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Rad-WM : Bettini übersteht die Chaostage als Weltmeister

  • -Aktualisiert am

„Unerwünschter” Weltmeister: Paolo Bettini Bild: REUTERS

Titelverteidiger Paolo Bettini hat mit seinem WM-Sieg den Chaostagen von Stuttgart den passenden Höhepunkt beschert. Ausgerechnet der Italiener, dessen Start die Gerichte beschäftigt hatte, gewann das Straßenrennen.

          Wer wollte, konnte sich ohne weiteres in Partystimmung versetzen lassen am Sonntag. In Botnang zum Beispiel, wo eine holländische Musikkapelle den Zuhörern kräftig den Marsch blies. Die „Stimmungskanonen“ waren auch schon am Killesberg aufgetreten, gleichsam im Zentrum der Rad-Weltmeisterschaften. Aber natürlich konnten auch durch sie all die Misstöne nicht überlagert werden, die die Stuttgarter Woche beeinträchtigten - vom Anfang bis zum Ende. Der Radsport, der von der Dopingproblematik überschattet wird und offensichtlich unter einer Führungsschwäche leidet, erlebte einen Tiefschlag mit Pauken und Trompeten. Natürlich gab es glückliche Sieger wie Paolo Bettini, der am Sonntag wie im Vorjahr das Regenbogentrikot überstreifte. Der Italiener, um den es in Stuttgart viel Wirbel gegeben hatte, gewann im Spurt vor dem Russen Alexander Kolobnew und Stefan Schumacher.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber letztlich stand der Radsport doch auch wie ein Verlierer da. Auch wenn Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), selbstredend anders urteilte. Er will in den vergangenen Tagen eindeutige Indizien dafür ausgemacht haben, „dass der Radsport stärker ist als seine Gegner“. Scharping konnte dies vermeintlich durch die Begeisterung der Zuschauer und die Leistungen der Rennfahrer belegen.

          Bettini-Anwalt droht mit Klage

          Mancher schien den Schlusspunkt der WM seit Tagen herbeizusehnen - so verlautete beispielsweise aus dem Stuttgarter Rathaus: „Der Montag ist ein schöner Tag.“ Aber das Championat, das sich als eine Groteske darstellte, lässt sich nicht einfach abhaken, es wird ein Nachspiel haben. Nicht nur wegen der Ankündigung der Stadt Stuttgart, Zahlungen in Höhe von 675.000 Euro an den Internationalen Radsportverband (UCI) und den BDR zu verweigern, weil die Schwaben keinen klaren Kurs der Verbände im Kampf gegen Doping zu erkennen glauben.

          Paolo Bettini gewinnt vor Gericht und auf der Straße

          Auch der Streit um Bettini schwelt weiter. Der Italiener hatte am Samstag durch seinen Anwalt mitteilen lassen, dass er wegen Verleumdung klagen will. Er will damit gegen Stuttgart vorgehen, gegen das WM-Organisationskomitee und gegen das ZDF, das am Sonntag auf eine Live-Übertragung verzichtete. Bettini sieht sich diffamiert, der Schaden für ihn sei „ausnehmend hoch“, hieß es. Bettini hatte die Ehrenerklärung der UCI für einen neuen, sauberen Radsport nicht unterschrieben und hätte deshalb nach Auffassung der Stuttgarter am Sonntag nicht in die Pedale treten dürfen. Das ZDF will nachweisen können, dass der Italiener seinem deutschen Kollegen Patrik Sinkewitz Dopingmittel besorgt habe. „Wir warten das mit großer Gelassenheit ab“, sagte die Stuttgarter Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann.

          Schumacher lässt sich nicht irritieren

          Auf alle Fälle hatten sich die Konflikte bei der WM vor dem vermeintlichen Höhepunkt noch einmal verschärft - die Stimmung war mithin weiterhin sehr frostig, als das Peloton am Sonntag vormittag den schwierigen, fast 270 Kilometer langen Kurs in Angriff nahm. Mit Bettini, der sich erst einmal gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte wie der Spanier Alejandro Valverde, der in den Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt sein soll und sich seine Zulassung zur WM vor dem Internationalen Sportgerichtshof erstritten hatte.

          Italiener und Spanier vor allem waren von den deutschen Profis als sehr gefährliche Rivalen eingestuft worden - allerdings hatte sich das deutsche Team, scheinbar unbeeindruckt von den Turbulenzen, sehr selbstbewusst präsentiert. „Wir sind eine Top-Nation“, behauptete der Nürtinger Schumacher, der bei seinem „Heimspiel“ eine glänzende Figur abgab und sich angeblich auch nicht durch die Chaostage hatte irritieren lassen. „Die Chance kommt für mich nur einmal“, sagte er.

          Die Ausgrenzung misslang

          Verdrängen also lautete die Devise - so stellten sich die Deutschen der kräftezehrenden Prüfung an einem sonnigen Herbsttag. Immerhin mussten die Profis auf schwäbischem Terrain fast 5.700 Höhenmeter bewältigen. Das deutsche Team, geführt von den sportlichen Leitern Hans-Michael Holczer und Jan Schaffrath, zeigte sich zunächst sehr aufmerksam. Schumacher und seine Mitstreiter hatten die Kontrolle über das Geschehen. Vor der letzten Runde ergriffen zwei Profis, der Italiener Davide Rebellin und der Russe Kolobnew, die Flucht - und so waren auch die Deutschen zur Verfolgung gezwungen. Rebellin und Kolobnew wurden eingeholt, danach bildete sich eine kleine Spitzengruppe mit Schumacher - er musste sich aber im Sprint geschlagen geben.

          So muss Deutschland weiter auf seinen dritten Straßen-Weltmeister warten. Bisher hatten diesen Titel nur Heinz Müller im Jahr 1952 und Rudi Altig 1966 errungen. Altig ist immer noch sehr präsent im deutschen Radsport, nach Stuttgart allerdings war er nicht gekommen. Aus Verärgerung darüber, dass er den WM-Machern nicht willkommen war. In wirklich bedeutenden Fällen aber misslang die Ausgrenzung in Stuttgart - und nicht zuletzt deshalb scheiterte der Versuch eines Neuanfangs im Radsport.

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