze gelegen. Mit Buchmann stößt die deutsche Mannschaft also gewissermaßen in neue Dimensionen vor.

          Bei der Renntaktik der Vuelta in den vergangenen Tagen zeigte sich aber auch, dass solch ein Resultat für das Team nicht das Allerwichtigste ist. Buchmanns Berghelfer Majka und Davide Formolo wurden immer wieder in Ausreißer-Formationen gesteckt. „Natürlich kämpfen wir hier auch um Tagessiege“, sagte Poitschke. Buchmann versucht positiv zu sehen, dass nicht alle Gefährten permanent für ihn zur Verfügung stehen. „Wenn Rafa in eine Fluchtgruppe geht, bedeutet das auch, dass die anderen Teams mehr arbeiten müssen.“

          Bei seiner ersten Rundfahrt als Kapitän erfährt Buchmann zwar Unterstützung von seinen Mitstreitern. Er verfügt allerdings nicht über das Niveau, das rechtfertigen würde, alles auf ihn allein zu setzen. Der 25 Jahre alte Radrennfahrer bleibt damit ein Unvollendeter. Dem Talent-Status ist er entwachsen. Der Abstand zur absoluten Rundfahrt-Elite ist geschmolzen, er ist aber weiterhin vorhanden. Keine einfache Situation für einen, der gern ganz vorn sein möchte.

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