https://www.faz.net/-gtl-6wzhj

Philipp Kohlschreiber : „Bereiter als je zuvor“

Kohlschreiber ist wieder beim alten Trainer: „Ich weiß, was mir nicht gut tut, und ich weiß, was ich brauche“ Bild: REUTERS

Der deutsche Tennisprofi Philipp Kohlschreiber steht nach einer langen Zeit der Krise im Achtelfinale der Australian Open. Sein Erfolgsrezept: Die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln.

          3 Min.

          Das Gute an einem Tiefpunkt in der Karriere ist ja, dass es danach nur noch bergauf gehen kann. Für Philipp Kohlschreiber war dieser Moment bei den US Open im vergangenen Jahr erreicht, denn nach dem Erstrundenaus hatte endgültig festgestanden, dass diese Saison nicht mehr zu retten war. Nur ein einziges Spiel auf Grand-Slam-Ebene hat der Augsburger 2011 gewonnen, und selbst das nur mit viel Glück bei den Australian Open gegen seinen Landsmann Tobias Kamke. Die ambitionierten Ziele, mit dem ehemaligen Murray-Trainer Miles Maclagan endlich den Sprung unter die besten zwanzig Spieler der Welt zu schaffen, waren in New York längst zur Makulatur geworden.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          „Ich weiß, was mir nicht gut tut, und ich weiß, was ich brauche“, sagte Kohlschreiber und kehrte dorthin zurück, wo er einst groß geworden war - an die Tennisbase in Oberhaching, zurück zu seinem alten Trainer Stephan Eriksson, der ihn schon in Jugendzeiten betreut hatte. Manchmal also muss man gar nicht in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah ist, manchmal muss man allerdings auch erst die Welt kennen lernen, um die Heimat schätzen zu können. Zu seinen Wurzeln als Tennisprofi zurückzukehren, hat Kohlschreiber offenbar gut getan. Am Freitag erreichte er nach dem 6:3, 6:2 und 7:6 über den Kolumbianer Alejandro Falla zum dritten Male das Achtelfinale der Australian Open.

          Vielversprechende Karriere

          Hätte es diese Situation nicht schon häufiger in den vergangenen Jahren gegeben, dann läge die Versuchung nahe, das aktuelle Leistungsvermögen des Augsburgers zu überschätzen. Denn Kohlschreibers Karriere hat schon immer mehr versprochen, als dann tatsächlich eingetreten ist. Er hat begeisternde Partien im Davis-Pokal abgeliefert. Er hat sensationelle Spiele wie bei jenem Drittrundensieg bei den Australian Open 2008 über den Amerikaner Andy Roddick gezeigt. Er hat häufig davon geredet, dass er keinen Grund sähe, warum er es nicht in den erlauchten Kreis der Top Ten schaffen sollte - allein der Konjunktiv macht deutlich, dass es dann immer anders kam.

          Vielleicht stand er sich ja auch immer selbst ein wenig im Weg, und so ganz auszuschließen ist es nicht, dass dort auch nun wieder der größte Gegner lauert. „Man sollte ihn nicht daran messen, was er früher mal so gesagt hat. Jeder schießt mal über das Ziel hinaus“, sagt der deutsche Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen. „Er spielt jetzt wieder das, was er kann, was ihn stark macht. Und so hat er ja auch oft im Davis-Cup gegen viel höher eingeschätzte Gegner brilliert.“

          Die Ästheten sind verzückt

          An diesen guten Tagen hat es immer Spaß gemacht, Kohlschreiber auf dem Platz zuzusehen. Überhaupt wird er in der Branche hoch eingeschätzt - gäbe es eine eigene Rangliste für die am meisten unterbewerteten Spieler, würde er eine vordere Position einnehmen. Ähnlich wie Nadal kann Kohlschreiber dem Ball nämlich einen gefährlichen Topspin mitgeben, dazu spielt er diese wunderbar anzusehende einhändige Rückhand, die Tennisästheten verzückt, und als passabler Doppelspieler verfügt er auch über einiges Ballgefühl am Netz. Wenn er sein Spiel zusammen hatte und das Puzzle aus vielen Einzelteilen zusammengesteckt war, dann konnte jeder den möglichen Topspieler sehen. Aber noch häufiger sah man eben etwas ganz anderes, und dann konnte man früh erkennen, dass er nicht alle Mosaiksteinchen dabei hatte, und seine Körpersprache verriet, dass er selbst am meisten darüber verzweifelt war.

          „Ich bin jetzt reifer und ruhiger geworden“, sagt Kohlschreiber nun in Melbourne, und obwohl er immer noch so jungenhaft wirkt, ist er mit 28 Jahren auch schon im Schlussdrittel seiner Karriere angelangt. Am Sonntag steht er mal wieder an einer Kreuzung, an der sich der weitere Weg entscheidet, und mit Juan Martin del Potro versperrt ihm der wiedererstarkte US-Open-Sieger von 2009 die freie Durchfahrt.

          Endlich wieder erfolgreich: Kohlschreiber steht im Achtelfinale in Melbourne Bilderstrecke

          „Ich bin jetzt bereiter für den nächsten Schritt als je zuvor“, sagt Kohlschreiber, was schon wieder verführerisch klingt, dem aber jene Großspurigkeit fehlt, die früher an seinen Worten klebte. „Stephan Eriksson tut ihm gut“, sagt Kühnen, der es auch nicht für einen Fehler hält, dass Kohlschreiber es zwischendurch mal auf anderen Wegen probiert hat. „Er hat mit Thomas Högstedt, einem der vielleicht besten Trainer der Welt (der momentan Maria Scharapowa betreut) zusammengearbeitet, und er hat es mit Miles Maclagan versucht, der Murray in die Weltspitze geführt hat. Beides hat nicht geklappt, aber deswegen war es nicht falsch.“

          Vielleicht wäre es nur falsch gewesen, nicht dorthin zurückzukehren, wo alles angefangen hat. In Oberhaching hat Kohlschreiber mit den Kollegen Florian Meyer und Philipp Petzschner eine Trainingsgruppe gebildet. „Ich bin physisch gut drauf, ich treffe den Ball ganz gut. Das fühlt sich toll an nach der vergangenen Saison“, sagt er. Auch das ist das Gute an Tiefpunkten - man vergisst sie nicht so leicht. „Es könnte ein gutes Jahr werden“, sagt Philipp Kohlschreiber. So vorsichtig hätte er das früher nicht formuliert.

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Die Stadt Essen hat hohe Liquiditätskredite und würde von einer Schuldenübernahme stark profitieren.

          Konjunkturpaket : Welche Gemeinde kann auf Hilfe hoffen?

          Als Teil des Konjunkturpakets wird auch über Geld für Städte nachgedacht. Doch die geplante Altschuldenübernahme von Finanzminister Scholz würde nur einzelne Kommunen und Bundesländer erreichen.
          Mehr Normalität als anderswo: Freizeitvergnügen in einem Park in Stockholm

          Schwedens Corona-Kampf : Noch Sonderweg oder schon Holzweg?

          Das tut weh: Überall werden die Corona-Beschränkungen gelockert, aber für Touristen aus Schweden bleiben die Grenzen geschlossen. Die Zweifel wachsen, ob das Land am Ende besser aus der Krise herauskommt als die Nachbarn.

          Neue Häuser : Nicht auf den Leim gegangen

          Mehrfamilienhäuser aus Holz gibt es schon einige. Die Baugemeinschaft von „MaxAcht“ in Stuttgart hat die Ansprüche noch ein bisschen höher geschraubt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.