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Sergej Karjakin : Der Putin-Freund ist am Zug

  • -Aktualisiert am

Sergej Karjakin spielt gegen Magnus Carlsen um den Titel. Chancen werden ihm nicht eingeräumt. Bild: dpa

Sergej Karjakin profitiert von Russland und unterstützt die Annexion der Krim. Gegen Schach-Weltmeister Carlsen soll er nun den Titel holen.

          Am Vormittag nach seinem wichtigsten Sieg ist Sergej Karjakin so unausgeschafen wie lange nicht. Vielleicht hat er das Kandidatenturnier auch deshalb gewonnen, weil er vor jeder der 14 Partien mindestens neun Stunden wie ein Baby schlief. Erst nach den ersten Interviews, den Gratulationen, dem Champagner hinderten ihn die Emotionen am Einschlafen. Und er wachte viel zu früh wieder auf, wie er lachend erzählt.

          Moskau ist zwar seit 2009 sein Zuhause, doch während des fast dreiwöchigen Wettkampfes hat er sich in einem Hotel einquartiert, um mit seinen Trainern arbeiten und ungestört schlafen zu können. Im November ist Karjakin Vater geworden. Seine Frau und seinen Sohn hat er seit einer Woche nicht gesehen. Ein kleiner Preis für das große Ziel, das er vor Augen hat, seit er mit sechs erfuhr, dass es einen Schachweltmeister gibt, und beschlossen hat, eines Tages dieser Weltmeister zu sein. Zwanzig Jahre später ist er diesem Ziel ein großes Stück näher gekommen. Im November bekommt er seine Chance gegen Weltmeister Magnus Carlsen. Beide sind Jahrgang 1990. Karjakin ist zehn Monate älter. Schachprofi ist er praktisch seit seinem neunten Lebensjahr. Er wurde von der Schulpflicht befreit und musste nur noch Prüfungen ablegen.

          Damals zogen seine Eltern mit ihm für drei Jahre von Simferopol auf der Krim nach Kramatorsk. In der dortigen Schachschule ist Karjakin in Rekordzeit zum Großmeister gereift. Mit zwölf Jahren und sieben Monaten wurde er der jüngste Großmeister überhaupt. Carlsen war neun Monate älter. Von da an aber verlief die Entwicklung des Norwegers steiler. Mit 19 führte er die Weltrangliste an, kurz vor seinem 23. Geburtstag wurde er Weltmeister.

          Für Carlsens Vorsprung hat Karjakin eine Erklärung: „Er hatte alle Unterstützung in Norwegen. Ich hatte von zwölf bis neunzehn praktisch keine Unterstützung.“ Das habe sich erst geändert, als er nach Moskau zog. Der russische Schachverband hatte mit einem Stipendium und Trainern gelockt. Unter dem Motto „die Schachweltmeisterschaft nach Russland zurückholen“ fanden sich Sponsoren. Dass mit ihm zu rechnen war, zeigte Karjakin 2014, als er trotz zweier frühen Niederlagen das Kandidatenturnier als Zweiter beendete. Doch 2015 fiel er aus den Top Ten der Weltrangliste heraus. Sein einzig gutes Resultat war der Weltcup, den er mit einer Mischung aus Nervenstärke und Glück gewann. Wenigstens durfte er wieder um den Einzug ins WM-Finale kämpfen.

          Titelverteidiger Magnus Carlsen

          Das Kandidatenturnier in Moskau begann für ihn optimal: In der zweiten Runde nutzte er einen Rechenfehler von Hikaru Nakamura. Als Schlüsselpartie nennt Karjakin seinen zweiten Sieg in Runde vier gegen Viswanathan Anand. Sein Plan, den früheren Weltmeister scharf anzugehen, ohne in dessen Vorbereitung zu laufen, ging auf. Es war das erste Mal, dass er den Inder besiegen konnte. Seinem Selbstvertrauen tat es gut.

          Mit Ausnahme des Rückspiels, in dem er Anands Gewinnchancen in einem Endspiel unterschätzte und von ihm geschlagen wurde, holte Karjakin das Maximum aus seinen Partien: „Wenn ich schlechter stand, habe ich remis gehalten. Wenn ich gut stand, habe ich gewonnen.“ Dass seine Konkurrenten reihenweise Chancen ausließen, sei nur psychologisch zu erklären. „Aronjan zum Beispiel: In jedem Kandidatenturnier startet er gut. Dann fühlt er den Druck und kommt in Schwierigkeiten.“

          Er selbst sei ganz anders, erklärt Karjakin. Je höher die Erwartungen an ihn seien, umso besser werde er. Deshalb spiele er am liebsten in Russland oder für Russland. Er unterstütze Putin und die Annexion der Krim, wo er bei seinen Eltern sein zweites Zuhause hat. Dass seine „ehrliche Meinung“ in der Ukraine verständlicherweise sehr schlecht ankam, bedauert er. Jeder persönliche Groll liege ihm fern.

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          In der Vorbereitung hatte es Karjakin an nichts gefehlt. Mit vier befreundeten Großmeistern bezog er ein Trainingslager in Dubai. Jeden Tag spielten sie dort Beachvolleyball, berichtet Karjakin, „ehrlich gesagt mehr Volleyball als Schach. Wenn draußen die Sonne scheint, kann ich nicht drinnen bleiben. Analysiert haben wir oft erst abends.“ Oft auch nicht so ernsthaft, dafür habe es Spaß gemacht. Dafür sorgte vor allem Schachrijar Mamedscharow, mit dem er nicht nur zahllose Blitzpartien spielte, sondern auch um die Wette so genannte Studien, also komplexe Schachaufgaben, löste. „Schachrijar hat mich dazu gebracht, mehr zu opfern.“ Das habe ihm geholfen, die entscheidenden Züge in der wichtigen letzten Partie gegen Fabiano Caruana zu finden. Etwa einen Bauernzug auf ein Feld, wo er viermal angegriffen und kein einziges Mal verteidigt war, um Platz für seine Figuren zu schaffen. Dagegen war das spätere Turmopfer, das Caruanas Stellung sturmreif machte, nahezu trivial.

          Die meisten Schachfans schätzen Caruanas Chancen gegen Carlsen höher ein. Großmeister tweeteten, Karjakin habe zwar keine Angst vor Carlsen, aber auch nichts, was der Norweger nicht noch besser könne. Ihnen will Karjakin seine Antwort im November auf dem Brett geben. „Ich und meine Trainer müssen erst einmal Carlsens Partien studieren.“ Als mögliche Verstärkung für sein Team nennt er den erfahrenen früheren Weltmeister Wladimir Kramnik, dem er im Kandidatenturnier 2011 selbst als Sekundant beigestanden hatte. Jetzt habe Kramnik ihm telefonisch gratuliert und ihn dabei ermahnt: „Heute darfst du trinken, morgen beginnt die Vorbereitung.“

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