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Rad : Jan Ullrich stößt an seine Grenzen

Rückschlag beim Härtetest: Jan Ullrich Bild: dpa/dpaweb

Auf dem Weg hinauf zum Feldberg verlassen den Radstar die Kräfte: Nur 18. Platz für Jan Ullrich auf der Königsetappe der Deutschland-Tour.

          Ach, der Feldberg. Friedlich grasen Schafe, Wanderer machen sich morgens mit Teleskopstöcken auf den Weg, ein Pfingstausflug auf Schusters Rappen. Das gehfreudige Völkchen erreicht wenigstens den Gipfel. Er liegt auf 1493 Meter Höhe. Die Radprofis müssen am Samstag nicht so hoch hinaus, ihr Ziel liegt bei 1280 Metern, gleich in der Nähe des Hauses der Natur. Es ist die sogenannte Königsetappe der Deutschland-Rundfahrt, 191 Kilometer lang, Start in Ravensburg. "Alle werden leiden müssen", hatte Erik Zabel prophezeit, der Sprinter vom Team Telekom. Immerhin wurden die Erhebungen im Schwarzwald als Berge der ersten Kategorie klassifiziert. Dort also hatte Jan Ullrich eine Art Zeichen setzen wollen, eine erste wirkliche Standortbestimmung sollte es werden für den Rostocker und seine Mannschaft - doch schließlich zählte Ullrich als Achtzehnter zu den Geschlagenen.
          Er hatte schließlich mehr als eine Minute und zwanzig Sekunden Rückstand auf den portugiesischen Sieger Jose Azevedo vom überragenden Team Once, das auch die folgenden drei Plätze belegte: durch Igor Gonzales de Galdeano, durch Isidro Nozal Vega und durch Jörg Jaksche. Azevedo trägt nun auch das Weiße Trikot des Spitzenreiters. Jaksche durfte sich das Bergtrikot überstreifen. "Die Rundfahrt ist relativ entschieden", sagte Jaksche nach der beeindruckenden Vorstellung seines Teams. Die Tour endet am Montag in Saarbrücken.
          Ullrich mußte am Samstag erkennen, daß er nach seiner Zwangspause von mehr als einem Jahr doch noch ein gutes Stück entfernt ist von einer erstklassigen Verfassung. Er räumte nach der Etappe zwar ein, sich ein bißchen mehr erwartet zu haben - doch trotzig behauptete er auch, auf dem "aufsteigenden Ast" zu sein.
          Drei Ausreißer, der Tscheche Jan Hruska, der Norweger Kurt-Asle Arvesen und der Niederländer Bram Schmitz, hatten sich am Samstag bereits nach wenigen Kilometern auf und davon gemacht. Als ihr Vorsprung auf zwölf Minuten angewachsen war, gab Rudy Pevenage, Sportlicher Leiter beim Team Bianchi, das Signal zur Verfolgung. Sonst, erläuterte der Belgier, hätte die Gefahr bestanden, daß die Enteilten nicht mehr eingeholt hätten werden können. Und so setzten sich Ullrich und fast alle seiner Gefährten an die Spitze des Pelotons und machten mächtig Tempo - erstmals schien sich das Team Bianchi bei der Deutschland-Tour als eine Einheit zu präsentieren. Das Gebot der Stunde für Ullrich, den Sieger der Tour de France von 1997, stand sogar in dicken Lettern auf dem Asphalt: "Ulle", hieß es, "laß die Socken qualmen." Die Situation war sehr angenehm für andere Rennställe, auch für das Team Telekom und das Team Gerolsteiner, die sich gewissermaßen von Ullrich und seinen Mitstreitern erst einmal "ziehen" lassen konnten. Und plötzlich - im Schwarzwälder Regen - griffen sie an: das Team Gerolsteiner mit dem Österreicher Rene Haselbacher, das Team Telekom mit dem Kolumbianer Santiago Botero und das Team Once mit Jaksche. Sie wurden begleitet von dem Slowenen Gorazd Stangelj. Botero konnte in dieser kleinen Gruppe zwar nur kurz mithalten, aber als der Südamerikaner zurückfiel, war sofort ein anderer Rennfahrer vom Team Telekom zur Stelle: Matthias Kessler, der seinen Vertrag bei der Bonner Equipe in diesen Tagen um zwei Jahre verlängerte, spurtete los und ersetzte Botero.
          Der Druck auf das Team Bianchi sollte damit erhöht werden. Vor allem das Team Once und auch das Team Telekom ließen deswegen weitere Pedaleure attackieren. Als der Anstieg zum Feldberg begann, als viele Hoffnungen wieder zerstört waren, letztlich auch die des Teams Telekoms und des Teams Gerolsteiner, lag ein Deutscher alleine in Führung: der Franke Jaksche. Im Feld leistete das Team Bianchi weiter unverdrossen Führungsarbeit. Allerdings war dies nur noch ein Fall für zwei: für den Spanier Aitor Garmendia und für Ullrich. Aus ihrem Windschatten traten wenige Kilometer vor dem Ziel zwei weitere Profis des Teams Once heraus, de Galdeano und Azevedo - und kurz nach dieser neuen Offensive verließen Ullrich die Kräfte. Der Rostocker, gezeichnet von den Strapazen des Tages, erlitt einen kleinen Einbruch und büßte Meter um Meter ein. Er stieß im Schwarzwald, obwohl er sich mühte, an Grenzen - vier Wochen vor der Tour de France.



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