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Radprofi Andy Schleck : Wie riecht eigentlich die Provence?

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„Ich brauche keine teure Uhr oder einen teuren Wagen, sondern Zufriedenheit zu Hause. Ich habe meine Familie immer hinter mir. In dieser Hinsicht bezeichne ich mich als einen reichen Menschen. Ich werde nicht aus Luxemburg wegziehen.“

Der Radsport ist ein zentrales Thema im Hause Schleck, nicht nur wegen Andy und Fränk Schleck. Ihr Vater Johny war ebenfalls Radrennfahrer, er nahm selbst einige Male an der Tour teil, als Helfer des Spaniers Luis Ocaña zum Beispiel. Er kennt das Geschäft somit aus dem Effeff, dazu ist Schleck senior mit dem Immobilienmagnaten Becca befreundet. Seine Vorstellungen vom Radsport decken sich aber nicht immer mit jenen der Söhne, zumindest gilt das für Andy Schleck.

„Ich kriege viel Kritik von meinem Vater, wir haben oft Meinungsverschiedenheiten. Er meint, man müsste als Radprofi jeden Tag um 22 Uhr im Bett liegen - das tue ich aber nicht.“

Im Vorjahr war Schleck von Riis aus der Spanien-Rundfahrt genommen worden, angeblich wegen einer Alkoholeskapade. Der Luxemburger behauptet, dass er damals keinesfalls zu viel getrunken habe, die Entscheidung von Riis, der ein sehr strenger Chef gewesen sei, sei zu hart gewesen. Sie habe niemandem etwas gebracht. Schleck sagt, dass sich Lebenslust und die Pflichten als Profi durchaus vereinbaren ließen, er habe da eine gute Balance gefunden. Der 1,83 Meter große Rennfahrer wird bei der Tour etwa 68 Kilogramm wiegen, er muss sich dafür offenbar nicht sonderlich kasteien. Er sei ja, sagt Schleck, von Natur aus schlank.

Das Unternehmen Tour wird er auch mit einer deutschen Komponente angehen. Fünf deutsche Profis stehen bei Leopard-Trek unter Vertrag, zu dieser Fraktion zählt Linus Gerdemann, der vom untergegangenen Team Milram gekommen ist. Dort war er, ohne großen Erfolg aber, eine Führungsfigur. Gerdemann hat sich nun umstellen müssen - und es problemlos geschafft, wie Schleck glaubt.

„Das wusste er, als er unterschrieben hat. Er wird mich bei der Tour unterstützen, als Edelhelfer. Das klingt immer ein bisschen abwertend, aber er kommt ganz gut mit der Rolle klar. Linus hat eingesehen, dass er kein Fahrer ist, der die Tour gewinnen kann. Er hat ja noch andere Ziele in der Saison, er bekommt seine Chancen.“

Bei Riis hatte Schleck schon mit Jens Voigt zusammengearbeitet, und für ihn war es überhaupt keine Frage, den Berliner nach Luxemburg mitzunehmen. Schleck hält immer noch sehr viel von ihm, obwohl Voigt bereits 39 Jahre alt ist. Sein Lob für ihn entspringt der Diktion des Radsports, es hat einen eigenartigen Klang für jemanden, der nicht dem Metier angehört.

„Ich denke, dass er noch mit 41 bei der Tour fahren könnte. Keiner ist wie Jens, er ist unzerstörbar. Er hat einen Motor wie kaum ein anderer Fahrer. Einige junge Fahrer könnten sich eine große Scheibe von ihm abschneiden. Sogar ich bewundere ihn für seinen Kampfgeist. Ich bin überzeugt, dass er sich mehr quälen kann als ich.“

Cancellara, Gerdemann, Voigt, Fabian Wegmann, Stuart O'Grady oder Jakob Fuglsang - es hat sich eine illustre Schar um Schleck gebildet, den Anführer, der nach Ruhm und Anerkennung strebt, mitten in einer großen Glaubwürdigkeitskrise des Radsports. Die Branche kommt kaum zur Ruhe: Alberto Contador, der dreimalige Tour-Sieger, unter Doping-Verdacht, Patrik Sinkewitz als Wiederholungstäter entlarvt, Bluttransfusionen, Epo, Wachstumshormon - immer wieder die krumme Tour. Und Fahrer, die eine Art Doppelleben führen, die sich zwischen Applaus und Argwohn bewegen. Warum sollte die Öffentlichkeit, häufig getäuscht von Profis, nun Schleck trauen, dem Mann, der in diesem Jahr nach dem Gelben Trikot greifen will? Als die erwartete Attacke kommt, reagiert der Luxemburger gelassen.

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