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Radprofi Degenkolb : Auf die harte Tour

Spezialist für Klassiker: Für John Degenkolb kann das Frühjahr beginnen Bild: AFP

Radprofi Degenkolb geht neue Wege – und wähnt sich gut gerüstet für die Klassiker im Frühjahr. Auch wenn es um sein Team einige Turbulenzen gab.

          3 Min.

          Schön, wenn man seine Mitte findet, selbst wenn das manchmal „nur“ eine geographische Angelegenheit sein kann. Im Fall John Degenkolb ist das so, der aus Gera stammende Radprofi ist inzwischen mit seiner neuen Heimat am Main vertraut geworden. „Ich bin in Frankfurt angekommen“, sagt er ein bisschen floskelhaft, doch es klingt überzeugend. Degenkolb scheint Energie aus dieser Stadt zu schöpfen, obwohl er doch auch weiterhin ein Handlungsreisender in Sachen Radsport ist und Frankfurt häufig nur eine Zwischenstation für ihn ist. Gerade erst bei dem Rennen Paris–Nizza gestartet, macht der Thüringer sich an diesem Donnerstag wieder auf den Weg. Es geht gleich zurück in den Süden Europas, am Sonntag wartet dort eine große Herausforderung auf ihn: Mit dem Rennen Mailand–San Remo beginnt im Radsport die Saison der Frühjahrsklassiker. Degenkolb, der bei Paris–Nizza eine Etappe gewonnen und das grüne Trikot des Punktbesten errungen hatte, wähnt sich gut gerüstet für die bevorstehenden Aufgaben. Die Strecke zwischen Mailand und San Remo ist zwar ein wenig entschärft worden, trotzdem wird es ein strapaziöser Tag werden für die Radrennfahrer. „300 Kilometer sind niemals einfach“, sagt der 25 Jahre alte Degenkolb.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Dinge haben sich gut angelassen für ihn in diesem Jahr, trotz einiger Turbulenzen in seiner Equipe. Sie hatte als Team Argos-Shimano im vergangenen Jahr für gehöriges Aufsehen gesorgt, nicht zuletzt durch die vier Etappensiege des Sprinters Marcel Kittel bei der Tour de France. Argos stieg Ende 2013 dennoch als Geldgeber aus, die niederländische Mannschaft akquirierte daraufhin eine amerikanische Investmentfirma als neuen Sponsor – und geriet prompt in Nöte.

          Die Amerikaner zogen sich plötzlich angeblich aus unternehmenspolitischen Gründen wieder zurück. Der Rennstall hätte abrupt gebremst werden können, wäre nicht kurzfristig der Radhersteller Giant als Partner eingesprungen – mit der Zusage, wie es heißt, alle finanziellen Absprachen mit den Profis und den weiteren Angestellten des Teams zu erfüllen. „Sie sind einfach reingesprungen“, sagt Rudi Kemna, der Sportdirektor des Teams, über den im vergangenen Jahr bekanntgeworden war, dass er sich in seiner aktiven Zeit mit Epo gedopt hatte. Es soll bisher noch nicht mal einen Vertrag mit Giant geben, nur Garantien. Allerdings, behauptet der Niederländer Kemna, sei Giant sehr motiviert.

          Polizeiausbildung im Rücken

          Mit Sicherheit, sagt er, werde Giant sich nicht nur für ein Jahr engagieren. Man plant eine langfristige Kooperation. „Was wir aufbauen“, sagt Kemna, „muss nicht verlorengehen.“ Es geht schließlich um ein Erfolgsprojekt des Radsports, von dem auch die Deutschen profitieren, zu sehen an Degenkolb und Kittel, die vorläufig nur außerhalb Deutschlands Aufnahme in einem World-Tour-Team finden können. Dass die Lage im eigenen Lager zuletzt heikel war, wurde den Profis offenbar erst spät mitgeteilt. Von Kittel zum Beispiel war dazu zu hören: „Ich habe von den Problemen nichts gewusst und davon auch erst Anfang Januar erfahren.“

          Auch Degenkolb sagt, dass er von den Schwierigkeiten erst in Kenntnis gesetzt worden sei, als bereits „alle Entscheidungen getroffen waren“, also nach dem Einstieg von Giant. Degenkolb betont, dass er im Fall des Falles „kein Problem“ gehabt hätte, anderswo im Peloton unterzukommen. Dazu habe er ja auch noch, sollten mal alle Stricke reißen, seine Polizeiausbildung im Rücken, „aber so weit will ich nicht denken“. Auch Kittel wäre gewiss nicht auf der Straße gelandet. Allerdings steht bei dem Team, so Degenkolb, „ein Paket von 100 Arbeitsplätzen“ auf dem Spiel – weswegen der Deutsche sich nun zu besonderem Dank gegenüber den Rad-Fabrikanten von Giant verpflichtet fühlt: „Man kann ihnen nur auf die Schulter klopfen.“

          Spezialist für Klassiker

          Degenkolb wird am Sonntag als Kapitän seines Teams ins Rennen gehen, er ist schließlich im Radsport ein „Mann für einen Tag“, ein Spezialist für Klassiker. „Ein sehr großer Rennfahrer“, wie Kemna sagt. Degenkolb glaubt, sich gegenüber dem Vorjahr sogar verbessert zu haben. Das sollen manche Änderungen im Team und auch in der Saisonvorbereitung bewirkt haben. „Ich habe an ein paar Schrauben gedreht.“ So hatte Degenkolb etwa auf einen Start zu Jahresbeginn in Qatar oder im Oman verzichtet, „wo die Sonne scheint und man locker Rad fahren kann“.

          Stattdessen wählte er ein „Risikoprogramm“ in Europa, zum Beispiel in Frankreich, „wo es richtig weh tut“, auch wegen des unbeständigen Wetters. Das scheint sich ebenso gelohnt zu haben wie ein Trainerwechsel beim Team Giant-Shimano. „Die Zusammenarbeit läuft wesentlich besser“, sagt Degenkolb, „man weiß, dass man in guten Händen ist.“ Er lässt sich in Frankfurt mittlerweile von einem zusätzlichen Coach betreuen; Degenkolb betreibt mit ihm Gymnastik für Bauch und Rücken.

          Er spricht davon, dass ein „großes Puzzle“ zusammengesetzt werde, mit „Spezialisten für jeden Bereich“. Und er vermittelt Aufbruchstimmung: „Ich bin sehr zuversichtlich für die nächsten Wochen.“ Sicherlich auch für den 1. Mai, für das Rennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“, das ein Heimspiel für Degenkolb sein wird. Aber auch wieder nur ein Intermezzo auf heimischem Terrain. Zum Ich als Radprofi zu gelangen erfordert schließlich weite Wege. Für einen Deutschen sowieso.

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