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Rad-WM : Land der Radfahrer kommt wieder in Tritt

Angriff auf Gold? Das deutsche Team trainiert für das WM-Straßenrennen an diesem Sonntag Bild: Augenklick/Roth

Die Doper-Generation um Jan Ullrich hatte fast jedes Interesse der Deutschen am Profi-Rennsport zerstört. Ihre Nachfolger kämpfen um Aufmerksamkeit - und den WM-Titel im Straßenrennen.

          Wenn man sich seine Sponsoren aussuchen könnte nach Belieben, dann würde der ein oder andere Geldgeber sicher durchfallen. Bei einem Radsportteam zum Beispiel ein Sponsor, der Haarwaschmittel herstellt und sie seit Jahren mit dem abstrusen Slogan bewirbt: „Doping für die Haare“. Da müsste man als Rennstall, der aktiv für Sauberkeit im Radsport argumentiert, eigentlich abwinken. Einen Sponsor, der mit dem Begriff „Doping“, der für die Einnahme unerlaubter Substanzen steht, für vorsätzlichen Betrug, so fahrlässig umgeht, der ihn in öffentlichen Kampagnen verharmlost, den müsste man eigentlich schnell weiterwinken. Aber im Profiradsport kann man sich seine Sponsoren nicht aussuchen, die Rennställe sind froh, wenn eine Firma mit Geld und gutem Willen vor der Tür steht. Die Zeiten sind hart, man kann nicht wählerisch sein, und deshalb ist der Bielefelder Shampoohersteller Alpecin vom niederländischen Giant-Shimano-Team auch mit offenen Armen empfangen worden. Das Unternehmen, so heißt es, wolle sich für vier Jahre engagieren und in diesem Zeitraum rund 16 Millionen Euro investieren. Von 2015 an radeln deshalb auch die beiden deutschen Topfahrer Marcel Kittel und John Degenkolb für eine Fahrgemeinschaft mit runderneuertem Namen: für das Team Giant-Alpecin.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Vier Jahre nach dem Ausstieg von Milram ist damit wieder ein deutsches Unternehmen als Großsponsor in den Radsport eingestiegen. Optimisten in der Szene werten das als Meilenstein. Als Zeichen dafür, dass es wieder aufwärtsgeht mit dem Profiradsport in Deutschland, dass er wieder hoffähig wird nach all den Doping-Enthüllungen, die ihn in den Jahren nach dem Festina-Skandal 1998 fast alle Sympathie gekostet hatten. Die Doper-Generation Ullrich, die erst für den großen Radsportboom gesorgt hatte, ehe sie wieder fast jedes Interesse am Rennsport zerstörte. Nicht am Radsport generell, denn da wirkt die Ullrich-Ära nach, Deutschland ist ein Land der Hobbyradfahrer, Jedermannveranstaltungen sind der Renner. Was den Profirennsport betrifft, bleibt die Frage: Ist das Desaster überwunden? Geht es wieder aufwärts?

          Anzeichen dafür gibt es. Nicht nur den Einstieg von Alpecin. Auch die Meldung, dass die ARD, in der Ullrich-Ära einer der Profiteure und Förderer des Systems, nach jahrelanger Abstinenz vom kommenden Jahr an wieder in die Live-Berichterstattung von der Tour de France einsteigen will, deutet auf eine Trendwende hin. Einen großen Anteil daran haben deutsche Fahrer, allen voran Tony Martin, John Degenkolb und Marcel Kittel, die mit WM-Titeln, Etappensiegen bei der Tour de France und herausragenden Klassikerplazierungen sportlich überzeugten, daneben aber auch offensiv Position gegen Doping bezogen. Ironie des Schicksals: Sie alle sind Ullrichs Nachkommen, sie alle haben seinetwegen mit dem Rennradfahren angefangen. Und sie alle haben nach dem Crash Durchhaltevermögen demonstriert, haben über Jahre versucht, Zweifel auszuräumen und neues Vertrauen bei Publikum und Sponsoren aufzubauen. Sie alle haben Topteams im Ausland suchen müssen, weil es in Deutschland nach dem Aus für Milram keines mehr gab. Die Stellung hielt allein das Team NetApp, das in der zweiten Reihe als Professional Continental Team firmiert. Eine Liga höher sehen sich die deutschen Spitzenfahrer mit dem Einstieg von Alpecin an einem ersten Etappenziel. Der dreimalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin, der am Mittwoch bei der WM in Spanien Silber gewann, sieht das Engagement als „geniales Zeichen für den deutschen Radsport. Darauf kann man aufbauen.“

          Im Fokus des Weltradsports

          Iwan Spekenbrink, Teammanager bei Giant-Shimano, nannte den Einstieg der Bielefelder „eine große Botschaft. Das Team bekommt ein deutsches Herz.“ Neben Degenkolb und Kittel gehören schon jetzt weitere fünf deutsche Fahrer zur Equipe – Johannes Fröhlinger, Nikias Arndt und Simon Geschke sowie im sogenannten „Development Team“ Jan Brockhoff und Maximilian Schachmann. Manager Spekenbrink hat bereits die Verpflichtung weiterer junger deutscher Fahrer angekündigt. Und was den Nachwuchs betrifft, so war in Ponferrada Vielversprechendes zu sehen. Am Samstag gewann der 18 Jahre alte Jonas Bokeloh aus Langenhagen im Massensprint Gold im Straßenrennen der Junioren. Zuvor hatte sein Teamkollege Lennard Kämna bereits das Einzelzeitfahren gewonnen.

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