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Rad-WM in Qatar : Verloren im Wüstensand

Selfie mit Sagan: Der Slowake gewinnt in Qatar das Straßenradrennen Bild: dpa

Auch nach 50 Jahren muss Deutschland weiter auf einen Straßenrad-Weltmeister warten. Beim Sieg des übermächtigen Peter Sagan verlieren Marcel Kittel und Co. früh den Anschluss.

          3 Min.

          Ein Märchen? Das kann man wohl so sehen. Allerdings nicht für einen der Deutschen, die sich einiges ausgerechnet hatten bei ihrem Abstecher nach Qatar. Doch letztlich herrschte bei ihnen wieder einmal tiefe Ernüchterung, im Gegensatz zu einem Slowaken. Auf der künstlichen Insel „The Pearl“ in Doha schnappte sich Peter Sagan am Sonntag nach 257 Kilometern den großen Schatz – in Form des Regenbogentrikots, das den Straßen-Weltmeister unter den Radprofis schmückt. Der clevere Rennfahrer, der im kommenden Jahr beim deutschen Team Bora-Hansgrohe unter Vertrag stehen wird, hatte bereits vor einem Jahr in Richmond triumphiert. Eine Ausnahmeerscheinung in seiner Zunft. Sagan, der erst vor wenigen Tagen in Doha eingetroffen war und sich sehr entspannt gegeben hatte, siegte im Spurt vor Mark Cavendish und Tom Boonen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Deutschen dagegen waren unter den Geschlagenen, überhaupt war nur einer durchgekommen, Kapitän André Greipel. Sie haben mit Momenten der Enttäuschung bereits reichlich Erfahrung, ein Déjà-vu-Erlebnis also. An einem neuralgischen Punkt in der Wüste waren sie, bis auf John Degenkolb, nicht auf der Höhe gewesen, das war mitentscheidend für ihre Niederlage. Sie handelten sich dabei einen Rückstand ein, der nicht mehr aufzuholen war. Und letztlich mussten die Deutschen den Strapazen Tribut zollen, einer nach dem anderen stieg vorzeitig vom Rad: Tony Martin, Marcel Kittel, John Degenkolb. Der war durch einen Plattfuß aus der Bahn geworfen worden und sagte niedergeschlagen: „Ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn das nicht passiert wäre.“ Degenkolb sprach von einer schlechten Saison, sagte aber auch: „Ich lebe.“ Ein Hinweis auf seinen schweren Trainingsunfall zu Jahresbeginn. Greipel betonte, dass sein Team trotz allem Charakter gezeigt habe.

          Peter Sagan bejubelt seinen WM-Sieg in Qatar

          Er antwortete aber auf die Frage, was von Qatar hängen bleibe: „Nicht viel.“ Das sehnsüchtige Warten der Deutschen auf einen Nachfolger für Rudi Altig, der vor exakt 50 Jahren auf dem Nürburgring als letzter Deutscher einen solchen WM-Titel geholt hatte, geht somit weiter. Altig war im vergangenen Juni gestorben. Und zumindest für die Sprinter dürften sich in den kommenden Jahren bei Austragungsorten wie Bergen in Norwegen oder Innsbruck keine günstigen Gelegenheiten, WM-Gold zu ergattern, mehr eröffnen. Die Deutschen beendeten die Reise in das Emirat Qatar somit mit insgesamt fünf Medaillen, Martin und Marco Mathis in der Kategorie U 23 sorgten dabei für goldene Augenblicke in den Einzelzeitfahren. Eine zufriedenstellende Bilanz eigentlich, die durch das Tief am Sonntag freilich getrübt wurde. Schon am Samstag, im Frauenrennen auf der Straße, war das Team des Bundes Deutscher Radfahrer nicht wie gewünscht vorangekommen. Lisa Brennauer wurde beim Sieg der Dänin Amalie Dideriksen Zwölfte und behauptete danach: „Die WM war wie das ganze Jahr. Es ist nicht schlecht gelaufen, aber es war auch kein Highlight dabei. Ich habe viel gelernt.“

          Ein halbes Dutzend für Deutschland: Die Deutschen hatten wegen fehlender Ranglistenpunkte nur ein sechs Fahrer umfassendes Männerteam aufbieten können. Das schränkte ihren strategischen Spielraum natürlich ein. Nationalcoach Jan Schaffrath stand auch aus einem weiteren Grund vor einer kniffligen Aufgabe: Zu seinem Aufgebot gehörten schließlich gleich mehrere ambitionierte Profis – und sowohl der Anführer Greipel, der 2011 in Kopenhagen WM-Dritter geworden war, wie auch sein vermeintlicher Adjutant Kittel hatten klar gemacht, den großen Coup landen zu wollen. Die Deutschen wussten genau, dass sie zusammenhalten und zudem wachsam sein mussten – und wurden dennoch überrumpelt. „Es ist ein richtiges Pokerspiel“, sagte Degenkolb über die Eigenarten eines solchen Rennens. Der Klassiker-Spezialist hatte angekündigt, sich Fluchtgruppen anschließen zu wollen, sozusagen als „Aufpasser“ für Greipel und Kittel. Bei den ersten Ausreißern des Tages hatten die Favoriten noch getrost Ruhe bewahren können: keinerlei Gefahr für sie. Dass sich das Peloton zunächst in Zurückhaltung übte, hatte sicherlich auch mit Temperaturen von 35 Grad zu tun. Mancher Fahrer hatte sich unmittelbar vor dem Start mit einem Schirm vor der brennenden Sonne geschützt. Eine Verkürzung der Route hatte der Internationale Radsportverband (UCI) allerdings nicht für notwendig gehalten. Es habe zuvor keine Fälle von Hitzeerschöpfung gegeben, behauptete UCI-Präsident Brian Cookson, der am Samstag überdies eingeräumt hatte, dass Qatar einen hohen Preis gezahlt habe, um den Zuschlag für die WM zu erhalten – nämlich zehn Millionen Schweizer Franken.

          Als noch etwa 180 Kilometer zurückzulegen waren, machte das Feld mit einem Mal ernst – und riss bei wechselndem Wind prompt auseinander. Das Tempo wurde deutlich erhöht, hinter denen, die zu diesem Zeitpunkt noch führten, bildete sich eine nächste kleine Gemeinschaft, in der als einziger Deutscher der aufmerksame Degenkolb vertreten war. Er fiel wegen eines Defektes an seiner Rennmaschine aber bald wieder zurück, zu den dahinter liegenden Greipel und Kittel, die den Anschluss verpasst hatten. Der Schlagabtausch hatte jetzt richtig begonnen, die Deutschen waren dabei in die Defensive geraten. „Als es losging, hat es uns ein bisschen zerfetzt“, sagte Kittel. Greipel und Co. waren bemüht, sich wieder zu sammeln. „Es liegt in der Natur unserer Mannschaft, dass wir nicht aufgeben“, sagte Degenkolb. Sie hetzten einer neuen Spitze hinterher, die lange von den Belgiern dominiert wurde. Sie zählten zu den bestimmenden Figuren, als Doha erreicht wurde, wo schließlich auf „The Pearl“ ein 15,2 Kilometer langer Rundkurs zu absolvieren war, siebenmal insgesamt. Die letzte Möglichkeit für die deutsche Formation, noch Boden gutzumachen. Das funktionierte, bedingt durch den Kräfteverschleiß, nicht. Greipel, Kittel oder Degenkolb, die in ihren Karrieren schon manche Widerstände überwunden hatten, scheiterten in Doha. Ihre Wünsche versandeten am Sonntag im wahrsten Wortsinn.

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