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Heftige Kritik nach Rad-Unfall : „Ich habe nie eine so schmutzige Aktion gesehen“

  • -Aktualisiert am

Am Unfall mit Fabio Jakobsen beteiligt: der Niederländer Dylan Groenewegen Bild: EPA

Im Profi-Radsport herrscht großes Entsetzen über den schweren Unfall von Kattowitz: Vorwürfe werden nicht nur gegen den Verursacher laut, sondern auch gegen den Verband und den Veranstalter.

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          „An Tagen wie diesen“, schrieb der Rennfahrer Thomas de Gendt auf Twitter, „ist das Einzige, was du tun kannst, deine Frau und deine Kinder anzurufen und zu sagen, dass du sie liebst.“ Und dass du lebst. Das Entsetzen ist groß. „Ich war ziemlich lange in diesem Geschäft, und ich bin nicht sicher, jemals einen so fürchterlichen Sturz gesehen zu haben“, schrieb Lance Armstrong. „Meine Gedanken und Gebete gehen an Fabio Jakobsen, halte durch, mein Freund!“ Im Zielsprint der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt am Mittwoch war der 23 Jahre alte niederländische Meister Jakobsen bei Tempo 80 von seinem Landsmann Dylan Groenewegen (Jumbo-Visma) in die Bande gedrängt worden.

          Bei dem unvermeidlichen Sturz erlitt er lebensbedrohliche Verletzungen. Er wurde mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen, mehrere Stunden am Kopf operiert und in ein künstliches Koma versetzt. Rennleiter Czeslaw Lang erklärte nach einem Besuch in der Klinik am Donnerstag, Jakobsens Zustand sei weiterhin ernst, aber stabil. Ein Streckenposten, mit dem Jakobsen zusammenprallte, erlitt schwere Kopfverletzungen. Weitere Fahrer, die zu Boden gingen, kamen mit leichteren Blessuren davon.

          Das Entsetzen über den Crash und Jakobsens schwere Verletzung verwandelte sich schnell in Wut. In Wut auf Dylan Groenewegen, der dafür mit seiner rücksichtslosen Fahrweise verantwortlich ist. Auf den letzten Metern vor der Ziellinie in Kattowitz war der Weltklassesprinter nach rechts ausgeschert, wo Jakobsen um den Sieg kämpfte, und hatte den Landsmann mit einem Rempler in die Bande gedrückt. Jakobsens Kollege vom Team Deceuninck-QuickStep, Remco Evenepoel, schrieb auf Twitter: „Sie müssen ihn lebenslang sperren! Gottverdammt! Schäm dich!!!“ Inzwischen hat der 20 Jahre alte Belgier den Beitrag gelöscht.

          Patrick Lefevere, Manager des Teams, schrieb von einem „kriminellen Akt“, für den Groenewegen ins Gefängnis gehöre: „Ich habe noch nie eine so schmutzige Aktion gesehen.“ Der internationale Radsportverband UCI verurteilte am Mittwoch Groenewegens Aktion scharf. Die Rennkommissare disqualifizierten den Unfallverursacher, der als Erster über die Ziellinie gefahren und dann gestürzt war, und belegten ihn mit einer – symbolischen – Geldstrafe von 500 Schweizer Franken. Über weitere Konsequenzen berät die Disziplinarkommission der UCI. Der Etappensieg wurde Jakobsen zugesprochen.

          Bei der Polen-Rundfahrt schwer verletzt: Fabio Jakobsen, hier im September 2019
          Bei der Polen-Rundfahrt schwer verletzt: Fabio Jakobsen, hier im September 2019 : Bild: dpa

          Marcel Kittel, mit vierzehn Etappensiegen bei der Tour de France einer der herausragenden Sprinter des letzten Jahrzehnts, war nach Ansicht der Bilder aus Kattowitz entsetzt. „Was Groenewegen machte, dass er von der Linie abweicht, ist definitiv irregulär, und der herausgehaltene Ellenbogen am Ende setzt dem ganzen noch einen drauf. Er muss dafür die Verantwortung und die Konsequenzen tragen. Jakobsen kann das nicht mehr aussteuern. Was dann passiert ist, das ist Wahnsinn. Jakobsen knallt voll in die Absperrung, von Tempo 80 auf null innerhalb von drei Metern. Da kann man jetzt nur alle Daumen für ihn drücken und hoffen, dass es für ihn halbwegs glimpflich ausgeht.“

          Nicht nur Groenewegen steht massiv in der Kritik, es sind auch die Streckenplaner der Polen-Rundfahrt und mit ihnen die UCI, die diese Pläne genehmigt. Tempo 80! Ein Sprint bei diesem Tempo ist nur auf einer abschüssigen Zielgeraden wie der in Kattowitz möglich. Der deutsche Profi Simon Geschke (CCC Team) schrieb auf Twitter: „Jedes Jahr derselbe dumme Bergab-Sprint bei der Polen-Rundfahrt. Jedes Jahr frage ich mich, warum die Organisatoren denken, das sei eine gute Idee. Massensprints sind gefährlich genug, man braucht kein Bergab-Finale mit 80 km/h.“ Kittel, der seine Karriere im vergangenen Jahr beendet hat, sieht das genauso. „Ich finde, Geschke hat damit absolut recht. Prinzipiell sollte man es sich nicht so einfach machen und nur auf Groenewegen zeigen. Man muss auch die Streckenführung ganz kritisch beurteilen.“

          Kittel hatte in seinem ersten Profijahr 2011 die dritte Etappe der Polen-Rundfahrt gewonnen, auf genau dieser Zielgeraden. „Das war definitiv schon immer ein Finale, wo alle immer ein bisschen weggeschaut und gehofft haben, dass es gutgeht. Dieses Finale ist spektakulär, aber das darf nicht der Grund sein, dass man so lange wartet, bis etwas passiert. Da muss man mit den Veranstaltern reden, und da darf die UCI nicht nur Sportler sanktionieren, sondern muss auch schauen, wie man das besser macht, im Sinne des Sports und der Sportler. Es ist nicht richtig, dass man nach schweren Stürzen immer zuerst auf angeblich verrückte Fahrer zeigt, die arbeiten auch nur in der Umgebung, die sie vorgesetzt bekommen.“

          Es sind besondere Zeiten, es ist eine besondere Saison in diesem Jahr. Corona hat dafür gesorgt, dass der Rennkalender jetzt erst beginnt. „Die Saison ist extrem verkürzt“, sagt Kittel. „Da will sich jetzt jeder zeigen, da will jeder vorne sein. Das spielt auch ein Rolle, da wird noch mehr um jeden Millimeter gekämpft.“ In dieser Situation sei es besonders wichtig, den Fahrern möglichst sichere Strecken zu bieten.

          Was Groenewegen betrifft, so ist man sich in Sprinterkreisen einig: Der Niederländer trägt die Schuld am Horror-Crash von Kattowitz. Die Regeln sind klar: Der Sprinter muss im Kampf um die besten Plätze seine Linie halten. Das Reglement fordert die Fahrer ausdrücklich auf, „rücksichtsvoll“ zu fahren. Das sei natürlich Wunschdenken bei einem Kampf bei höchster Geschwindigkeit, sagt Kittel. Im Sprint würden alle Fahrer „ein gewisses Risiko“ akzeptieren, auch dass es „etwas rauher“ zugeht. „Aber was am Mittwoch passiert ist, kann man nicht rechtfertigen“, sagt Kittel. „Jeder Fahrer muss bei allem Siegeswillen auch in der heißesten Phase eines Rennens noch so viel Verantwortungsbewusstsein haben, dass er die Gesundheit der anderen respektiert. Das ist am Mittwoch schiefgegangen. Das war extrem gefährlich, das war extrem unsportlich. Das geht nicht.“

          Groenewegen meldete sich am Donnerstagnachmittag via Twitter zu Wort: „Ich finde es schrecklich, was gestern passiert ist“, schrieb er. „Ich kann nicht beschreiben, wie schlecht ich mich für Fabio und alle anderen, die stürzten oder getroffen wurden, fühle. Fabios Gesundheit ist im Moment das Allerwichtigste. Ich denke jeden Moment an ihn.“

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