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John Degenkolb : Das zerbrechliche Glück eines Radprofis

  • -Aktualisiert am

Warten auf gute Besserung: John Degenkolb (Bild von Anfang 2016). Bild: Picture-Alliance

2015 gewann John Degenkolb die Radsport-Klassiker Paris–Roubaix und Mailand–San Remo. In diesem Jahr sollte es so weitergehen. Doch nach einem schweren Unfall liegt er weiter im Krankenhaus.

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          Es ist der Albtraum eines jeden Rennradfahrers, egal ob Profi oder Amateur. Fahrt auf einer leicht abschüssigen Landstraße mit einer Geschwindigkeit von etwa 35 Kilometer pro Stunde, und plötzlich kommt hinter einer Kurve ein Auto auf der falschen Straßenseite frontal entgegen.

          Die sieben Radprofis des deutschen Teams Giant-Alpecin, auf der Rückfahrt zum Teamhotel an der spanischen Ostküste zwischen Valencia und Alicante, hätten noch geschrien und in Panik versucht, auszuweichen. Es sei aber alles zu schnell gegangen, um den heftigen Zusammenstoß zu vermeiden. Die Profis waren in drei Reihen zu zweit nebeneinander hergefahren. Nur der Däne Søren Kragh Andersen, der sich an der hintersten Position der Gruppe aufhielt, konnte dem Unfall entgehen.

          Der deutsche Teamkapitän John Degenkolb fuhr zwar nicht in der ersten Reihe, als eine 73-jährige britische Touristin ihren Geländewagen auf die falsche Straßenseite lenkte, wurde aber wie fünf seiner Kollegen auch erheblich verletzt. „Alle sechs Fahrer haben Glück gehabt, dass sie mit dem Leben davongekommen sind und auch nicht im Rollstuhl werden sitzen müssen“, sagt Jörg Werner, der Manager der drei erfolgreichsten deutschen Radprofis Degenkolb, Tony Martin und Marcel Kittel.

          Der 27 Jahre alte Degenkolb war wenige Tage zuvor noch am Ort seines bisher größten Triumphs gewesen: Roubaix. Um zu trainieren und um feierlich sein Namensschild in den Duschen des Velodroms anzubringen, einem an Legenden besonders reichen Ort der Radsportwelt.

          „Es ist noch nicht abzusehen, wie lange es dauern wird“

          Im vergangenen Jahr hatte der Frankfurter den Klassiker Paris–Roubaix als erster Deutscher nach 119 Jahren gewonnen. Ob er seinen Titel am 10. April wird verteidigen können beziehungsweise dann überhaupt schon wieder im Sattel sitzt, ist ungewiss. „Es ist noch nicht abzusehen, wie lange es dauern wird und wohin die Reise geht“, sagt Werner zehn Tage nach dem Unfall.

          Noch liegt der deutsche Radstar in einem Hamburger Krankenhaus. Seine Wunden an Oberschenkel, Unterarm und Lippe mussten unter Vollnarkose genäht werden, sein gebrochener Unterarm wurde mit einer Platte fixiert. Am meisten Sorgen scheint sein linker Zeigefinger zu bereiten, dessen Kuppe nach dem Unfall „nur noch am letzten Zipfel hing“, wie Degenkolb auf seiner Homepage schrieb.

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          Der in Gera geborene und in Franken aufgewachsene Profi wolle „sehr schnell zurückkehren“, berichtet Manager Werner. „Es gehört aber jetzt Geduld dazu, und das weiß John auch.“ Er sei in einem Alter, in dem er noch viel erreichen könne. „Danke vor allem an meine Familie, meine Freunde und für die tausenden aufbauenden Nachrichten von meinen Fans. Ihr gebt mir Kraft“, schrieb Degenkolb weiter.

          Die Klassikersaison ist für den tempoharten Spezialisten für Eintagesrennen nicht erst seit seinen großen Erfolgen im Vorjahr die wichtigste Zeit des Radsportjahres. Degenkolbs Vorbereitung war komplett ausgerichtet auf die im Frühjahr anstehenden sogenannten Monumente des Radsports.

          „Wir drehten immer recht unbekümmert unsere Trainingsrunden“

          Auch zum Saisonstart bei Mailand–San Remo würde Degenkolb als Vorjahressieger besonders im Blickpunkt stehen. Dass er indes schon am 19. März für ein Rennen über 296 Kilometer bereit wäre, gilt als unwahrscheinlich. „Es ist noch spekulativ, ob er die Klassiker fahren kann oder nicht“, sagt der Teamchef der Giant-Alpecin-Equipe, Iwan Spekenbrink, am Montag. „Die Frage wird auch sein, auf welchem Niveau er für seine Verhältnisse zurück sein kann.“

          Dass die Radprofis einen Rennsport ohne Knautschzone betreiben, ist auch Tim Böhme am Beispiel von Degenkolbs Pech wieder besonders vor Augen geführt worden. Böhme ist deutscher Mountainbike-Meister und absolviert seine Rennradeinheiten im Frankfurter Umland häufig gemeinsam mit Degenkolb. „Wir drehten immer recht unbekümmert unsere Trainingsrunden“, sagt Böhme. „Es ist wahnsinnig bitter, wie zerbrechlich das Glück als Radprofi sein kann.“

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