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Philipp Boy : Risiko-Flüge

Bittere Enttäuschung: Boy patzt auch bei den Spielen in London und kann seine Leistung nicht abrufen Bild: dpa

Bei den Sommerspielen in London hat Kunstturner Philipp Boy im entscheidenden Moment das Vertrauen verloren. Ein Trainingssturz hatte sich in seinem Hinterkopf eingenistet. Nun fragt sich der erst 25-Jährige, ob er lieber einen Beruf erlernen soll.

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          Philipp Boy sitzt an einem der letzten warmen Oktobertage am Berliner Gendarmenmarkt und sieht aus wie das blühende Leben. Das Turnen hat ihm einen phantastischen Körper geschenkt, unter dem dünnen Pullover zeichnen sich die Muskeln seines Oberkörpers und der Arme ab. Seine Körpersprache ist voller Energie. Philipp Boy ist 25 Jahre alt, er ist im besten Sportleralter. Boy sieht aus, als könnte er Bäume ausreißen. Aber wenn Boy spricht, glaubt man, einen alten Mann vor sich zu haben.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Mir tut wahnsinnig viel weh, seit Monaten. Mein Fuß, die Schultern, eigentlich der komplette Körper. Seit acht Monaten kenne ich nur Schmerzen“, sagt Philipp Boy. Am Tag zuvor hatte er ein bisschen Fernsehen geschaut mit seiner Freundin. Als er dann versuchte, wieder aufzustehen, ist er kaum hochgekommen. Seine Freundin hat ihn gefragt: „Ist es wirklich so schlimm?“ Boy hat nur genickt.

          Zwei Tage später ist er mit der deutschen Turn-Nationalmannschaft nach Südamerika geflogen. Er bestreitet in Chile und Brasilien in diesen Tagen keine Wettkämpfe, er wird mit dem Mannschaftsarzt trainieren. Aber vor allem wird er sich mit dem Bundestrainer, dem Sportdirektor und dem Präsidenten unterhalten, ob er seine Karriere überhaupt fortsetzen wird. Am Ende des Jahres will sich Boy entscheiden.

          Er macht nur weiter, wenn die Schmerzen vergehen

          Am liebsten würde er bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro weitermachen, aber auch 2014 mit den Weltmeisterschaften aufzuhören, ist eine Option. Doch nur dann, wenn bis zum Jahresende die Schmerzen vergehen. „Bevor es meinem Körper nicht besser geht, kann ich keine Entscheidung treffen. Ich will ja noch sechzig Jahre mit meinem Körper leben“, sagt Boy: „So will niemand aufhören, wenn man so erfolgreich war. Das wird eine sehr schwere Entscheidung.“

          Es geht für Boy nicht nur darum, zu erkennen, ob der Körper im Training wieder bereit sein wird, weitere Schmerzen zu ertragen. Das mögliche sportliche Karriereende rückt für Boy auch den Anfang eines neuen Beruf-Lebens in den Blickpunkt - und damit auch die Frage, was der Hochleistungssport einem der besten deutschen Turner bisher gebracht hat.

          Sturz in Montpellier: Im Mai 2012 rutschte Boy bei der EM die Hand vom Reck

          Die spätestens seit den Spielen in London überfällige Diskussion, welchen Spitzensport sich das Land leisten soll, bekommt im Fall von Philipp Boy ein Gesicht. Denn die Frage jenseits aller körperlichen Schmerzen lautet auch: Kann sich der zum deutschen Turner der Jahre 2011 und 2012 gewählte Boy, der WM-Zweite und Europameister im Mehrkampf des Vorjahres, im besten Sportleralter den Leistungssport in Deutschland eigentlich noch leisten? Welches Risiko will er noch eingehen für den Sport? „Wo ist der Anreiz, wenn man gesehen hat, was nach großen Erfolgen passiert? Nämlich wenig. Und wo ist der Anreiz, noch mal vier Jahre dran zu hängen, und dabei zudem noch zu riskieren, vielleicht gar keine sportlichen Erfolge mehr einzufahren?“

          Es war wohl jener Tag im November 2011, der die Weichen von Boys lange kerzengeraden Karriere neu stellte. Beim Weltcup in Stuttgart stürzte er fürchterlich vom Reck. Als er am Boden lag, dachte er an das Schicksal von Ronny Ziesmer, der nach einem Trainingssturz querschnittsgelähmt blieb. „Ich bin unendlich glücklich, dass nichts passiert ist. Ich hatte wahnsinnig viele Schutzengel“, sagt Boy. Bis zu diesem Tag schien er der Mann zu sein, der es mit Fabian Hambüchen aufnehmen konnte. Er war drauf und dran, den populärsten deutschen Turner hinter sich zu lassen. Die Olympischen Spiele in London sollten Boys Spiele werden. Aber sein Körper vergaß den Sturz nicht.

          Zum ersten Mal Angst

          „Von Verletzungen war nichts geblieben im neuen Jahr, aber im Kopf schon. Ich hatte zum ersten Mal ein bisschen Angst“, sagt Boy. Vorher hatte er sich über die Gefahren kaum Gedanken gemacht, er turnte „Kamikaze“. Aber Boy merkte nun, dass er die Flugelemente nach dem Sturz nicht mehr so lösen konnte, wie er das vorher immer getan hatte. Normalerweise haben Turner vor den Flügen durch die Luft eine Vorbereitungsphase, um die „Stange auszulenken“, wie sie sagen, „und dann lässt man los“. Aber Boy konnte nicht mehr loslassen. „Wenn es los gehen sollte, habe ich festgehalten. Ich konnte das nicht steuern. Das saß im Hinterkopf. Es hat mich eine wahnsinnige Überwindung gekostet, dass ich es überhaupt gelöst habe“, sagt er: „Das war russisches Roulette.“

          Platz zwei in Rotterdam: Bei der WM 2010 war die Welt für Boy noch in Ordnung

          Es machte ihm vor allem zu schaffen, dass es dort, am Reck, wo er die Medaille gewinnen wollte, nicht mehr lief. Er versuchte, sich in der Olympia-Vorbereitung zu überwinden. Manchmal klappte es, aber „diese Aussetzer“ kamen immer wieder. Kurz vor den Spielen glaubte er, die Sache im Griff zu haben. Es gab nur Olympia für ihn, die große Bühne. „Da habe ich das Ding gnadenlos durchgezogen.“ Aber in London am Wettkampftag, beim Einturnen in der Nebenhalle, war der Aussetzer wieder da. Boy sagte sich: Egal, was beim Wettkampf geschieht - du musst dich von dieser verdammten Stange lösen. „Und dann bin ich vorbeigeflogen“, sagt er. „Kein Mehrkampffinale. Kein Reckfinale. Verletzt. Die volle Ausbeute.“

          Vier Jahre Training, Schmerzen - für nichts

          Danach hat er seine Bilanz gezogen. Sie fiel ernüchternd aus. „Ich bin bei Olympia mit Null rausgegangen. Ich habe vier Jahre trainiert, viele Schmerzen auf mich genommen und viel investiert - man verzichtet richtig im Sport. Und dann gehe ich mit einer Verletzung raus“, sagt Boy. „Aber nur der Erfolg hat viele Väter.“ Den Misserfolg und die Folgen jedoch muss der Sportler alleine tragen.

          Während der Spiele in London hat eine Zeitung aufgelistet, was die Sportler von London angeblich verdienen. Boy hat sich das gemerkt. Usain Bolt - 1,3 Millionen Euro im Monat. Das ist eine andere Liga, na klar. Aber hinter dem Namen von Fabian Hambüchen standen 31000 Euro, hinter Britta Steffen 28000 Euro. Aber an den Boulevard wollte er sich nicht verkaufen. Auch wenn er wusste, dass es nötig gewesen wäre, um in einer Sportart wie Turnen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

          Eine Bankausbildung hat er abgebrochen

          Im Jahr 2009 hat Boy seine Bankausbildung abgebrochen, er ist bei der Bundeswehr eingestiegen in die Sportförderkompanie. Er sagt, dass sei die richtige Entscheidung gewesen, denn danach kamen die Erfolge. Anders wäre es nicht gegangen, nicht im Turnen mit diesem enormen Trainingsaufwand. „Aber in dieser Zeit legen die anderen ohne Leistungssport beruflich die Grundlagen“, sagt Boy. Nach seiner Karriere will er in die Finanzbranche einsteigen. Das könnte schon in ein paar Monaten so sein, weit früher, als er sich das eigentlich gedacht hatte. „Ich habe in meinem Leben immer nur Sport gemacht, und jetzt heißt es: Ich muss mit etwas anderem mein Geld verdienen“, sagt Boy, „das ist fast eine 180-Grad-Wende.“

          Vor dem Abflug nach Südamerika tat sein Fuß „fast immer noch genauso weh“ wie direkt nach dem Sturz von London. Es war nichts gerissen oder gebrochen, aber ein richtiger Sprint ist immer noch nicht drin, auch das Springen fällt schwer. Wie so vieles in diesem Jahr, in dem er groß rauskommen wollte, aber dann Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen die Medaillen holten. Erst war es das Handgelenk, dann das Schlüsselbein, die Schulter, der Rücken und jetzt der Fuß. „Meinem Handgelenk und meinem Schlüsselbein tun Erholung ganz gut. Ich weiß aber nicht, was passiert, wenn ich wieder was drauf packe“, sagt Boy.

          Das will er in den kommenden Wochen herausfinden. Wenn der Körper mitmacht, will er es wagen. Sonst steht mit 25 Jahren sein endgültiger Abschied vom Turnsport bevor. „Ich habe fast mein ganzes Leben in der Halle verbracht. Trainer zu werden, ist keine Option für mich. Ich habe nicht vor, auch den Rest meines Lebens in der Halle zu verbringen.“

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