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Rad-WM in Doha : Aufruhr in der Highspeed-Fraktion

Auf in den Endspurt: Marcel Kittel (links) und André Greipel (r.) wollen Peter Sagan (Mitte) herausfordern Bild: Picture-Alliance

Showdown bei der Rad-WM in Doha: Kommen Kittel oder Greipel am flotten Slowaken Sagan vorbei? Es wäre der erste Triumph eines Deutschen nach 50 Jahren.

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          Doha. Nichts zu erkennen vorerst von Swinging Sagan, von einem vibrierenden Mann, von einem, der aufs Ganze gehen möchte, mit unbändigem Ehrgeiz. Peter Sagan sitzt gelassen in einem Raum im 29. Stock eines Hotels in Doha, die Miene freundlich, die Haare zu einem Zopf geformt. Und vermittelt den Eindruck, als wäre der Abstecher nach Qatar für ihn nur ein Wochenendausflug mit der Absicht, sich ein bisschen treiben zu lassen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          „Ich habe nichts zu verlieren“, sagt Sagan, er verspüre keinen Druck. Das lässt sich ohne weiteres nachvollziehen, schließlich ist der Slowake nun kein wirklicher Jäger mehr. Er hatte schon vor einem Jahr fette Beute gemacht, in Richmond in den Vereinigten Staaten, als er Straßen-Weltmeister geworden war. Sagan spricht von seinem schönsten Sieg, und es passt zu ihm und seiner Vita, dass er ihn in einem Land errang, in dem Männer wie er, die für Erfolg und Entertainment stehen, einen besonders hohen Stellenwert genießen.

          Immerhin hat sich Sagan, vielleicht die schillerndste Figur des Profiradsports, durchgerungen, am Ende einer fordernden Saison doch an den Weltmeisterschaften in Doha teilzunehmen: willkommen im Zirkus der Sprinter, die an diesem Sonntag (12 Uhr MESZ/live auf Eurosport) beste Chancen sehen, das Regenbogentrikot zu ergattern.

          Drei Slowaken, sechs Deutsche

          Wüste, Wind, Wärme: eine dampfende Angelegenheit, vermutlich mindestens sechs Stunden lang. Und ein brennendes Verlangen nicht zuletzt der Deutschen, Sagan zu beerben – und nach 50 Jahren, nach Rudi Altigs Triumph auf dem Nürburgring, endlich wieder einen Champion zu stellen.

          Drei gegen sechs: So stellt sich auf den 257 Kilometern über flaches Terrain das Duell zwischen der Slowakei und Deutschland dar. Sagan, der von der kommenden Saison an auch im Dienst des deutschen Radsports stehen wird mit seinem Wechsel zum Team Bora-Hansgrohe, hat in Doha zwei Mitstreiter an seiner Seite. Die Deutschen treten als halbes Dutzend an. Und in einer speziellen Konstellation.

          Mehr als nur ein guter Sprinter

          Mit André Greipel als offiziellem Kapitän zwar, wie es der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) entschieden hat. Aber was heißt das schon, wenn daneben noch renommierte Rennfahrer wie Marcel Kittel oder John Degenkolb am Start sind? Ein deutsches Luxusproblem gewissermaßen. Sie versuchen erst mal, Einigkeit zu demonstrieren, Zusammenhalt und Teamgeist.

          Artist auf dem Rad: Peter Sagan gilt als Favorit des Straßenrennens.

          Und doch ist nicht die Rede davon, sich uneingeschränkt für Greipel abzustrampeln, den Mann, der wegen seiner kräftigen Muskulatur „Gorilla“ genannt wird. Kittel, der die Jokerrolle einnehmen soll, hat wie Greipel Ambitionen auf den Titel; beide zählen zu den Besten ihrer Zunft. Und Degenkolb ist ebenfalls ein Mann mit beträchtlicher Power. Durchaus möglich also, dass am Sonntag aus Kollegen erbitterte Konkurrenten werden.

          Auch Kittel meldete Ansprüche an

          Vorher, sagt Nationaltrainer Jan Schaffrath, sei es wie bei einem Boxkampf gewesen. Weil neben Greipel auch Kittel den Hut in den Ring geworfen hatte in der Diskussion um den Anführer der Mannschaft. „Jetzt“, betont Schaffrath, „ist es ein hervorragendes Team.“

          Allerdings ist dem erfahrenen Greipel, der möglicherweise ein größeres Stehvermögen als Kittel hat, durchaus bewusst, dass es sich – trotz aller Hinweise auf den Gemeinschaftssinn – um ein fragiles Gebilde handelt. „Marcel ist kein klassischer Helfer“, sagt Greipel, der bedauert, dass sein treuer Gefährte Marcel Sieberg gesundheitlich angeschlagen ist und deshalb auf die Reise nach Doha verzichten musste. „Er ist unersetzbar.“

          Der Kapitän: André Greipel

          Der deutsche Radsport steht, generell, in jedem Fall in einer neuen Blüte da, auch dank schneller Männer wie Greipel oder Kittel. Das weiß auch Brian Cookson, der Präsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI), zu schätzen. Der deutsche Radsport, sagte der Brite in Doha, erlebe nach einigen düsteren Jahren, nach einer großen Demoralisierung eine Renaissance. „Das ist schön zu sehen.“ Cookson würdigte zudem den Aufschwung der Raublinger Equipe Bora, die im nächsten Jahr in der WorldTour, der höchsten Kategorie des Radsports, mitmischen will. „Sie ist auf einem richtigen Weg.“ Und wird, davon ist fest auszugehen, mit Sagan reichlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

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