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Philipp Boy : Risiko-Flüge

Zum ersten Mal Angst

„Von Verletzungen war nichts geblieben im neuen Jahr, aber im Kopf schon. Ich hatte zum ersten Mal ein bisschen Angst“, sagt Boy. Vorher hatte er sich über die Gefahren kaum Gedanken gemacht, er turnte „Kamikaze“. Aber Boy merkte nun, dass er die Flugelemente nach dem Sturz nicht mehr so lösen konnte, wie er das vorher immer getan hatte. Normalerweise haben Turner vor den Flügen durch die Luft eine Vorbereitungsphase, um die „Stange auszulenken“, wie sie sagen, „und dann lässt man los“. Aber Boy konnte nicht mehr loslassen. „Wenn es los gehen sollte, habe ich festgehalten. Ich konnte das nicht steuern. Das saß im Hinterkopf. Es hat mich eine wahnsinnige Überwindung gekostet, dass ich es überhaupt gelöst habe“, sagt er: „Das war russisches Roulette.“

Platz zwei in Rotterdam: Bei der WM 2010 war die Welt für Boy noch in Ordnung

Es machte ihm vor allem zu schaffen, dass es dort, am Reck, wo er die Medaille gewinnen wollte, nicht mehr lief. Er versuchte, sich in der Olympia-Vorbereitung zu überwinden. Manchmal klappte es, aber „diese Aussetzer“ kamen immer wieder. Kurz vor den Spielen glaubte er, die Sache im Griff zu haben. Es gab nur Olympia für ihn, die große Bühne. „Da habe ich das Ding gnadenlos durchgezogen.“ Aber in London am Wettkampftag, beim Einturnen in der Nebenhalle, war der Aussetzer wieder da. Boy sagte sich: Egal, was beim Wettkampf geschieht - du musst dich von dieser verdammten Stange lösen. „Und dann bin ich vorbeigeflogen“, sagt er. „Kein Mehrkampffinale. Kein Reckfinale. Verletzt. Die volle Ausbeute.“

Vier Jahre Training, Schmerzen - für nichts

Danach hat er seine Bilanz gezogen. Sie fiel ernüchternd aus. „Ich bin bei Olympia mit Null rausgegangen. Ich habe vier Jahre trainiert, viele Schmerzen auf mich genommen und viel investiert - man verzichtet richtig im Sport. Und dann gehe ich mit einer Verletzung raus“, sagt Boy. „Aber nur der Erfolg hat viele Väter.“ Den Misserfolg und die Folgen jedoch muss der Sportler alleine tragen.

Während der Spiele in London hat eine Zeitung aufgelistet, was die Sportler von London angeblich verdienen. Boy hat sich das gemerkt. Usain Bolt - 1,3 Millionen Euro im Monat. Das ist eine andere Liga, na klar. Aber hinter dem Namen von Fabian Hambüchen standen 31000 Euro, hinter Britta Steffen 28000 Euro. Aber an den Boulevard wollte er sich nicht verkaufen. Auch wenn er wusste, dass es nötig gewesen wäre, um in einer Sportart wie Turnen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Eine Bankausbildung hat er abgebrochen

Im Jahr 2009 hat Boy seine Bankausbildung abgebrochen, er ist bei der Bundeswehr eingestiegen in die Sportförderkompanie. Er sagt, dass sei die richtige Entscheidung gewesen, denn danach kamen die Erfolge. Anders wäre es nicht gegangen, nicht im Turnen mit diesem enormen Trainingsaufwand. „Aber in dieser Zeit legen die anderen ohne Leistungssport beruflich die Grundlagen“, sagt Boy. Nach seiner Karriere will er in die Finanzbranche einsteigen. Das könnte schon in ein paar Monaten so sein, weit früher, als er sich das eigentlich gedacht hatte. „Ich habe in meinem Leben immer nur Sport gemacht, und jetzt heißt es: Ich muss mit etwas anderem mein Geld verdienen“, sagt Boy, „das ist fast eine 180-Grad-Wende.“

Vor dem Abflug nach Südamerika tat sein Fuß „fast immer noch genauso weh“ wie direkt nach dem Sturz von London. Es war nichts gerissen oder gebrochen, aber ein richtiger Sprint ist immer noch nicht drin, auch das Springen fällt schwer. Wie so vieles in diesem Jahr, in dem er groß rauskommen wollte, aber dann Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen die Medaillen holten. Erst war es das Handgelenk, dann das Schlüsselbein, die Schulter, der Rücken und jetzt der Fuß. „Meinem Handgelenk und meinem Schlüsselbein tun Erholung ganz gut. Ich weiß aber nicht, was passiert, wenn ich wieder was drauf packe“, sagt Boy.

Das will er in den kommenden Wochen herausfinden. Wenn der Körper mitmacht, will er es wagen. Sonst steht mit 25 Jahren sein endgültiger Abschied vom Turnsport bevor. „Ich habe fast mein ganzes Leben in der Halle verbracht. Trainer zu werden, ist keine Option für mich. Ich habe nicht vor, auch den Rest meines Lebens in der Halle zu verbringen.“

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