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Radprofi Andy Schleck : Wie riecht eigentlich die Provence?

  • Aktualisiert am

Brüder im Vorwärtsgang: Frank (rechts) und Andy Schleck Bild: AFP

Das beste Radteam der Welt und der Mann, der die Taktik vorgibt: Andy Schleck will Lebenslust mit den Pflichten als Profi vereinbaren. Doch der Druck wächst unaufhörlich. Rainer Seele hat den Kapitän des Teams Leopard-Trek in Francorchamps getroffen.

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          Es können zwanzig Fragen gewesen sein oder dreißig und ebenso viele Antworten, genau lässt sich das nicht mehr sagen. Ein Gespräch kann sehr viele Wendungen bekommen, selbst wenn nicht allzu viel Zeit zur Verfügung steht, um sich dem Leben eines anderen ein bisschen zu nähern. Warum sollte, wenn man einem Mann gegenübersitzt, den der Beruf kreuz und quer durch die Welt führt, nicht auch über den Duft der Provence gesprochen werden? Das ist ohne weiteres möglich mit Andy Schleck an einem Aprilabend in Belgien, in einem Hotel in Francorchamps. Die Gedanken sind ohnehin längst in Frankreich, auf dessen Straßen sich im Sommer die wesentlichen Dinge regeln werden für den Radprofi Schleck. Ein Mann wie er bestimmt dort seinen Status.

          In unmittelbarer Nähe des belgischen Quartiers befindet sich die Rennstrecke von Francorchamps, am Nachmittag ist noch Motorengebrüll zu hören gewesen, es geht hier immer um hohe Geschwindigkeiten. Bei Schleck ist das ja auch so, er nimmt jetzt gerade wieder Fahrt auf, beispielsweise beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich an diesem Sonntag. Im Juli, bei der Tour de France, will er in Höchstform sein, dann muss alles reibungslos funktionieren: Er selbst, sein Rad, sein Team, es steht viel auf dem Spiel. Der 25 Jahre alte Schleck spürt den Druck schon jetzt, die Erwartungen sind immens, vor allem in seiner Heimat, in Luxemburg. Und dass der Radsport sich nicht lösen kann von der Debatte um seine Zukunft, dass auch die Tour wieder davon betroffen sein wird, macht die Sache noch ein Stück komplizierter.

          Die Diskussion ist allgegenwärtig, auch dieses Treffen in einem Örtchen in den Ardennen ist nicht frei davon, und man kann sogar auf die Idee kommen, eine solche Begegnung mit einem Radrennen zu vergleichen: Auch sie, scheint es, hat mit einem Taktieren und Taxieren zu tun, mit Angriffen und Ausweichmanövern. Ob es ein gutes „Rennen“ für Schleck gewesen ist in Francorchamps, zwischen Abendessen und Massage? Er verabschiedet sich mit festem Händedruck und freundlicher Miene. Vielleicht ist er froh, endlich seinen Körper pflegen lassen zu können.

          Bei der Tour de France 2011 will der Luxemburger erstmals siegen
          Bei der Tour de France 2011 will der Luxemburger erstmals siegen : Bild: AFP

          Im Juli wird vermutlich mehr denn je auf den Radprofi Schleck einstürzen. Er war schon zweimal Zweiter bei der Tour. Im bevorstehenden Sommer tritt er als Kapitän des neuen Teams Leopard-Trek an, das - alimentiert von dem Luxemburger Immobilienunternehmer Flavio Becca - schätzungsweise 15 Millionen Euro pro Saison kostet. Es gilt als das beste Radteam der Welt. Am Bus der Equipe sind neben den Türen alle 25 Rennfahrer aufgelistet, allerdings nur mit den Vornamen. Die Reihe beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit „Andy“.

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          „Wir haben ein sehr breit gefächertes Team. Wir wollen bei jedem Rennen vorne mitmischen. Mein jetziges Team ist um einen Tick besser als meine Mannschaft des Vorjahres. Ja, ich denke, dass meine Chancen, die Tour zu gewinnen, gestiegen sind. Der Job ist manchmal nicht ganz einfach, aber ich komme mit der Situation eigentlich gut klar. Die Leute erwarten immer mehr von einem, in meiner Position muss ich damit umgehen können. Mir fehlt es im Prinzip an nichts, jetzt liegt es an mir. Ich habe keine Ausrede mehr.“

          Schleck war zusammen mit seinem Bruder Fränk nach der vergangenen Saison vom dänischen Team Saxobank-Sungard zu dem Rennstall, der im Zeichen einer Wildkatze steht, gewechselt - angeblich auch aus Patriotismus. Die Schlecks, die im Januar zusammen mit dem Schweizer Fabian Cancellara von Premierminister Jean-Claude Juncker empfangen wurden, bezeichnen sich als Botschafter ihres Landes. Und sie wollen, jedenfalls sagt das Andy Schleck, unbedingt mit ihren Wurzeln verbunden bleiben. Das sei doch, findet er, der wahre Luxus.

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