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„Keine Chancengleichheit“ : Prothesenspringer Rehm darf nicht zur EM

Weitspringer Markus Rehm muss bei der Europameisterschaft in Zürich zuschauen. Bild: dpa

Markus Rehm ist zwar deutscher Weitsprungmeister. Aber der Deutsche Leichtathletik-Verband will ihn nicht zur EM mitnehmen. Er glaubt, die Beinprothese sei ein Vorteil für den unterschenkelamputierten Athleten.

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          Sie haben ihn noch einmal als außergewöhnlichen Athleten gewürdigt, haben etwas von gelebter Inklusion erzählt, aber in letzter Konsequenz haben die Cheftrainer und Funktionäre des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) dann doch gegen Markus Rehm entschieden. Der unterschenkelamputierte Paralympics-Sieger im Weitsprung, der mit einer Beinprothese aus Karbon bei den deutschen Meisterschaften in Ulm starten durfte und dort mit einem Sprung von 8,24 Meter überraschend die nicht behinderte Konkurrenz besiegt hatte, darf also nicht zu den Leichtathletik-Europameisterschaften, die vom 12. bis 17. August in Zürich stattfinden. Weil es „deutliche Zweifel“ gebe, „dass Sprünge mit Beinprothese und mit einem natürlichen Sprunggelenk miteinander vergleichbar sind“, wie DLV-Präsident Clemens Prokop es formulierte.

          Die gab es allerdings auch schon vorher. Nur hatte der Verband die hohen Kosten in fünfstelliger Höhe für ein umfassendes Gutachten gescheut. „Das überstieg unsere finanziellen Möglichkeiten“, sagte Prokop. Also stützte sich die Entscheidung auf die Ergebnisse einer biomechanischen Messreihe, die der Olympiastützpunkt Frankfurt/Rhein-Main bei den deutschen Meisterschaften in Ulm gesammelt hatte. Und deren Analyse hätte erhebliche Bedenken an einer Chancengleichheit geweckt. Weil die Trainingswissenschaftler festgestellt hatten, dass es bei Anlauf und Absprung zwischen Prothesenträger Rehm und dem mit 8,20 Meter nahezu gleich weit gesprungenen Christian Reif erhebliche Unterschiede gibt.

          Möglicher Katapulteffekt der Karbon-Feder

          Rehm sei mit 9,73 Metern pro Sekunde deutlich langsamer angelaufen als Reif (10,74), habe aber eine „überdurchschnittlich hohe Vertikalgeschwindigkeit beim Verlassen des Bodens“ gehabt. Dies könnte auf einen möglichen Katapulteffekt der Karbon-Feder der Prothese schließen lassen. Auch der Biomechaniker Professor Veit Wank spricht von zwei völlig unterschiedlichen „Ketten“, was den Ablauf der Sprünge mit Prothese und ohne angeht. Größter Unterschied sei dabei die Stützfunktion der Karbonprothese beim Absprung. Der Wirkungsgrad der Feder liege, was die Weiterleitung der Energie angeht, nicht weit unter 100 Prozent. Ein menschliches Fußgelenk würde einem solchen Druck nicht standhalten. Es muss infolge dessen nachgeben, was einen hohen Energieverlust im Absprung bedeute.

          Sein Rivale Christian Reif hat großen Respekt vor Markus Rehm.

          Rehm habe eine unheimliche Absprung-Effizienz. Wank sprach von einer „völlig anderen Art zu springen“. Zudem sei die technische Entwicklung von Prothesen noch lange nicht ausgereizt und schreite ungleich schneller voran als die Evolution des menschlichen Sprunggelenks. „Wenn man das weiter optimiert, sind irgendwann auch 8,50 Meter möglich“, sagte Wank. Auch das geringere Gewicht einer Prothese könne ein Vorteil sein. Zudem sei die Karbon-Feder von Rehm natürlich ganz auf den Absprung optimiert, weswegen er allerdings Nachteile im Anlauf in Kauf nehmen müsse. In der Summe also ein Ablauf, der sich deutlich von dem nichtbehinderter Springer unterscheide.

          Das kann nicht jeder nachvollziehen. Der Betroffene selbst zum Beispiel: „Ich finde es schade und enttäuschend“, sagte Rehm zu der Entscheidung. Und während man beim DLV noch davon ausging, dass Rehm keine rechtlichen Schritte einleiten werde, klang das aus dem Mund des Athleten am Mittwoch schon etwas anders. „Wenn es eine kluge Entscheidung ist, ist das keine Option. Wenn ich Zweifel an der Begründung habe, werde ich mich beraten“, sagte Rehm der Deutschen Presseagentur. Die biomechanische Analyse allein könne keine Grundlage für seine Nichtberücksichtigung sein: „Das halte ich für schwierig und unseriös“, sagte Rehm.

          Er ist Orthopädiemeister und befindet sich mit seiner Sicht in guter Gesellschaft. Zweifel an einer wissenschaftlich eindeutig belegbaren Entscheidung hatte auch der Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule in Köln geäußert. „Es kann keine datenbasierte und seriöse Beurteilung sein“, sagte Brüggemann. Nach Ansicht des Biomechanikers, der im Fall des beidbeinig amputierten südafrikanischen Läufers Oscar Pistorius Gutachter war, reichten diese Untersuchungen nicht aus.

          Konkurrent Reif: „Du bist ein Gewinner“

          Rehms Konkurrent Christian Reif, der in Ulm knapp geschlagen Zweiter wurde, bedankte sich über Twitter bei Rehm „für dieses hochklassige Duell. Nie zuvor hat es im Weitsprung bei Deutschen Meisterschaften so einen spannenden Zweikampf gegeben.“  Reif schrieb weiter: „An der Weitsprunggrube konnte Dich niemand schlagen und trotzdem wirst Du nicht für die EM nominiert: Weil eilig - aber viel zu spät - ausgewertete Analysen zu dem Ergebnis kommen, dass Du einen Vorteil haben sollst. Vorteil hin oder her. Für mich bist Du dennoch ein Gewinner, denn Du hast allen gezeigt, wozu Sportler mit Behinderung fähig sind!“

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