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Probleme im Wasserball : Kampf auf allen Ebenen

Aufgaben nicht nur im Wasser: die deutschen Wasserball-Spieler um Marko Stamm, hier bei der EM in Ungarn bei der Partie gegen Spanien Bild: dpa

Der deutsche Wasserball kämpft um sein Überleben. Doch bei allen Schwierigkeiten scheinen sich die Spieler und vor allem der Trainer nicht unwohl zu fühlen in ihrer unkomfortablen Zone. Woran liegt das?

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          Wie die Menschheit auf Wasserball gekommen ist? Die charmanteste Legende stammt nicht vom Balkan, sondern von der Insel. Angeblich besuchte eine Gruppe Engländer, erhitzt, verschwitzt nach ihrem Spiel, eine Badehaus. Und tat dort, was alle tun, denen das Planschen zu langweilig ist. Die Herren nahmen einen Ball mit. Schon entstand Handball zur See, etwa um 1874. Bis heute wird eine softe Urform gern gespielt beim Strandurlaub. Die Härte unter der Wasseroberfläche ist dieser Sportart aber in die Wiege gelegt. Ihre Erfinder kamen vom Rugby.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nach vier Goldmedaillen sind die Briten untergegangen. Dann kamen die Deutschen: Olympiasieger 1928, mit einem 5:2 nach Verlängerung gegen die weltbeste Mannschaft, Ungarn. Das Wunder von Bern hatte einen Vorläufer zu Wasser. Dem allerdings die Weltwirtschaftskrise und viel Schlimmeres folgte. Geblieben ist – trotz des Höhenflugs in den achtziger Jahren – der Kampf des deutschen Wasserballs um sein Überleben. An diesem Freitag (13.00 Uhr) geht es bei der Europameisterschaft in Ungarn in der Partie gegen Georgien um Rang neun. Es steht viel auf dem Spiel. Dem Sieger winkt ein Platz im Qualifikationsturnier für die Sommerspiele in Tokio. Eine Teilnahme wäre Gold wert.

          Größerer Zeitplan im Kopf

          „Ich habe die merkwürdige Eigenschaft, dass ich gerne gewinne“, sagt Hagen Stamm, der Bundestrainer, am Telefon. Er kennt das Gefühl. Olympiabronze 1984, zweimal Europameister, WM-Dritter. Stamm gehörte der goldenen Generation an. Jetzt soll er im zweiten Einsatz als Chefcoach den Wiederaufstieg durchsetzen. Gegen die Großmacht Montenegro, 625.000 Einwohner, reicht der gute Wille nicht: 3:10. Stamm hat einen größeren Zeitplan im Kopf, wenn er vom Gewinnen spricht. 2019 gelang mit Rang acht bei der WM in Südkorea die Rückkehr in die „erweiterte Weltspitze“. Aber schon der Ausfall weniger verletzter Spieler wie bei der EM gefährdet den Trend. „Wir haben 20 im Kader, Anwesenheit führt fast zur Nominierung“, sagt Stamm, „den Serben stehen 50 zur Auswahl.“

          Bei der EM alles im Blick: Bundestrainer Hagen Stamm
          Bei der EM alles im Blick: Bundestrainer Hagen Stamm : Bild: dpa

          Der Berliner akzeptierte eine halbe Stelle, ist als Chef eines Unternehmens mit 200 Mitarbeitern wirtschaftlich unabhängig. Und so frei, zu sagen, was er denkt: „Wir haben im Moment die Förderung, die wir brauchen. Aber es wäre gut, wenn es eine kontinuierliche gäbe, unabhängig von den Ergebnissen. Sportarten, die in der Sonne stehen, werden noch Lampen aufgestellt, anderen wird eine Kerze hingestellt ohne Streichhölzer.“ Bund und Deutscher Olympischer Sportbund stützten sich mit ihrem neuen Förderkonzept im Kern auf die Erfolgsaussichten einer Disziplin. In Randsportarten aber hängen diese direkt von jüngeren Erfolgen auf der großen Bühne ab. Olympia ist der Katalysator.

          Rund ein Dutzend „Profis“ in den Sportfördereinrichtungen von Bundeswehr und Bundespolizei ändern wenig an der „semiprofessionellen Situation“. Nur zwei Vereine spielen auf Augenhöhe um die deutsche Meisterschaft, Spandau 04 unter Präsident Stamm gegen Waspo Hannover: „Vier Teams auf hohem Niveau wären ideal“, sagt Stamm. Er ist überzeugt, dass in Westdeutschland und Süddeutschland das Umfeld für eine neue Blüte reicht: „Da müsste mehr kommen.“ Aber der Sogeffekt, schildert der frühere Nationalmannschaftskollege von Stamm, Rainer Hoppe aus Duisburg, hemmt die Entwicklung von Gegengewichten. Weil begabte Spieler ihr Glück in den Hochburgen suchen und gute Trainer folgen. Talente wiederum bremst die Freizügigkeit des europäischen Arbeitsmarktes. Im Basketball hat eine Quotierung funktioniert. Für Wasserball wünscht sich Stamm die italienische Regelung: „Von den sieben Spielern im Wasser müssen immer vier Italiener sein. Das würde helfen.“

          Bei allen Schwierigkeiten scheinen sich die Wasserballer nicht unwohl zu fühlen in ihrer unkomfortablen Zone. Als sei der Kampf auf allen Ebenen Teil des Selbstverständnisses. „Es ist gut, dass Spieler auch intellektuell gefordert werden, weil sie nebenbei einen Beruf lernen müssen“, sagt Stamm, „die verstehen schnell, was sie im Becken umsetzen müssen.“ Männer von gewaltiger Statur, mit im Schnitt 100 Kilogramm und – im Wasser – von einer zupackenden Art, die zwei Badehosen übereinander zur Pflicht gemacht hat. „Wir wollen doch keine Erregung öffentlichen Ärgernisses“, fügt Stamm hinzu. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit aber darf es sein.

          Wasserballer drehen Spiel und hoffen auf Olympia

          Der Tokio-Traum lebt weiter: Die deutschen Wasserballer haben die Europameisterschaft mit einem Sieg beendet und sich den für die Olympia-Chance möglicherweise entscheidenden neunten Platz erkämpft. Die Mannschaft von Bundestrainer Hagen Stamm besiegte Georgien am Freitag in einem Platzierungsspiel in Budapest dank einer deutlichen Steigerung in den letzten beiden Vierteln mit 9:8 (2:3, 0:2, 3:2, 4:1). „Wir können stolz auf uns sein, weil wir gezeigt haben, wie großartig dieses Team ist“, sagte der für Spandau spielende Ben Reibel nach der Aufholjagd. Durch den Erfolg hat die Auswahl des deutschen Schwimmverbands (DSV) nun realistische Chancen auf die WM 2021 im japanischen Fukuoka und gute Aussichten, Ende März an einem Olympia-Qualifikationsturnier in Rotterdam teilnehmen zu dürfen. (dpa)

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