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Christopher Froome kämpft : Ein Rad-Star in der „Quälhöhle“

  • -Aktualisiert am

Die Augen auf ein noch unbekanntest Ziel gerichtet: Christopher Froome Bild: dpa

Der britische Rad-Profi Christopher Froome will zurück in die oberste Weltspitze. Dafür würde er wohl auch nicht vor einem Teamwechsel zurückschrecken. Hinter den Kulissen gibt es Ärger.

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          Im Lockdown hat mancher reichlich Zeit, sich Gedanken zu machen, über dies und jenes. Christopher Froome, der nach eigenen Angaben bis zu sieben Stunden auf der Rolle in seiner selbstgewählten „Quälhöhle“ in Monaco verbrachte, beschäftigte sich dabei auch mit seiner beruflichen Perspektive – und einem möglichen Teamwechsel. „Ich bin mittendrin in diesem Prozess. Es sind viele Aspekte zu beachten. Und ich denke, in einigen Wochen werde ich etwas mehr Klarheit darüber haben, was die Zukunft für mich bereithält“, sagte der Brite dieser Tage auf einer Telefonkonferenz vor der Premiere des virtuellen Rennformats „Challenge of the Stars“. Froome wollte zwar weder einen Abschied von Team Ineos verkünden noch die Teams nennen, mit denen er in Verbindung stehe. Aber er sondiert offenbar verschiedene Optionen.

          Hintergrund ist, dass sein Vertrag mit Team Ineos zum Saisonende ausläuft. In der Teamhierarchie sind ihm mittlerweile die Toursieger von 2018 und 2019, Geraint Thomas und Egan Bernal, ebenbürtig. Bernal hat einen Vertrag bis 2023, Thomas bis 2021. Die Mutterfirma des Rennstalls, der Chemiekonzern Ineos, ist englischen Medien zufolge auch mit der britischen und der schottischen Regierung in Verhandlungen über Staatsbeihilfen in Höhe von bis zu 500 Millionen Pfund eingetreten. Eine gewisse Entlastung des Teambudgets käme da nicht schlecht.

          Den vierfachen Toursieger dürfte zudem geärgert haben, dass Teamchef David Brailsford ihm nach abgeschlossener Genesung nicht automatisch die Kapitänsrolle für die kommende Tour de France zugesichert hat. Brailsford plädiert für eine Dreierspitze aus Titelverteidiger Bernal sowie den Briten Thomas und Froome. „Es macht keinen Sinn, seine Kräfte zu verzetteln“, sagte Brailsford. Der teaminterne Kampf um die Führungsposition dürfte für Froome demnach härter werden als die sportliche Auseinandersetzung mit anderen Mannschaften.

          In der Gruppe der Besten: Christopher Froome (Zweiter von links) bei der Tour de France 2018

          Spekuliert wurde vor allem über einen möglichen Wechsel zu den Teams Movistar oder Israel Start-Up Nation. Movistar hat nicht nur Platz geschaffen auf der Position des Grand-Tour-Kapitäns. Der Mutterkonzern des Hauptsponsors steht auch vor der Fusion mit dem britischen Medienunternehmen Virgin Media. Froome als Werbefrontmann könnte Sinn machen. Eine Verpflichtung durch den WorldTour-Aufsteiger Israel Start-Up Nation hätte ebenfalls eine gewisse Logik. Geldgeber Sylvan Adams finanzierte bereits den Giro-Auftakt 2018 in Israel; sein Geld dürfte damals auch Froome von einem Start bei diesem Rennen überzeugt haben. Für den Tour-Neuling aus Israel wäre es ein Coup, mit einem Topstar der Szene in das in den Spätsommer verlegte Rennen zu gehen.

          Ob die Tour nach der Verschiebung stattfinden wird wie nun geplant, also Ende August mit Start in Nizza, ist allerdings ungewiss. „Es gibt sehr viel Unsicherheit in dieser Saison, das betrifft nicht nur meine Vertragsverhandlungen. Es ist unsicher im gesamten Sport. Wir hoffen natürlich, dass wir noch einige Rennen fahren können in diesem Jahr. Aber man muss abwarten, welche Events es geben wird“, sagte Froome. „Die wichtigste Sache bleibt natürlich die Sicherheit der Bevölkerung und der Athleten.“ Mit den Bedingungen des Lockdowns scheint Froome sich recht gut arrangiert zu haben. Sein Quartier in Monaco war mit Rollen und Fitnessgeräten opulent ausgestattet. „Mein längster Ritt auf der Rolle ging über sieben Stunden“, sagte Froome. Aber Froome war auch besonders motiviert. Die Zwangspause auch im Radsport ermöglichte ihm, den Fitnessrückstand, den er nach dem Sturz im Juni 2019 hatte, besser als erwartet zu kompensieren. „Die Beine sind gut, und ich komme zu meiner alten Form zurück“, behauptete der Brite, der sich bei den Übungseinheiten von „lauter Musik“ antreiben ließ.

          Auf der Rolle zu fahren und virtuelle Rennen lernte Froome in der jüngsten Zeit als passable Trainingsmöglichkeiten schätzen. „Man kann sich damit gut auf die Straße vorbereiten“, sagte er. Den virtuellen Sport sieht er jetzt eindeutig im Aufwind. „Ich denke, dass wir in Zukunft durchaus eine virtuelle Rennserie haben könnten, die in den Wettkampfkalender integriert ist.“

          Er nimmt nun auch an diesem Wochenende an einem neuen Format teil. Bei der „Challenge of the Stars“, veranstaltet vom Giro-Organisator RCS, treten je acht Sprinter und acht Kletterer gegeneinander an. Jeweils zwei Fahrer duellieren sich dabei, der Sieger kommt eine Runde weiter. Froome, dessen letzter Erfolg nun schon fast zwei Jahre zurückliegt – es war der Giro-Sieg 2018 –, geht angeblich hochmotiviert in den Wettkampf. „Am Ende bin ich ein Rennfahrer. Und egal, ob es ein kleines virtuelles Rennen ist oder ein Kampf auf der Straße gegen 200 andere Fahrer – ich werde immer mein Bestes geben.“ Eines zumindest ist sicher: Froome wird – virtuell – im Trikot von Ineos antreten.

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