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Pferdesport : Warum Mädchen reiten

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Auf dem Stallgelände in der Überzahl: Reiten ist heute eine Angelegenheit von Mädchen Bild: Wonge Bergmann

Nichts für Jungs: In Reitklubs sind Teenagerinnen fast völlig unter sich. Das Pferd diene als Beziehungsfigur, glauben Wissenschaftler. Weil das Interesse am Tier aber mit dem Älterwerden nachlässt, klagt der Verband über Mitgliederschwund.

          Als der Münsteraner Rechtsanwalt Reiner Klimke im Jahr 1984 gemeinsam mit drei Frauen olympisches Mannschaftsgold im Dressurreiten holte, soll er gesagt haben: „Die Zukunft gehört den Mädchen.“ Klimke war damals 48 Jahre alt, Spitzensportler und Gründer eines der renommiertesten Reitvereine des Pferdelandes Westfalen: Nur fünf Autominuten von Münsters Innenstadt entfernt hatte er Reithallen und Pferdeställe errichten lassen. 47 männliche Mitglieder hat sein Verein „St. Georg“ heute - aber mehr als 300 weibliche.

          Auch an diesem Dienstagnachmittag sind auf dem Stallgelände nur Mädchen zu sehen. Keine Jungs, keine Männer, aber auch keine Frau, die dem Teenageralter entwachsen ist. Reiten ist heute eine Angelegenheit von Frauen vor dem Erwachsenwerden. Dreißig Kilometer östlich vom Reitverein St. Georg liegt eine Institution, die mit den Folgen dieser Entwicklung kämpft. Im westfälischen Warendorf ist der Sitz der FN - der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. 15.000 Mitglieder hat der Verband seit 2004 verloren. Vor einem Jahr rief die FN deshalb die Kampagne „Vorreiter Deutschland“ ins Leben - ein Beratungsprogramm für Reitvereine. „Wir wollen uns jetzt um Gruppen kümmern, die dem Reitsport bisher fernbleiben, vor allem Neueinsteiger über 30, Jungs und erwachsene Männer“, sagt Maria Schierhölter-Otte, die für die FN schon zuvor die Kampagne „Jungs aufs Pferd“ organisiert hat. Zwanzig Zentimeter hoch ist der Stapel Strategiepapiere, den sie Journalisten zur Verfügung stellt: Die Zeit läuft ab, warnen darin Sportwissenschaftler und Soziologen. Ist Reiten erst einmal endgültig mit dem Etikett „Mädchensport“ besetzt, dann bringen keine zehn Pferde einen Jungen, der nicht aus einer Familie mit einem entsprechenden Hintergrund in Land-, Forst- oder Pferdewirtschaft stammt, noch in den Sattel.

          Warum vor allem Mädchen Pferde mögen?

          Besucht man einen der deutschen Reitvereine, kann man allerdings schnell den Eindruck gewinnen, dass es schon jetzt zu spät ist. „Ich glaube, Jungs finden Reiten absolut unmännlich“, vermutet die 16 Jahre alte Sophia in der Stallgasse des Vereins St. Georg in Münster. Die 15-jährige Susi ergänzt: „Wahrscheinlich würden Jungs sich schämen, ihren Freunden zu sagen, dass sie reiten gehen.“ Warum vor allem Mädchen Pferde mögen? Alle schauen etwas ratlos. Susi sagt schließlich: „Mädchen können eine richtige Freundschaft zu Pferden aufbauen. Jungs sind rationaler.“

          Das Pferd als wichtige Beziehungsfigur: Pferdeleidenschaft als psychologisches Phänomen

          Weiter sind auch die Wissenschaftler bisher nicht gekommen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. Die meisten deuten die Pferdeleidenschaft von Mädchen als psychologisches, nicht als sportliches Phänomen: Das Pferd scheint als wichtige Beziehungsfigur während der Teenagerzeit zu dienen, ihm gelten Zärtlichkeit, Fürsorge und der Wunsch nach Nähe. Einige Autoren halten das Pferd dabei für ein Übergangsobjekt - zwischen den Puppen der Kindheit und den eigenen Kindern im Erwachsenenleben. Die Genderforscherin Lotte Rose erklärte das Phänomen psychoanalytisch. Sie schrieb, im Pferdestall entdeckten die Mädchen einen Gegenentwurf zu ihrer strengen Lebenswelt, in der sie auf Sauberkeit und ein adrettes Äußeres getrimmt würden.

          Wichtiger als Mutter, Vater und beste Freundin

          Der Psychologe Harald Euler hat in den neunziger Jahren die in Deutschland bisher meistbeachtete Studie über pferdenärrische Mädchen veröffentlicht. „Wir verteilten zunächst Fragebögen an 140 Mädchen auf Reiterhöfen“, erklärt Euler. Die Mädchen beantworteten Fragen zu dem Pferd, das sie regelmäßig ritten - etwa, ob sie es in einer Katastrophensituation retten würden oder es jemals gegen ein anderes Pferd eintauschen würden. Auch Euler kam danach zu dem Schluss, es handele sich um ein typisches Bindungsphänomen: Den meisten Mädchen war das Pferd sogar wichtiger als Mutter, Vater und beste Freundin.

          In einer zweiten Studie befragte Euler 110 zufällig ausgewählte Mädchen und Jungen zwischen fünf und neun Jahren. Die Kinder sollten drei Lieblingsobjekte aus verschiedenen gezeichneten Wunschobjekten auswählen. Zwar ließen elf Mädchen - ein Fünftel der ganzen Mädchengruppe - das Pferd dabei völlig unberücksichtigt. Die Hälfte der Mädchen wählte das Pferd aber sogar an erster Stelle, während die Jungs vor allem das Motorrad und das Raumschiff schätzten. „Wir haben uns dann gefragt, worin sich die Mädchen, die Pferde besonders gern mochten, von den anderen unterschieden“, sagt Euler. „Offenbar hatten sie eine größere Tierliebe und mehr Interesse an unberührter Natur als andere Kinder.“ Als Euler zusätzlich 800 Jugendliche bis 17 Jahre befragte, konnte er zeigen, dass die Pferdeliebe der Mädchen ein Verfallsdatum hat: Ab dem zwölften Lebensjahr geht ihr Interesse am Objekt „Pferd“ rapide zurück. Ab 16 wählen die Mädchen schließlich sogar das Motorrad häufiger zum Lieblingsobjekt als das Pferd.

          So flüchtig die Pferdeleidenschaft heranwachsender Mädchen in westlichen Industrieländern ist, so neu ist sie auch - historisch betrachtet. Noch in den zwanziger Jahren hieß es in der ältesten deutschen Reiterzeitschrift „St. Georg“, die Muskeln einer Frau am Schenkel erlaubten keinen festen Halt am Sattel, deshalb sollten Frauen besser weiterhin im Damensattel reiten. Das Reitsportgeschehen war zu dieser Zeit noch fest in der Hand von Militärs. Nur Frauen aus der Oberschicht hatten vereinzelt die Möglichkeit, sich sportlich im Sattel zu messen - etwa Irmgard von Opel, die als „Reitwunderkind“ galt, nachdem sie 1934 das Deutsche Spring-Derby gewonnen hatte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die jungen Frauen in größerer Zahl in die neugegründeten Reitvereine zu strömen. 1977 schließlich zogen sie im FN-Register erstmals zahlenmäßig an den Männern vorbei. „Damals glaubte man noch, pubertierenden Mädchen mit dem Pferd einen ,guten Freund' an die Seite stellen zu können“, erzählt eine Frau, die Ende der siebziger Jahre zu reiten begann. Die 44-Jährige bringt an diesem Nachmittag ihre zehnjährige Tochter zum Reitunterricht in Münster. Sie selbst war elf, als sie ein eigenes Pferd bekam. Ihre eigene Tochter musste anderthalb Jahre lang betteln, bevor sie Reitstunden nehmen durfte. „Ich hätte Ida das von mir aus nicht vorgeschlagen“, sagt die Mutter. „Die Kinder haben heute einfach nicht mehr so viel Zeit. Außerdem weiß ich, wie gefährlich der Sport sein kann.“

          Vielen Eltern ist die Leidenschaft der Töchter unheimlich

          Idas Mutter steht mit ihrer Skepsis nicht allein. Vielen Eltern ist die Pferdebegeisterung ihrer Töchter unheimlich. Sie habe jahrelang mit ihrer Mutter diskutiert, bevor sie die erste Reitstunde habe nehmen dürfen, sagt Susi. „Meine Mutter ist Ärztin, ich bin kurz vorm Sitzenbleiben“, fügt die Fünfzehnjährige hinzu, als ob damit alles erklärt wäre. Auch die Pferdeforen im Internet sind voll mit den Sorgen junger Reiterinnen, die sich die Konflikte mit den Eltern von der Seele schreiben. „Seit fünf Jahren drehen sich die meisten Streitigkeiten rund ums Reiten“, schreibt ein Mädchen. „Zu gefährlich, zu viel Zeitaufwand, zu teuer“, fasst eine Vierzehnjährige die Bedenken ihrer Eltern zusammen.

          Der Psychologe Harald Euler findet, dass Eltern die Leidenschaft der Töchter zwar hinterfragen sollten, aber immer im Hinblick auf die Gesamtsituation. „Ich vermute, dass der Umgang mit dem Tier immer einen positiven Einfluss auf die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes hat“, sagt Euler. „Es kommt aber auf die Vielfalt der Interessen und Erfahrungen an. Man sollte überprüfen, ob das Kind nur auf Pferde fixiert ist und ihm keine Zeit mehr bleibt, sich für Menschen oder musische Dinge zu interessieren.“

          Auf dem Stallgelände in Münster ist es inzwischen dunkel geworden. Endlich taucht auch ein Junge auf. Jonas ist sieben und kommt zum Voltigieren. In einer Gruppe mit anderen Kindern lernt er akrobatische Turnübungen auf einem galoppierenden Pferd. Gefragt, ob andere Jungs in seiner Klasse auch reiten, antwortet er beinahe selbst überrascht: „Ich bin der Einzige.“ Dann läuft er los, in die Reithalle. Seine Mutter sieht ihm nach und sagt nachdenklich: „Ich glaube, bis Sie kamen und Ihre Fragen gestellt haben, war es Jonas noch gar nicht bewusst, dass das etwas Besonderes ist: ein Junge, der Pferde mag.“

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