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Rad-WM : Spanischer Kummer

Die „Ü 30“ Combo soll es für Spanien bei der WM richten: Profis wie Alejandro Valverde Bild: AFP

Bei der Rad-WM in Ponferrada ist von Begeisterung nichts zu spüren: Alternde Stars und fehlender Nachwuchs sorgen für Tristesse unter Spaniens Radsport-Fans.

          Nicht, dass es nichts zu entdecken gäbe in Ponferrada und Umgebung, man stößt dort auf einige bemerkenswerte Dinge. Das hat auch Rolf Aldag festgestellt, der frühere Radprofi, der jetzt im Management beim belgischen Rennstall Omega Pharma-Quickstep tätig ist. Damit sind die Straßenrad-Weltmeisterschaften, die diesmal in Ponferrada in der Region Castilla y Leon stattfinden, ein Pflichttermin für ihn – und diesmal stellen sie ein besonderes Erlebnis dar für Aldag. Sein Hotel zum Beispiel liegt direkt am Jakobsweg, und Aldag sagt ein bisschen flapsig: „Da kommen jeden Tag 100 Pilger vorbei. Das ist der perfekte Ort, um über sein Leben nachzudenken.“ Mit dem Rad hat er sich auch schon auf den Weg zum „Eisernen Kreuz“ in den Bergen gemacht. Aldag hat dort „viele Kummersteine“ von den Wallfahrern gesehen, „ein schwerer ist jetzt dazugekommen“.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das lässt in mehrfacher Hinsicht Interpretationsspielraum, man kann es allerdings getrost auch auf die Tristesse in Ponferrada und im spanischen Radsport allgemein beziehen. In der Provinzstadt, in der angeblich die meisten Windräder Spaniens gebaut werden, war von großer Radsport-Begeisterung in den vergangenen Tagen nichts zu spüren, es war eher eine triste Angelegenheit. Zwischendurch war ohnehin fraglich, ob die WM überhaupt in Ponferrada würde stattfinden können, weil die finanziellen Garantien ausgeblieben waren – schließlich wurden die Kosten von schätzungsweise zwölf Millionen Euro gerade noch gestemmt, wie es heißt. Die große Wirtschaftskrise in Spanien hat natürlich auch Ponferrada erfasst, aber Bürgermeister Samuel Folgueral glaubt, dass sich mit der WM nun etwas bewegen lässt. „Für uns ist das eine Investition in die Zukunft. Es zeigt der Welt, dass Spanien mehr ist als Stiere, Flamenco-Tänzer, Strände und Sonne.“ Ja, wirklich, Spanien ist auch dies: „Das sind hier keine deutschen Qualitätsstraßen. Da fahren das ganze Jahr Autos drüber, die Öl verlieren. Da kann man schnell wegrutschen“, sagt etwa Christian Knees, der beim Straßenrennen an diesem Sonntag den deutschen Kapitän John Degenkolb unterstützen soll.

          „Der Radsport in Spanien ist dem Tode nahe“

          Die Lage im spanischen Radsport ist grundsätzlich angespannt, obwohl die Nation, die mit der Doping-Problematik sehr leger umgeht, immer noch über eine schlagkräftige Garde von Profis verfügt. Allerdings ist das inzwischen eine „Ü 30“-Combo: Alberto Contador, Alejandro Valverde, Joaquim Rodriguez und Samuel Sanchez befinden sich im Karriere-Herbst. Und die Entwicklung des Nachwuchses im Land wird durch den Geldmangel erschwert. Der Finanznot fallen auch Rennen zum Opfer. In diesem Jahr musste zum Beispiel die traditionsreiche Asturien-Rundfahrt abgesagt werden; angeblich fehlten 35.000 Euro. Miguel Madariaga, Chef der baskischen Radsportstiftung, die bis zum Vorjahr noch das Team Euskaltel betrieb, zeichnet ein düsteres Bild: „Der Radsport in Spanien ist sehr krank, dem Tode nah“, sagte er gegenüber dem Magazin „Tour“. Zwar will sich von 2015 an ein Spanier mit großem Namen, der Formel-1-Pilot Fernando Alonso, im Profiradsport engagieren, doch über die Ankündigung hinaus ist bis jetzt wenig Konkretes in dieser Angelegenheit bekannt.

          Sanchez, Olympiasieger von 2008, spricht von einer „Leere in Spanien“, nicht zuletzt wegen des Endes von Euskaltel. Er war kürzlich Sechster bei der Vuelta geworden und trotzdem nicht für Ponferrada nominiert worden. „Ich verstehe nicht, dass man jemanden zu Hause lässt, der so gute Beine hat wie ich“, klagte Sanchez. Contador, der die Spanien-Rundfahrt gewann, verzichtete aus freien Stücken, weil ihm angeblich die WM-Strecke nicht zusagt – das wiederum ärgerte die spanischen Radsport-Funktionäre. Nun liegt die Last auf Valverde, der die spanische WM-Flaute am Sonntag beenden soll. Das Land hatte zuletzt 2004 den Straßen-Weltmeister gestellt; damals schlüpfte Oscar Freire in das Regenbogentrikot. Für den Fall, dass Spanien wieder scheitert, bieten sich in und um Ponferrada herum wenigstens gute Möglichkeiten zur Besinnung.

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