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Rad : Erfolge sollen Doping vergessen machen

  • -Aktualisiert am

Gab Doping zu und geht in Ruhestand: Richard Virenque Bild: EPA

Es war eine Radsaison mit mehr Doping-Skandalen als Triumphen. Phonak-Teamchef Andreas Rihs meint aber, eine Dopingaffäre schade der Popularität nicht. „Die Leute wollen Spektakel, Helden, Gewinner.“ Erfolge machen Doping vergessen.

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          Wenn die Blätter fallen und die Nebel steigen, legen die Helden der Landstraße, wie die Radprofis genannt werden, die müden Beine hoch. Die Aktivitäten überlassen sie den Managern - und den Dopingfahndern. Der November ist der Monat der letzten Wechsel und der ersten Planungen für die neue Saison, die mit der ProTour anstelle des Weltpokals 2005 einen neuen Wettbewerbsmodus erhalten wird.

          Änderungen gibt es auch im Peloton. Die amerikanische Post beendet ihr Sponsoring nach neun Jahren mit sechs Toursiegen von Lance Armstrong. Statt für US Postal Service wird der Amerikaner mit seinem Team für den Fernsehsender "Discovery Channel" antreten. Noch ist fraglich, ob er das auch bei der Tour tun wird. "Eine Tour ohne Armstrong?" fragte besorgt die französische Sportzeitung L'Equipe. Das Fehlen des Superstars bei der Präsentation in Paris und die Äußerung seines Sportlichen Leiters Johan Bruyneel, die Chancen stünden 50:50, diktierten die Schlagzeile.

          Geldnöte wie überall

          In Italien fusionieren - der wirtschaftlichen Lage gehorchend - die Teams Lampre und Saeco. Die Mannschaft wird angeführt von dem 23 Jahre alten Senkrechtstarter, Giro-Sieger und Weltranglistenersten Damiano Cunego. Wie schwer es heute ist, trotz großer Erfolge Geldgeber zu finden, hat die dänische Mannschaft CSC gerade erst erfahren. Trotz des dritten Platzes von Ivan Basso bei der Tour hat sich kein zweiter Sponsor gefunden. Teambesitzer Bjarne Riis muß daher aus finanziellen Gründen den Franken Jörg Jaksche nach Spanien zu Liberty Seguros und den Dänen Frank Hoj nach Deutschland zu Gerolsteiner ziehen lassen. Gerolsteiner hat damit, nach dem amerikanischen Tour-Neunten Levi Leipheimer (von Rabobank), die zweite Verstärkung gewinnen können.

          Bei T-Mobile gelang es der künftigen Doppelspitze Walter Godefroot/Olaf Ludwig, den umworbenen Tour-Zweiten Andreas Klöden an der Seite Jan Ullrichs zu halten. Wichtigste Zugänge sind die Spanier Oscar Sevilla und Francisco Lara. Der Abschied von Paolo Savoldelli (zu Armstrong), Mario Aerts und Cadel Evans (beide nach Belgien zu Lotto) sowie von Santiago Botero erleichtern das Team auf der Kostenseite. Vor allem der Kolumbianer Botero, der als Zeitfahrweltmeister, erster Armstrong-Bezwinger in einem Zeitfahren, Bergetappensieger und Vierter der Tour die Lücke schließen sollte, die Ullrich 2003 hinterlassen hatte, radelte zwei Jahre lang im Zustand eines ausgelaugten Domestiken durch die Gegend.

          Fall Hamilton ungewöhnlich

          Über die Gründe für Boteros Leistungsabsturz darf spekuliert werden. Im Team des Schweizer Hörgeräteherstellers Phonak könnte er zu früherer Form zurückfinden. Dessen Spitzenfahrer Tyler Hamilton, Olympiasieger im Zeitfahren, wurde als erstem Athleten Doping mit Fremdblut nachgewiesen. Bei der Spanien-Rundfahrt war der Test einwandfrei. Bei den Olympischen Spielen in Athen war Hamilton ebenfalls in Verdacht geraten. Doch weil die B-Probe durch Einfrieren unbrauchbar geworden war, darf der Amerikaner seine Goldmedaille behalten. Teamchef Andreas Rihs meint, eine Dopingaffäre schade der Popularität nicht. "Die Leute wollen Spektakel, Helden, Gewinner. Was im Hintergrund abläuft, ist ihnen gleich."

          Der 61 Jahre alte Schweizer läßt seinen erwischten Star, dem eine zweijährige Sperre und damit im Alter von 33 Jahren das Ende der Karriere droht, nicht fallen, sondern ficht den positiven Dopingbefund an. Fünf Wissenschaftler hat er beauftragt, die Unzuverlässigkeit der Testmethode zu belegen. Positiv auf Blutdoping getestet worden ist auch der Spanier Santiago Perez, Zweiter der Vuelta - der fünfte Dopingfall bei den Rihs-Rennern in zwei Jahren. Im Sommer hatte der einstige Weltmeister Oscar Camenzind, nach positiver Probe, die Einnahme von Epo gestanden und war zurückgetreten. Der Boß aber läßt sich nicht abschrecken. Wenn nicht Hamilton, dann wird eben dessen Landsmann Floyd Landis Kapitän. Der bärenstarke Helfer von Lance Armstrong wechselt zusammen mit Hugo Pena von US Postal zu Phonak. Rihs verspricht: "Das Team wird überleben."

          Dopingsünder gehen einfach in den Ruhestand

          Wie die französische Equipe Cofidis. Sie hatte sich wegen umfangreicher Dopingermittlungen im April vorübergehend vom Renngeschehen zurückgezogen. Das Epo-Geständnis des Zeitfahrweltmeisters von 2003, David Millar, gegenüber einer französischen Ermittlungsrichterin sowie die Aberkennung seines Titels und eine Sperre für zwei Jahre bewogen den Sponsor nicht zum Ausstieg. Die Cofidis-Chefs fanden sich vielmehr durch zwei Etappensiege bei der Tour, von Stuart O'Grady und David Moncoutie nach einem telegenen Solo, bestätigt: Erfolge machen Doping vergessen. Schwamm drüber.

          Wer wüßte das besser als Richard Virenque, Alex Zülle und Johan Museeuw? Die Radheroen und Dopingsünder werden nächstes Jahr nicht mehr in die Pedale treten. Sie haben sich in den Ruhestand verabschiedet. Die Radsportfans dürften die drei wegen ihrer Siege, weniger wegen der Sünden in Erinnerung behalten - Virenque als Bergkönig der Tour de France im rotgepunkteten Trikot und nicht als Angeklagten des Festina-Skandals im Gerichtssaal von Lille. Wenn die Räder der Straßenprofis wieder rollen, wird ein anderer Altstar - ohne Dopingvergangenheit - noch immer mitsprinten: Mario Cipollini, 37 Jahre alt.

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