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Rad : "Neoprofi" Ullrich kommt allmählich in Tritt

Überraschend Sieger der Deutschland-Tour: Michael Rogers Bild: AP

Selbst ein Kämpe wie Udo Bölts war ein wenig überrascht. Michael Rogers? „Den habe ich gar nicht so gekannt", räumte der Pfälzer ein. Jetzt weiß auch er mit dem Namen Rogers etwas anzufangen. Schließlich gewann der Australier das Zeitfahren und die Deutschland-Tour.

          Selbst ein Kämpe wie Udo Bölts war ein wenig überrascht. Michael Rogers? "Den habe ich gar nicht so gekannt", räumte der Pfälzer ein. Jetzt weiß auch er mit dem Namen Rogers etwas anzufangen. Schließlich lieferte der Australier nun auf deutschem Boden den Beweis, ein Radprofi mit bemerkenswerten Qualitäten zu sein: Rogers, der beim belgischen Rennstall Quick Step unter Vertrag steht und in Italien lebt, wurde am Montag Sieger der Deutschland-Tour und damit Nachfolger des Spaniers Igor Gonzales de Galdeano. Die letzte, von Bad Dürkheim nach Saarbrücken führende Etappe gewann im Spurt Olaf Pollack vom Team Gerolsteiner vor Erik Zabel und Rogers Landsmann Stuart O'Grady.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Den Grundstein für seinen Erfolg hatte der wortkarge Rogers, der am liebsten "meine Beine sprechen" läßt, am Sonntag beim 40,7 Kilometer langen Einzelzeitfahren von Maulbronn nach Bretten gelegt. Er war dabei der Schnellste vor Jan Ullrich und Alexander Winokurow vom Team Telekom; der Deutsche, Fünfter der Rundfahrt, und der Kasache hatten mehr als eine Minute Rückstand. Es war allerdings nicht nur der Tag von Rogers, sondern auch ein Tag der Mißgeschicke, und am schlimmsten erwischte es Galdeano.

          Drei Kilometer vor dem Ziel stürzte der Spanier, der tags zuvor auf dem Feldberg mit dem Team Once noch eine beeindruckende Vorstellung geliefert hatte, schwer. Galdeano, der sich Hoffnungen auf eine Wiederholung seines Coups vom Vorjahr hatten machen können, prallte gegen den Fuß eines Absperrgitters und zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu. Pech hatten am Sonntag aber auch andere Profis. Winokurow nahm auf den letzten Metern eine falsche Ausfahrt; er mußte umkehren und büßte dadurch einige Sekunden ein. Uwe Peschel, Kollege von Bölts beim Team Gerolsteiner, kam in der letzten Kurve zu Fall; er wurde immerhin noch Fünfter. Ullrich hatte am Vormittag die gesamte Strecke zur Probe auf dem Rad zurückgelegt und bei diesem Test "einige gefährliche Kurven" ausgemacht.

          In die Bredouille kam er nicht - er fühlte sich schließlich sogar als Zweiter "richtig happy" und überhaupt nicht "kaputt". Der Star des Teams Bianchi, der sich beim Anstieg zum 1280 Meter Feldberg noch der Dominanz des Teams Once hatte beugen müssen, glaubt festgestellt zu haben, daß seine Verfassung immer besser werde. "Der flüssige Tritt kommt langsam wieder", behauptete Ullrich. Anerkennend registrierte auch die Konkurrenz die Konstitution Ullrichs. "Der ist schon fit", sagte Bölts, einst beim Team Telekom einer der treuesten Gefährten des Rostockers und am Montag einer der gefeierten Männer bei der Deutschland-Tour. Das Peloton gestattete Bölts, als es durch seinen Heimatort Heltersberg ging, ein Solo an der Spitze des Feldes - Bölts nahm sich die Zeit, kurz anzuhalten und seine Frau zu küssen.

          Zu Beginn des Zeitfahrens hatte sich Ullrich, wie er zugab, noch ein bißchen schwergetan. Er brauchte zehn, 15 Kilometer, um seinen Rhythmus zu finden, danach sei er "am Anschlag" gefahren. Aber vielleicht hatte Ullrich dabei auch ein bißchen geflunkert. Schließlich wies er am Sonntag auch darauf hin, daß Rennfahrer vor einer schweren Prüfung wie der Tour de France sich doch noch eine gewisse Zurückhaltung auferlegten. "Man zeigt die Form nicht immer."

          Sein Auftritt in Deutschland, dem bald schon der bei der Tour de Suisse folgen wird, machte Ullrich auf alle Fälle Mut für die Tour de France im Juli. Zwar kann er sich noch nicht wieder als ernsthafter Herausforderer des Amerikaners Lance Armstrong betrachten, einen gewissen Traum scheint er dennoch zu hegen. "Der zweite Platz", sagte Ullrich in Pforzheim, "wäre gigantisch." Dabei möchte er bei der Frankreich-Rundfahrt, die in diesem Jahr hundert Jahre alt wird, möglichst "eine schöne Etappe" für sich entscheiden.

          Jene Fahrer, mit denen das Team Bianchi in Deutschland gestartet war, sollen Ullrich auch beim Sommer-Spektakel des Radsports in Frankreich begleiten. Ullrich beteuerte, daß alle willig seien, obwohl beispielsweise der hoch eingestufte Spanier Angel Casero bisher kaum auf sich aufmerksam machte. Ullrich ist dennoch davon überzeugt, daß im Team Bianchi ein "Riesenpotential" steckt. Es wird vielleicht sogar kurzfristig ergänzt, jedoch wohl kaum mit dem Italiener Marco Pantani, dessen Management eine Anfrage an Rudy Pevenage gerichtet hatte, den Sportlichen Leiter des Team Bianchi. "Wir haben Kapitäne ohne Ende", sagte Ullrich salopp, "das würde wahrscheinlich nicht so gut passen." Es könnte auch die neu entflammte Freude Ullrichs am Sport beeinträchtigen. Er verspüre keinerlei Druck, erzählte er, "ich bin froh, wenn ich jeden Tag aufs Rad steigen kann". Der Zustand erinnert Ullrich an die Anfänge der Karriere. Er komme sich vor, sagte er, als "wenn ich so ein Neoprofi wäre".

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